Digitales Leben 3. Juli 2015

Abschied vom Artikel

by Christian Jakubetz

Es gehört zu den unterschätztesten Aspekten der Digitalisierung: Mit den Möglichkeiten, die das Netz den Journalisten gibt, sind in den letzten Jahren nahezu unbemerkt eine ganze Reihe neuer Erzählformen entstanden. Damit emanzipiert sich der digitale Journalismus endgültig: Die Zeiten, in denen er nur Adaptionen analoger Formate ins Netz brachte, sind vorbei.

Wachstumstreiber: Immer mehr Zeitungsverlage entdecken News Videos für sich. Sie gehören inzwischen zu den beliebtesten Darstellungsformen im Netz.
Wachstumstreiber: Immer mehr Zeitungsverlage entdecken News Videos für sich. Sie gehören inzwischen zu den beliebtesten Darstellungsformen im Netz.

Es ist noch gar nicht so lange her, da gab es über die Formate im digitalen Journalismus wenig Debatten: Texte im Netz waren klassische Artikel, Videos im Netz waren Adaptionen von TV-Beiträgen und Podcasts und Audios waren halt Radio im Netz. Was medienhistorisch auch gar nichts Ungewöhnliches ist: Als beispielsweise das Fernsehen in seinen Anfangsjahren war, sahen die dortigen Nachrichten nicht sehr viel anders aus als die „Wochenschau“ im Kino. Ein Medium hat sich immer erst dann emanzipiert, wenn es anfing, seine eigenen, spezifischen Formate und Darstellungsformen zu entwickeln.

Im Netz ist es jetzt, nach rund 20 Jahren Online-Journalismus, wohl auch so weit. Ob nun Datenjournalismus, Webvideos, Scroll-Reportagen oder Listings – es gibt mehr und mehr Darstellungsformen, die in dieser Form nur im Netz existieren. Weil sie nur dort existieren können und weil sie letztendlich originären Online-Journalismus ausmachen. Einfach gesagt: Originärer Online-Journalismus ist alles das, was nur im Netz stattfinden kann. Scroll-Reportagen oder interaktive Daten-Anwendungen gehen halt in der gedruckten Zeitung nicht.

HuffPo, Buzzfeed & Co

Es sind allerdings nicht nur die reinen Storytelling-Formate, die neu sind. Insgesamt verändert sich der Journalismus gerade. Mit Produkten und Projekten, die in dieser Form ebenfalls neu und nur im Netz möglich sind. Die inzwischen weltweit vertretene „Huffington Post“ gehört sicher zu diesen neuen Formaten, „BuzzFeed“ ebenso. Speziell bei Letzterem gehen zwar die Meinungen weit auseinander, ob man das noch als „richtigen“ Journalismus bezeichnen kann. Unstrittig ist aber, dass es geklickt wird. Und im Gegensatz zu den bisherigen deutschen Ablegern stehen die „HuffPo“ und „BuzzFeed“ beispielsweise in den USA ja durchaus für Recherche und investigativ-kritische Geschichten.

Man kann vermultich trefflich über Ursache und Wirkung streiten, aber fest steht, dass der Einfluss solcher neuer Angebote in Deutschland noch überschaubar ist (und damit sind nicht die reinen Klickzahlen gemeint). Wirklich hängen geblieben ist von beiden in Deutschland noch nichts. Ob das der Grund dafür ist, dass das deutsche Publikum bei der Nutzung beider zumindest statistisch eher zurückhaltend ist? Lediglich 5 Prozent der Deutschen haben ausweislich des jüngsten „Digital News Reports“ diese Angebote mindestens einmal in der Woche genutzt. In anderen Ländern hingegen, so die Studie, hätten die User HuffPo und Buzzfeed mit offenen Armen empfangen.  Und diejenigen, die sich in Deutschland vor allem an BuzzFeed und anderen Anbieters von „Listicles“ erfreuen, gehören zu der Zielgruppe einer jüngeren Publikums, das sich als „Digital Natives“ fühlt. Keine wirkliche Überraschung, das.

Die Zukunft ist Video

In einem anderen Punkt ist Deutschland allerdings mittendrin in einer Entwicklung, die sich weltweit absehen lässt. Der Siegeszug von Videos ist nicht mehr aufzuhalten. Und das keineswegs nur mit lustigen Katzenfilmen oder anderen Dingen, die von der klassischen Medienwelt gerne immer noch ein wenig geringschätzig als „Webvideos“ bezeichnet werden. Das signifikante Wachstum ist auch und vor allem darauf zurückzuführen, dass Zeitungen auf der ganzen Welt das Video als journalistischen Inhalt für sich entdeckt haben. Die Palette reicht von der „New York Times“ bis hin zur „Bild“.

In Zahlen ausgedrückt: In den vom Digital News Report untersuchten Ländern geben mittlerweile 23 Prozent an, regelmäßig Bewegbild aus der Kategorie „News Video“ zu schauen. Wohlgemerkt: mit dem Fokus auf journalistische Inhalte; würde man nach Videos im Netz generell fragen, würde die Quote deutlich höher ausfallen.

Damit landen Videos schon auf Platz 3 der bevorzugten Newsquellen. Ganz vorne steht immer noch der klassische Artikel, danach kommen aber schon Headline-Übersichten und Videos. Ebenfalls populär: Formate wie etwa Live-Blogs.  Audios spielen allerdings im Netz nur eine vergleichsweise untergeordnete Rolle.

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