Medienwandel 30. Mai 2014

Keine Limits: Wie sich Onlinejournalismus emanzipiert

by Christian Jakubetz

Lang, ausführlich, multimedial: Im Netz setzt sich derzeit eine neue Erzählform durch. Ein Blick auf die Nominierungen des diesjährigen Grimme Online Award zeigt, wie sich der Onlinejournalismus zunehmend von den Vorlagen der analogen Medien emanzipiert.

arabellion
Unter den Nominierten: Das Projekt „Arabellion“ der Rhein-Zeitung.

Über etliche Jahre hinweg galten im Online-Journalismus diese unausgesprochenen Vorurteile: Schnell muss es gehen. Kurz und knackig soll es sein. Im Netz sucht man die schnelle Info, die man dann in der Zeitung vertieft. Online als eine Art Instant-Journalismus, der an der Oberfläche kleben bleibt, weil man am Rechner weder Zeit noch Lust hat, sich intensiv mit einem komplexen Thema oder womöglich sogar langen Texten zu beschäftigen.

Doch der Trend hat sich gedreht. Aus den USA und Großbritannien kamen schon vor Jahresfrist lange Multimedia-Stücke, die nicht nur von Medienkritikern, sondern auch vom Publikum sehr gemocht wurden. Auch in Deutschland hat sich der Trend zu langen, multimedialen und interaktiven Stücken mehr und mehr durchgesetzt. Wenn man die Nominierungen für den Grimme Online Award 2014 betrachtet: Darunter sind einige Angebote, die exakt auf diese Form des Erzählens setzen. Und das sind keineswegs nur die „Großen“, sondern auch Regionalblätter wie beispielsweise die „Rhein-Zeitung“in Koblenz. Die Stücke bzw, diese Erzählform zeichnen sich durch eine Besonderheiten aus:

 

1. Optik:

Im Netz haben Fotos und Optik im deutschsprachigen Raum bisher nicht immer eine wirklich wahrnehmbare Rolle gespielt. Die nunmehr für den GOA nominierten Stücke setzen allesamt auf eine sehr opulente Optik und eine gezielte und auffällig gute Bildauswahl. Die Titel- bzw. Kapitelfotos laufen sehr oft über die gesamte Spaltenbreite. Auch in den Texten selbst wird immer wieder mit vielen auffällig guten Bildern gearbeitet.

 

2. Mulitmedia:

Multimedialität in journalistischen Stücken – das ist ja immer so eine Sache. Zwar ist zunehmend das Bemühen erkennbar, Stücke im Netz nicht einfach nur in der gewohnten Text-Foto-Struktur aufzubereiten. Aber sehr häufig bleibt es eben beim Versuch:  Da wird dann mal eben ein Video oder ein Audio irgendwo mit drangehängt. Die für den GOA nominierten Stücke zeichnen sich sehr häufig auch dadurch aus, dass sie Texte und multimediales Material zu einem Stück zusammen komponieren. Am Ende stehen Inhalte, die präzise aufeinander abgestimmt sind und ein gemeinsames Bild ergeben. Arbeiten mit allen Mitteln, die nicht bloß eine Aneinanderreihung von Inhalten sind: Das ist es, was diese Stücke von vielem unterscheidet, was man sonst so im Netz als „Multimedia“ angeboten bekommt.

 

3. Kapitelstrukturen/Interaktion:

Lange Stücke brauchen Struktur. Noch dazu, wenn Sie sich mit sehr vielen unterschiedlichen Aspekten eines Themas beschäftigen. Auch das haben die nominierten Stücke gemeinsam: Sie führen den Nutzer sehr gezielt durch die Themen und lassen ihm auch die Möglichkeit, das Geschehen interaktiv selbst zu steuern. Das ist möglicherweise auch der komplexeste Job, den Journalisten bei solchen Erzählformen zu bewältigen haben: in eine solche Fülle von Materialien eine Erzählstruktur zu bekommen. Zudem stellt sich immer die Frage: Wie schafft man es, dass das gesamte Stück verständlich bleibt, selbst wenn der Nutzer nicht alle der angebotetenen Materialien wie beispielsweise Videos nutzen will? Und wie bekommt man es in einem solchen Fall hin, dass die Videos, Audios oder Karten mehr sind als eben nur eine nette Dreingabe?

