Medienwandel 24. Januar 2014

Überleben in der multimedialen Königsdisziplin

by Christian Jakubetz

Kein Zweifel: So wie schon im analogen Zeitalter sind Reportagen auch im digitalen Journalismus die Königsdisziplin. Lange, komplexe und hintergründige Geschichten lassen sich wunderbar erzählen. Zwei aktuelle Beispiele aus der Praxis zeigen, wie man heutzutage Storys macht…

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Es gibt Freiräume, die in den engen Korsetten von Nachricht und Bericht nicht möglich sind. Und: Es gibt viel Platz, nicht nur in der Quantität, sondern auch für gestalterische Fantasie und Kreativität.

Multimediale Reportagen, multimediales Storytelling: Da ist in den letzten Jahren ein neues Genre entstanden, das vermutlich das einzige ist, das man als originären Onlinejournalismus bezeichnen kann. Alle anderen Genres sind letztendlich Transformationen bekannter Gattungen von analogen auf digitale Plattformen. Nachrichten, Berichte, Kommentare, das alles gibt es in den verschiedensten Macharten schon seit Anbeginn der journalistischen Zeit. das Erzählen einer großen Geschichte mit den unterschiedlichsten Stilmittel und unter Einsatz von audiovisuellen und interaktiven Elementen – das ist etwas, was nur der Onlinejournalismus kann.

Der multimediale Segen ist allerdings gleichzeitig auch der multimediale Fluch: Wenn man plötzlich eine riesige Auswahl an potentiellen Darstellungsformen zur Verfügung hat, muss man sich eben auch mal entscheiden. Sonst besteht die Gefahr, dass man sich verzettelt, eine Geschichte hoffnungslos überlädt – und irgendwann mal trotz der allerbesten Absichten keine Geschichte mehr erzählt, sondern den Nutzer mit Informationen überschüttet, die ihn am Ende einfach nur überfordern.

Reduktion und Konzentration auf das wesentliche sind also zwei Prinzipien, die man trotz oder gerade wegen der enorm vielen stilistischen Möglichkeiten beherrschen sollte. Zwei Beispiele aus den letzten Wochen zeigen, warum manchmal weniger doch mehr ist. Und wie man eine komplexe Geschichte so aufbereitet, dass sie zwar interaktiv und multimedial ist, dennoch aber dem Nutzer klar erkennbare Information liefert. In einer Form, wie sie nur im Onlinejournalismus möglich ist.

The Russia left behind (nyt.com)

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Die Geschichte: Russland ist ein großes, weites Land. Und ein für uns immer noch fremdes zudem. So weit, so gut – und so bekannt. Ein Thema, das es schon analogen Zeiten immer wieder mal gegeben hat. Die „New York Times“ hat in ihrer Aufarbeitung des Themas als klassischen Reportage-Register gezogen. Sie fuhr mit dem Zug von Moskau nach St. Petersburg, stoppte an den verschiedenen Stationen und erzählt dort jeweils eine Geschichte, die stellvertretend für das Land und seine Entwicklung steht. Die Vorgaben sind die selben wie bei der klassischen analogen Reportage: klare Protagonisten und ein eindeutig gewählter Ort der Handlung.

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Die Stilmittel: Ein klassisches Long-read-Stück. Ausführlicher, umfangreicher und natürlich glänzend geschriebener Reportage-Text, der die Leser mitnimmt hinter die Kulissen des Olympia-Lands. Der anhand kleiner Episoden klarmacht, wo es noch immer hakt im russischen Riesenreich. Dazu gibt es Videos, Fotos und eine interaktive Streckenkarte an der Seite, anhand der man von Stadt zu Stadt und damit verbunden zu den jeweiligen Episoden springen kann. Auf Audios, Animationen oder datenjournalistische Elemente verzichtet die Reportage, obwohl es technisch und inhaltlich kein Problem gewesen wer, auch solche Inhalte zu erstellen. Gleichzeitig macht das das Stück angenehm übersichtlich, es verfällt nicht in den gerne gemachten Fehler, das Stück zu überladen, weil man mal eben zeigen muss, was man alles kann. Dazu passt, dass auch die Videoclips in einer Länge von meistens nicht mal einer Minute sind. Sie sind damit eine gut visuelle Ergänzung des Texts, ohne des Lesefluss zu zerstören oder Informationen hinzuzufügen, die zu sehr von der eigentlichen Geschichte ablenken. Im Regelfall bestehen sie lediglich aus einigen wenigen O-Tönen von Protagonisten, die teilweise aus dem On, manchmal aber auch aus dem Off kommen. Bei den Off-Tönen gibt es dann einige wenige Schnittbilder. Auf Elemente wie Antextbilder oder andere aus dem Fernsehen bekannte Stilmittel wird verzichtet, ebenso wie auf Sprechertexte aus dem Off. Das macht die Videos nicht nur „schlanker“, sondern auch erheblich authentischer. Auf inszenierte Realitäten, wie man sie oft im TV erlebt, wird bewusst verzichtet. Ein Vorteil, der man kaum hoch genug schätzen kan.

