Aktuell 27. Mai 2020

Podcasts: Chancen und Tücken

by Christian Jakubetz

Der Hype ist ungebrochen: Podcasts sind inzwischen so populär, dass sie als Medium beinahe gleichauf mit dem klassischen Radio stehen. Und das nicht nur, weil Deutschlands berühmtester Virologe zu Corona-Zeiten ein Podcast-Format zu ungeahnten Reichweiten geführt hat. Allerdings ist es wie bei jedem Hype: Bevor man auf den fahrenden Zug aufspringt, sollte man sich gut überlegen, ob das eine sinnvolle Entscheidung ist.

Mehr als ein Mikro und eine Stimme: Gute Podcasts erfordern inzwischen auch eine entsprechende Technik. (Bild von Iván Patxi Gómez auf Pixabay)

Man stellt sich das ja so einfach vor: Podcasten, das ist in der öffentlichen Wahrnehmung noch viel zu oft gleichbedeutend mit „Jemand setzt sich vor ein Mikro und redet irgendwas“. Das soll nicht bedeuten, dass es nicht manchmal auch so ist. Es gibt zudem Menschen und Formate, bei denen das sogar ganz unterhaltsam sein kann.

Allerdings: Das sind Ausnahmen.

Wichtig sind: Stimme, Technik, Thema

(In diesem Podcast spreche ich mit der HR1-Moderatorin und Podcast-Kollegin Marion Kuchenny darüber, was den Unterschied zwischen Podcast und Radio ausmacht und was man sowohl formal als auch handwerklich berücksichtigen sollte. Und warum der Audio-Boom gerade erst am Anfang steht, erzählt DetektorFM-Chef Christian Bollert hier.)

Was also gehört grundsätzlich dazu, wenn man einen guten Podcast machen will?

Drei Überlegungen sind es (mindestens), die man zuvor anstellen sollte:

Erstens: Habe ich ein Thema? Eines, das über mehrere Folgen trägt, möglicherweise sogar über einen längeren Zeitraum? Lassen Sie sich in der ersten Euphorie nicht blenden. Angenommen, Sie wollen einen Podcast mit wöchentlicher Erscheinung in einer Länge von 30 Minuten machen. Bei zehn Folgen wären das schon satte fünf Stunden. Die muss man erst mal mit sinnigem Inhalt vollbekommen. Davon abgesehen, man muss das auch noch produzieren. Zumal in Zeiten, in denen der Begriff „Laber-Podcast“ zu einer handfesten Beleidigung geworden ist. Also, nur 30 Minuten reden könnte auf Dauer etwas langweilig werden. Und wenn man sich trotzdem dafür entscheidet: 30 Minuten sind eine lange Zeit. Nicht vergessen: Sie wollen in einem solchen Format 30 Minuten die ungeteilte Aufmerksamkeit des Hörers. Das ist schon ein bisschen was verlangt.

Zweitens: Wie komme ich rüber am Mikro? Generationen von Radio-Journalisten mussten sich mit dieser Frage auseinandersetzen.

Podcasts sind nicht Radio, schon klar. Und die strengen Maßstäbe, die man gerne an Radio-Stimmen anlegt, die muss man nicht komplett bei Podcastern anlegen. Aber es geht ja nicht nur um die Stimme. Sondern um das Gesamtpaket. Eine gute Stimme alleine muss noch nicht verhindern, dass jemand möglicherweise einschläfernd ist. Oder staubtrocken.

Kurz gesagt: Egal, ob Sie selber vors Mikro wollen oder Gäste einladen oder als Dritter für jemand anderen produzieren – beim kritischen Check der Mikrotauglichkeit sollten Sie nicht allzu viele Kompromisse eingehen.

Und immer dran denken: In nichts sind Menschen so schlecht wie dabei, sich selbst einzuschätzen.

