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Können Journalisten all das können, was sie angeblich können müssten? Ein Blick in eine Studie legt zumindest eines nahe: Die Digitalisierung hat für diesen Berufsstand auch einige potentielle Schattenseiten…

 

Früher wäre das ein Job für TV-Journalisten gewesen - heute sind digitale Journalisten generell gut beraten, wenn sie mit dem Thema Bewegbild umgehen können. Und mit einigen anderen auch noch...(Foto: Jakubetz)

Früher wäre das ein Job für TV-Journalisten gewesen – heute sind digitale Journalisten generell gut beraten, wenn sie mit dem Thema Bewegbild umgehen können. Und mit einigen anderen auch noch…(Foto: Jakubetz)

Immer schneller, immer interaktiver und auch immer mehr technikgetrieben: Dass sich der Journalismus zunehmend in diese Richtung entwickelt, würde fast niemand mehr abstreiten. Und vieles an diesen Entwicklungen ist ja auch erst einmal positiv. Dass man nicht mehr bis zum nächsten Tag warten muss, um eine fundierte Analyse eines Fußballspiels zu lesen, dass man kurz nach dem Ende einer Wahl schon sehr genau weiß, wer wie und wo vertreten sein wird – das alles ist aus Sicht eines Nutzers nur zu begrüßen. Und dass er inzwischen auch vergleichsweise einfach mitreden kann, wird der Nutzer als solcher vermutlich auch erst einmal begrüßen. Vor allem, wenn er sich vor Augen hält, wie mühsam es früher war, einen Leserbrief zu verfassen – und wie gering die Chancen waren, dass er dann auch irgendwo zu lesen war.

Allerdings: Stößt man bei dieser Vervielfachung von Geschwindigkeit, Interaktion und Technik nicht irgendwann an ganz natürliche Grenzen?

Debatten: Wenn genug genug ist

Die Redaktion von süddeutsche.de zog die Notbremse: Seit einigen Monaten kann man dort nicht mehr unter jedem Thema kommentieren, sondern nur noch bei Geschichten, die von der Redaktion zuvor ausgewählt worden sind. Skandal – oder doch eine schlichte Notwendigkeit? Sicher ist zumindest eines: Die Frage danach, wie viel freie Meinungsäußerung möglich ist, muss sich mittlerweile nahezu jedes größere Medium stellen. Weil die Zahl der potentiellen Rückmeldungen und Meinungsäußerungen inzwischen jedes potentielle Community-Management überfordern würde. Schließlich gibt es ja nicht nur die eigene Webseite, sondern zudem etliche Social-Media-Kanäle. Und für all diese Kanäle, seien es die eigenen oder fremde, predigen Medienmacher inzwischen: Nicht zu lange auf Antwort warten lassen! Präsenz zeigen! Immer im Dialog mit dem User bleiben!

Die Frage ist nur: Wie soll das gehen?

“Aus den multifunktionellen Produktionsweisen wie auch aus dem permanenten Dialog mit dem Publikum können auch Überlastungsmomente für Journalisten resultieren”. Das, was in der Studie von Volker Lilienthal, Stephan Weichert, Dennis Reineck, Annika Sehr und Silvia Worm steht, klingt ein bisschen sperrig, bringt aber etwas auf den Punkt, was man aus Gründen der Korrektheit eigentlich nicht sagen dürfte: Was zuviel ist zuviel. Selbst beim allerbesten Willen übersteigen die Massen an potentiellen Debatten die Möglichkeiten eines Einzelnen oder vielleicht sogar einer ganzen Redaktion.  Dabei greift eine Art negativer Netzwerkeffekt: Je größer ein Angebot, eine Community wird, desto schneller wächst auch seine Bedeutung als Interaktions- und Kommunikationsmedium. Oder, wie es die Studie festhält: desto schneller sind seine Grenzen erreicht.