Bemerkenswert an diesem Trend zum langen Erzählen ist auch anderes: In allen analogen Mediengattungen gab und gibt es zeitliche und räumliche Beschränkungen, die als gesetzt gelten. Bei TV- und Radiostücken gibt es die berühmten 2.30, die man tunlichst nicht überschreiten sollte.  In der Tageszeitung spricht man immer noch gerne von 80 oder 100 Zeilen, die das Maximum für einen Text sind (wenn man nicht gerade Seite3-Stücke schreibt). Im Netz war es schon immer schwierig und möglicherweise auch unnötig, solche Limits anzugeben. Die „Longform“-Stücke zeigen: muss nicht wirklich sein. Die Autoren nehmen sich den Platz, den sie benötigen und halten sich nicht an vermeintlich unabdingbare Beschränkungen.

Und das ist ja für den Journalismus generell nicht die schlechteste Entwicklung.

Beispiele aus der Praxis:

 

Arabellion (Rhein-Zeitung.de): Was ist vom arabischen Frühling übrig geblieben? Auf dem Landweg von Tunesien über Libyen und Ägypten nach Tunesien: Das war die Reisestrecke von Dietmar Telser, Redakteur der RZ.  Lange, lesenswerte Reportage-Texte, gutes Film- und Videomaterial, Infoblöcke – kein Wunder, dass die Nominierungskommission des GOA zu der Auffassung kommt, das Stück der RZ müsse sich hinter internationalen Vorbildern keineswegs verstecken.

Der neue Nahe Osten (br.de):  Ein Paradebeispiel dafür, wie sich TV und das Netz ergänzen können. Zur gleichnamigen TV-Dokumentation hat der BR ein multimediales Stück produziert, das wie aus dem Lehrbuch ist. Neben den vielen vertiefenden Materialien kann sich der User über die Kommentarfunktion des Videoplayers auch intensiv an den Debatten beteiligen.

Auf der anderen Seite (ifp-kma): Vor genau 20 Jahren ist das Asylrecht geändert worden. Was hat sich seitdem für die Betroffenen getan, im Guten wie auch im Schlechten? Welche Geschichten haben Asylbewerber im Jahr 2014 zu erzählen? „Das abstrakte Thema Asyl wird so leicht greifbar“, lobt die Nominierungskommission.

Wahllos (Axel-Springer-Akademie):  Bei der Europawahl war dieses Phänomen mal wieder deutlich sichtbar: Weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten machten von ihrem Recht auch Gebrauch. Die Nichtwähler sind damit bei nicht ganz wenigen Wahlen die stärkste „Partei“. Aber warum verzichten Menschen auf ihr demokratisches Grundrecht? Die Axel-Springer-Akademie hat sich auf eine umfangreiche multimediale Spurensuche gemacht. Zu Wort kommen aber nicht nur die, die nicht wählen wollen. Sondern auch die, die aus unterschiedlichsten Gründen nicht dürfen.

Du fliegst nur einmal (nzz.ch)Iouri Podladtchikov, Schweizer Snowboarder mit russischen Wurzeln – das ist der Mensch, um den sich in diesem Spezial der NZZ alles dreht. Alle Facetten und Perspektiven eines einzigen Menschen, ein multimediales Portrait – im Unterschied zu vielen anderen der Nominierten konzentriert sich die NZZ nicht auf ein umfangreiches und komplexes Thema, sondern gibt der Gattung „Portrait“ eine ganz neue Dimension.

Pop auf´m Dorf (wdr.de): Haltern, ein kleiner Ort am Niederrhein. Dass dort jedes Jahr ein großes Festival steigt,, be dem nicht nur Newcomer, sondern auch echte Stars auftreten, muss man nicht unbedingt sofort erwarten. Den besonderen Reiz dieser Veranstaltung hat der WDR in seinem multimedialen Spezial eingefangen. Erstellt wurde das Feature mit Pageflow, einem Tool, das der WDR zum Download freigegeben hat.

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