Social Media 21. Mai 2014

Das ist heftig – da kommen uns die Tränen

by Christian Jakubetz

Die Inhalte verbreiten sich in seuchenartigem Tempo – und die Seite hält nicht mal die Rechte daran: Der verblüffende Erfolg von Angeboten wie „Heftig“ ist nicht nur ärgerlich, sondern auch bezeichnend dafür, was sich im Netz gerade mal wieder alles ändert. Davon sind auch die Angebote klassischer Medien betroffen…

heftig

 

Bis vor wenigen Monaten war die Hackordnung in den deutschen Online-Medien ziemlich eindeutig: Je nach Sicht- und Zählweise stritten sich Bild.de und „Spiegel Online“ um die ersten beiden Plätze, danach folgten dann mit deutlichem Abstand weitere Angebote von etablierten deutschen Redaktionen. Auch in den sozialen Netzwerken spiegelte sich das wieder – aber genau dort taucht jetzt gerade ein Trend auf, über den sich Journalisten kaum freuen können: An der Spitze der Social-Media-Charts von „10000 Flies“ steht in diesem Monat erstmals ein sehr umstrittenes Angebot. Noch dazu eines, das mit seriösem Journalismus ungefähr so viel zu tun hat wie eine Currywurst mit guter Küche: „Heftig“ steht auf Nummer eins. Das heißt: Keine andere Webseite löste im vergangenen Monat so viele Reaktionen in sozialen Netzwerken aus wie die Seite, die mit schlichten Alltags-Geschichten und hoffnungslos überdrehten Überschriften jeden Tag mehr oder weniger kuriose Fundstücke aus dem Netz präsentiert. Die Seite bringt es inzwischen auf knapp 700.000 Fans bei Facebook, ihre Geschichten verbreiten sich dort und anderswo gerade seuchenartig.

Das Prinzip ist immer das Gleiche: Die „Redaktion“ durchstöbert das Netz, findet irgend etwas vermeintlich Lustiges oder Kurioses, verpasst der Geschichte eine überdrehte Überschrift – und setzt dann auf den Effekt des (Ver-)Teilens in den Netzwerken. Das funktioniert mittlerweile so gut, dass die Seite es bei „10000 Flies“ auf mehr gemessene Reaktionen bringt als die ganzen Großen der Branche. Nur als Maßstab: „Heftig“ hat im vergangenen Monat doppelt so viele Reaktionen erzeugt wie „Spiegel Online“ und schafft alleine immer noch mehr als „Spiegel Online“ und Bild.de zusammen. Dazu brauchte die Seite gerade mal 90 Beiträge. Zum Vergleich: SPON und Bild.de bekamen ihre Reaktionen für insgesamt über 6000 Beiträge. Die Reaktion auf einen einzigen „Heftig“-Beitrag ist also ungleich viel stärker als auf eine vergleichbare Geschichte der anderen.

Nun ist das, was Seiten wie „Heftig“ oder ihre Konkurrenten „LikeMag“ oder „Storyfilter“ abliefern, alles andere als Journalismus – und insofern an sich auch keine Konkurrenz. Trotzdem zeichnen sich mit dem Erstarken solcher Angebote zwei Trends ganz deutlich ab:

  • Die sozialen Netzwerke werden für einen Erfolg einer Seite immer wichtiger. „Heftig“ beispielsweise setzt fast ausnahmslos auf die Verbreitung über Facebook. Die eigentliche Webseite spielt fast keine Rolle in der Strategie. Trotzdem erreicht das Angebot so viele Nutzer wie es sonst nur Angebet mit florierenden Webseiten schaffen.
  • Das Kuratieren von Inhalten wird immer bedeutsamer. Natürlich kuratieren solche Angebote nicht wirklich Journalismus, aber das Prinzip ist vergleichbar: Jemand durchforstet das Netz nach Inhalten bestimmter Art, sammelt und präsentiert sie. Eigene Inhalte erstellen solche Kuratoren nicht.

Das Erstarken solcher Angebote hatte übrigens zumindest bei „10000 Flies“ konkrete Auswirkungen auf journalistische Angebote: „süddeutsche.de“ beispielsweise fiel aus den Top 10. Allerdings zeigt sich bei solchen Charts auch eine andere Diskrepanz. Nämlich die zwischen den Reichweite in sozialen Netzwerken und bei ihren Webseiten. Bestes Beispiel: N24. Der Sender rangiert in der IVW-Zählung der deutschen Nachrichtenangebote eher unter ferner liefen. Bei „10000 Flies“ schafft er es auf Platz 7.

Umstritten ist das Angebot von „Heftig“ auch aus anderen Gründen: An den meisten der Inhalte hält die Seite keine Rechte. Registriert ist sie Kolumbien, wer genau hinter ihr steckt, weiß man nicht. 

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