Immer schneller…

Und zweifelsohne gibt es noch ein weiteres Problem, das zur Überlastung von Journalisten führen kann – und das ebenfalls in der Studie festgehalten ist: Das enorm gestiegene Tempo im Journalismus macht die ganze Sache nicht einfacher. Die Reaktionszeiten werden immer kürzer, die Dinge passieren mancherorts mittlerweile beinahe in Echtzeit. Ein kleines Beispiel: Eine Menge Untersuchungen habe belegt, dass bei großen und wichtigen Themen, die eine breite Masse bewegen, derjenige am meisten Publikum in den sozialen Netzwerken abschöpft, der innerhalb von weniger als 30 Minuten umfassend agiert. Viel Zeit zum Überlegen bleibt da häufig nicht. Wer zudem schon mal quengelnde User erlebt hat, die unzufrieden sind, wenn sie nicht nach kurzer Zeit Feedback bekommen, hat eine Ahnung, wie die Schattenseiten des digitalen Journalismus aussehen.

Dabei geht es nicht nur um die Kommunikation mit dem Nutzer in sozialen Netzwerken oder in den Kommentarspalten, sondern auch um dessen gestiegene Erwartungshaltung, was die “Nachrichtentaktung” angeht: ” Es gibt quasi keine Nachrichtenabendzeiten mehr, Ruhezeiten für uns,“ lässt sich der Chefredakteur von süddeutsche.de, Stefan Plöchinger, in der Studie zitieren. Was so ganz nebenher Journalisten auch vor die schwierige Aufgabe stellt, den vermeintlich unauflöslichen Gegensatz zwischen Schnelligkeit und Gründlichkeit irgendwie aufzuheben. Keine ganz einfache Aufgabe, wie man sich leicht denken kann.

Die Sache mit der Technik

Mehr Kommunikation in Echtzeit also und zudem das gestiegene Tempo, in dem Journalismus heute gemacht wird – und als ob das nicht schon genug wäre, kommen auch noch ganz erheblich gestiegene Anforderungen technischer Art hinzu. Wer heute als digitaler Journalist über die Runden kommen will, sollte neben den üblichen Textwerkzeugen noch ein paar andere Dinge zumindest in den Grundzügen beherrschen: Audio, Video, Bildbearbeitung. Daneben gerne noch ein paar grundlegende  Programmier-Kenntnisse, ein bisschen Datenjournalismus, Social-Media-Basiskenntnisse – man erkennt schnell, dass der digitale Journalismus zwar sehr spannend, aber eben auch enorm anstrengend sein kann. Der Chef von “Zeit online”, Jochen Wegner, nennt das in der Studie die “Agilität von Redaktionen”, die zu einem großen Thema geworden ist. Formuliert man es etwas weniger blumig, man könnte auch sagen: Die Anforderungen an die technischen Fähigkeiten von Journalisten waren noch nie so groß wie heute.

Die Verfasser der Studie nennen es “formale Vielfältigkeit”. Tatsächlich ist es so, dass im Netz zumindest potentiell alle bisherigen Darstellungsformen des Journalismus zu einer neuen Gattung verschmelzen. Journalisten müssen also im digitalen Zeitalter zweierlei können (zumindest theoretisch). Zum einen eine kompetente Entscheidung treffen, welche der Darstellungsformen zum Thema passen könnte. Und zum anderen mit all dem umgehen können, was früher den einzelnen Mediengattungen vorbehalten war: mit bewegtem Bild ebenso wie mit Audio und mit Foto und mit Text.

Wie sehr eine Multimedia-Reportage hohe Anforderungen sowohl an Organisation wie auch Technik und inhaltliches Können stellt, verdeutlicht eine in der Studie zu sehende Grafik, die den Ablauf einer Multimedia-Reportage bei der “Rhein-Zeitung” visualisiert:

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Wenn man so will, dann zeigt diese eine Grafik exemplarisch das Dilemma, in dem sich der überlastete Journalist von heute befindet. Seine Möglichkeiten waren noch nie so groß. Will man es positiv sehen, könnte man sagen: So abwechslungsreich war dieser Job noch nie. Aber gleichzeitig auch noch nie so herausfordernd, so techniklastig, so aufwändig.

Gab es diese Zeiten wirklich mal, in denen Journalisten mit einem Block und einem Bleistift in der Hand losgezogen sind?

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