Drittens: Habe ich das technische Know-how und das passende Equipment? Zu den unsinnigsten Legenden der Podcasterei gehört die Behauptung, Podcasts seien simpel zu erstellen. Das stimmt höchstens, wenn man darunter versteht, dass sich jemand vor ein Mikro setzt und was erzählt. Mit etwas Glück kann sogar etwas halbwegs Brauchbares rauskommen. Wer sich aber schon mal mit den Tücken von Mikrofonen, Mischpulten, Aufnahmegeräten und Schnittprogrammen beschäftigt hat, der weiß: Es braucht nicht viel, um einen Podcast ordentlich zu ruinieren.

Die Frage nach dem richtigen Format

Podcasts können alles Mögliche sein. Weder gibt es das eine für alle Situationen richtige und perfekte Format, noch gibt es Längenbeschränkungen. Bei „Zeit Online“ sind sie ziemlich stolz darauf, mit ihrem „Alles gesagt“-Format auch alle Zeitgrenzen zu sprengen, die Folgen gehen häufig über mehrere Stunden.

Aber was bedeutet das in der Praxis? Nicht mehr, als dass es Menschen gibt, die sich mehrstündige Talks anhören. Das sagt aber keineswegs etwas darüber aus, ob ein Mehrstünder für alle ein geeigetes Format ist.

Die Frage kommt bei dem Thema unweigerlich: We lange darf ein Podcast maximal sein? Natürlich ist es verführerisch, dafür nach einer Faustregel zu suchen. Alleine, es gibt sie nicht. Für jede Zahl gäbe es sofort ein Gegenbeispiel.

(Radio oder Podcast oder doch beides? Marion Kuchenny und ich debattieren das im Podcast „Satzzeichen“).

Das belegt auch eine aktuelle Umfrage unter Podcast-Hörern: Auf die Frage nach der für sie optimalen Länge eines Podcasts ergibt sich schlichtweg keine eindeutige Präferenz. In die Ergebnisse kann man alles und nichts reininterpretieren. Bleibt also als Fazit: Machen Sie es von Ihrem Thema abhängig und lassen Sie sich bei der Entwicklung eines Podcasts nicht zu sehr von Formalien wie Längen leiten. Das ist ja dann wieder das Schöne an Podcasts: Über die Länge und andere Beschränkungen muss man sich deutlich weniger Gedanken machen als in klassischen Medien.

Dazu kommt: Kein Podcast muss ein Projekt für die Ewigkeit sein. Manche sind von vornherein auf eine bestimmte Zahl von Folgen ausgelegt. Aber auch für eine Staffel mit, sagen wir, acht bis zehn Folgen bleibt die Grundsatzfrage:

Was soll in diesen Episoden passieren?


Banale Frage, denken Sie? Keineswegs. Wenn Sie es nicht glauben, machen Sie sich gerne einen Themenplan für einen Podcast Ihrer Wahl. Und dann streichen Sie alles weg, was

  • redudant
  • nur so mittelspannend
  • nicht von anderen schon gesagt
  • als Audio nicht gut darstellbar

ist.

Und, sind Ihre Folgen schon gefüllt? Jede mit mindestens 15 bis 20 Minuten, und zudem so, dass sie alle wenigstens ein bisschen Halbwertzeit haben und ggf. auch in ein paar Wochen noch hörenswert sind? Wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, werden Sie feststellen: Auf eine etwaige erste Podcast-Euphorie folgt schnell etwas Ernüchterung.

Kurz gesagt: Lieber etwas mehr als zu wenig Selbstkritik. Zumal mal einen verunglückten Text noch immer ganz gut redigieren kann. Bei einem Podcast ist das schon wesentlich schwieriger.

Zusammengefasst: Wie in jedem Medium ist eine vernünftige Planung schon die halbe Miete. Konzeptloses Drauflosplappern ist in Zeiten der zunehmenden Professionalisierung des Audio-Marktes jedenfalls keine sehr gute Idee.

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