Software 24. Oktober 2014

Longreads: „Man braucht vor allem viel Zeit“

by Christian Jakubetz

Wie macht man aufwändige multimediale Reportagen innerhalb eines redaktionellen Alltags? Ein Beispiel der „Ruhr-Nachrichten“ gibt aufschlussreiche Einblicke in ein komplexes Thema.

schwarzegefahr

Die Geschichte ist sowohl thematisch als auch in der Umsetzung ungewöhnlich. Auf dem Grundstück einer Familie im Münsterland wird Öl gefunden. Für die Familie beginnt damit so etwas wie ein Albtraum. Aus ihrem Bauernhof wird ein Sperrgebiet. Das, was früher ihre Heimat war, ist jetzt unbewohnbar. Henning Brinkmann, Benjamin Konietzny und Nils Lindenstrauss haben diese Thema aufgearbeitet in Form einer Multimedia-Reportage. Mit allem, was dazu gehört: Fotos, Videos, Daten, Infografiken und einer Timeline. Und natürlich: sehr langen, ausgeruhten, guten Texten. Herausgekommen ist ein Stück, wie man es auf Webseiten deutscher Redaktionen nicht allzu oft findet.

Gebaut wurde die Reportage mit „Creatavist“. Wenn man diese Software vergleicht mit dem in diesem Jahr entwickelten „Pageflow“, dann fallen ein paar Dinge auf.

Für wen ist was geeignet?

„Pageflow“ wurde in Zusammenarbeit mit dem WDR entwickelt. Deshalb ist es auch kein Wunder, dass diese Software ihre Stärken vor allem darin hat, Videos und Audios in einem multimedialen Umfeld gut zu präsentieren. „Pageflow“ kann seine Stärken demnach auch nur entwickeln, wenn man über sehr gutes Material verfügt. Weil Pageflow Videos und Fotos generell immer auf Seitengröße zieht. Das sieht in den meisten Fällen sehr gut aus, aber eben nur dann, wenn man Videos und Fotos hat, die das auch hergeben. Was wiederum die entsprechende Hardware und auch das Können voraussetzt, um so etwas produzieren zu können. Es ist nicht so sehr erstaunlich, dass die meisten (guten) Pageflow-Projekte bisher eher im Umfeld von TV-Sendern entstanden ist. Oder bei Redaktionen, die aus anderen Gründen über sehr gutes Bewegbild-Material verfügen. Kurz gesagt: Ohne gutes Bewegbild verliert „Pageflow“ viel von seinem Witz.

„Creatavist“ bietet hingegen flexiblere Einsatzmöglichkeiten an. Es sieht vor allem dann gut aus, wenn man – wie die Kollegen der RN – eine solche Reportage als ständiges Wechselspiel zwischen Text und (audio)visuellen Elementen aufbaut.

Wie flexibel ist was?

Der größte Vorteil von „Pageflow“ wird schnell zum Nachteil: Man muss ungefähr nichts dafür können und dennoch baut man schnell gut aussehende Seiten zusammen. Die Templates machen es möglich. Aber: Änderungen an den Templates sind eben auch nicht möglich.

„Creatavist“ ist deutlich flexibler einsetzbar. Macht aber eben auch: mehr Mühe.

Wie groß ist der Aufwand?

Im Fall der „Ruhr-Nachrichten“ waren 5 Mitarbeiter rund vier Wochen neben ihrem aktuellen Tagesgeschäft mit dieser Reportage beschäftigt. „Man muss genug Puffer für Testing, Gegenlesen, Optimierung und Reduzierung einplanen“, sagt Philipp Ostrop, in der Chefredaktion der RN mit digitalen Projekten betraut. Natürlich gibt es, wie nirgendwo im Journalismus, Faustregeln für einen zeitlichen Aufwand. Nur diese banale Weisheit stimmt vermutlich immer:  Der Aufwand für solche „Longreads“ ist beträchtlich und kaum in wenigen Tagen zu schaffen. Und: Für Einzelkämpfer kaum zu schaffen, solche Stücke macht man am besten im Team. Die Entstehung haben die RN übrigens umfangreich dokumentiert.

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