Aktuell 27. Juni 2017

Social Media: Vertrauen weniger, Zukunft rosig

by Christian Jakubetz

Wenn es um das Thema Social Media geht, erlebt man bei Medienmenschen oft starre Fronten. Für die einen sind sie die Zukunft des Journalismus, siehe auch das Stichwort Homeless Media. Den anderen fallen dazu vor allem eher negative Begriffe ein. Echokammern und Filterblasen sorgen dafür, dass ganze Gesellschaften polarisiert werden. Dem neuen Digital News Report des Reuters Institute zufolge ist die ganze Geschichte aber nicht so einfach. Im Gegenteil: Sie ist, wie so vieles im Netz, ambivalent.

Social Media Trust
In Facebook we trust – mehr oder weniger: Wenn es um journalistische Inhalte geht, haben die meisten User ein eher gespaltenes Verhältnis zu Social Media. (Foto: Facebook)

Natürlich, so schreibt das Institut, seien Filterblasen und Echokammern eine nicht zu leugnende Realität. Gleichzeitig habe man aber auch etwas anderes festgestellt. Demnach erleben – im Durchschnitt – Benutzer von Social Media, Aggregatoren und Suchmaschinen mehr Vielfalt als Nicht-Nutzer. Was die Frage aufwirft, wie das zusammenpassen soll. Einfache Antwort: Es kommt auf den Nutzer an. Wer es richtig angeht, für den können soziale Netzwerke tatsächlich eine bisher nicht gekannte Vielfalt an Medien und Menschen bedeuten. Wer hingegen zu einer sehr engen Weltsicht neigt, findet sich dort einfach nur bestätigt. Was möglicherweise aber gar nicht so sehr eine Sache der Medien, sondern der Persönlichkeitsstruktur ist. Confirmation bias nennen es Wissenschaftler, wenn Menschen sich vor allem von dem überzeugen lassen wollen, was sie ohnehin schon zu wissen glauben.

Das (soziale) Netz habe zwar möglicherweise in einigen Ländern das Misstrauen in etablierte Medien verschärft, schreibt das Institut. Sehr häufig aber sei die erkennbare Polarisierung der Gesellschaft ohnehin schon sehr weit fortgeschritten. Möglicherweise also kann sich dort der Gebrauch sozialer Netzwerke verschärfend auswirken. Es wäre aber viel zu einfach, wenn man beispielsweise die extreme Polarisierung in den USA (Trump!) hauptsächlich daran festmachen würde, dass Menschen dort übermäßig viel Social Media konsumieren würden.

Messenger machen Social Media Konkurrenz

In einigen Märkten beobachten die Macher der Studie zudem ein Abflachen von Social Media als Newsquelle. Mit ein Grund dessen: Die wachsende Beliebtheit von Messengern – und dabei natürlich vor allem von Whats App. Vor allem zwei Gründe nennen die Forscher für diese Entwicklung. Erstens: Messenger sind zumindest nach außen hin privater als Netzwerke. Nicht alles dort ist buchstäblich in Stein gemeißelt und für alle Ewigkeit von aller Welt zu sehen. Zudem werden Messenger nicht von Algorithmen gefiltert. Möglicherweise bekommt es also eine eigene Dimension für sich, wenn Nachrichten verlässlich wieder Nachrichten sind – und nicht das Resultat einer Rechenformel.

In Deutschland ist man noch ein gutes Stück entfernt davon, dass WhatsApp Facebook als Newsquelle Nummer 1 im sozialen Netz ablöst. Trotzdem zeigt sich auch hier: Facebook verliert, WhatsApp legt zu. Was den Konzern ziemlich egal sein dürfte: Unter den ersten fünf populärsten Netzwerken und Messengern tauchen drei aus dem Hause Facebook auf.

 

Social Media Deutschland

 

Diese Zahlen – insbesondere der Facebook-Wert – zeigt zumindest für Deutschland aber auch noch anderes. User im sozialen Netz können schon noch ganz gut unterscheiden zwischen einem privaten Netzwerk mit ebensolchen Funktionen und einer Nachrichtenseite. Wie überhaupt die Werte für soziale Netzwerke vergleichsweise niedrig sind, wenn es um klassische Medienfunktionen geht. Selbst das unter Journalisten hochgehandelte Twitter ist de facto ein Nischenkanal, wenn es um die Mediennutzung geht (und diese Nische sind womöglich auch noch hauptsächlich Journalisten). In ihrer Mediennutzung sind die Deutschen dem Report zufolge ohnehin eher konventionell-konservativ.

Überhaupt: Die überwiegende Mehrheit der User weltweit hat zumindest eine Ahnung, dass in sozialen Netzwerken nicht immer die Wahrheit zu lesen ist. Nur ein knappes Viertel der Befragten glaubt, dass bei Facebook und Co. sauber getrennt werde zwischen Fakt und Funktion. Den klassischen Medien billigen dies immerhin 40 Prozent zu. Das ist zwar auch noch kein stolzer Wert. Immerhin glauben demnach ja 60 Prozent, dass auch in konventionellen Medien Fakt und Fiktion gelegentlich durcheinander geraten. Trotzdem aber begegnen die meisten User sozialen Netzwerken mit einer gesunden Grundskepsis.

Der digitale Graben wird immer tiefer

Zu den Widersprüchlichkeiten der Medien-Digitalisierung gehört, dass sich diese Entwicklungen bald wieder umkehren können. Der Grund dafür ist mal wieder der tiefe digitale Graben. Im Falle Social Media heißt das: Weltweit sind für die heute 18 bis 24jährigen Online-Medien (einschließlich soziale Netzwerke) die wichtigste Nachrichtenquelle. Noch frappierender: In dieser Altersgruppe bezeichnet rund ein Drittel der Nutzer Social Media als wichtigsten Infokanal. Von der eben noch beschriebenen Grundskepsis ist hier nicht mehr viel zu sehen.

 

Nebenbei: Rechnet man Online-Medien und Fernsehen zusammen, dann kommen die beiden auf einen „Marktanteil“ von fast 90 Prozent bei den jüngeren. Selbst die Altersgruppe 55 plus gibt zu fast 80 Prozent diese beiden Medien als die wichtigsten Infoquellen an; wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen. Für Radio und vor allem Print-Medien bleibt da nur noch ein Plätzchen in der Nische, zumindest wenn es um News geht.

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