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Interaktion:  Auch hier heißt es: Reduktion auf das Nötige. Der Nutzer kann bei der erwähnten interaktiven Streckenkarte auswählen, an welchen Ort er gerade möchte – ein Klassiker bei nahezu allen Reportagen, die an verschiedenen Orten spielen. Sonst aber kann er gerade mal noch wählen, ob er ein Video sehen will oder nicht. Ansonsten orientiert sich die Reportage ganz an der klassischen Leserführung aus analogen Zeiten. Man liest einen Text, man begleitet die Protagonisten, nähert sich dem Ziel St. Petersburg. Was auch bei den Thema beweist: Weniger ist manchmal mehr, man braucht keine zahlreichen interaktiven Spielereien, um eine gute und lebhafte Geschichte zu erzählen. Dazu kommt, dass die Seite übersichtlich bleibt. Verstärkt wird dieser Effekt dadurch, dass man bewusst eine „long read“-Darstellungsform gewählt hat. D.h. man verzichtet ganz bewusst darauf, Geschichten auf mehrere Seiten zu verteilen. Auch das ist kein Schaden.

Zusammenfassung: Manchmal ist diese Sache mit dem multimedialen Storytelling sehr viel einfacher als gedacht. „The Russia left behind“ lebt in erster Linie von seinem langen Text. Video, Foto und Interaktion sind gute, unaufdringliche Ergänzungen, die von der eigentlichen Geschichte nicht ablenken. Videos sind vergleichsweise einfach gestaltet und dennoch von hoher Qualität. Im Gegensatz zum klassischen Fernsehen kann man sich hier auf kurze Sequenzen und Kernaussagen beschränken. Der Bebilderungszwang fällt weg, die Videos erfüllen ihren Zweck auch dann, wenn sie nur 30 Sekunden lang sind.

Umsetzbarkeit und Equipment: Eine gute Spiegelreflexkamera, eine Funkstrecke und ein (hochwertiger) Laptop – mehr braucht man theoretisch nicht, um diese Geschichte so machen zu können, wie sie hier in der „NYT“ steht. Solche Videos kann man auch dann drehen, wenn man kein Fernweh-Seminar hinter sich hat. Auch Schnitt und Vertonung sind zwar sehr solide, können aber jederzeit von einem Mann/Frau alleine gemacht werden. Kurzum: hoher Aufwand, trotzdem ein Reporterstück, für das man kein Team braucht. Soweit die Theorie. In der Praxis hat die „NYT“ drei Producer, einen Videojournalisten, einen Fotografen und natürlich die Autorin eingesetzt. Sechs Leute an einem Stück, das ist natürlich eine Luxusausstattung. In diesem Fall aber eine, die sichtbar der Qualität des Stücks sehr zugute kommt. An dieser Arbeitsweise erkennt man aber auch sehr schön, dass sich das multimediale Arbeiten immer mehr der klassischen TV-Produktionsweise im Team annähert. Man arbeitet gemeinsam, trotzdem braucht es einen (im Regelfall ist das der Autor), der den Hut aufhat und die große Geschichte als Ganzes im Kopf behält. Und: Gute Planung und Koordination sind bei solchen Projekten überlebenswichtig, auch dann, wenn man sich als Einzelkämpfer heranwagt.

In Flight (theguardian.com)

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Die Geschichte: 10000 Dollar (nach heutigem Wert) bezahlte Abram C. Pheil, um im US-Staat Florida in einem Flugzeug mitfliegen zu können. Das war 1914 – und nach heutigem Verständnis war der Amerikaner damit der erste „Passagier“ eines Flugzeugs. 100 Jahre Passagierfliegerei kann man demnach in diesem Jahr feiern. Aus den abenteuerlichen Anfängen in Florida ist heute in des Wortes Sinnes eine weltumspannende Großindustrie geworden. Der „Guardian“ erzählt – von den Anfängen bis heute.

Die Stilmittel: Die Geschichte wird sehr häufig mit einem Stilmittel erzählt, das sich am ehesten als – ja, was eigentlich beschreiben lässt: Vertonte Animation? Bei der animierten Aufzählung der Fakten und Geschichten hat der Nutzer die Wahl: Mit einem Klick auf den „Play“-Button lässt sich die vertonte Animation abspielen. Wer darauf verzichten will, klickt einfach ins Bild und kann sich dann ohne Vertonung selbst durch die Animationen arbeiten. Interessant ist auch, wie einfach und dennoch naheliegend der „Guardian“ verdeutlicht, wie gigantisch sich der Flugverkehr entwickelt hat: Die „Startseite“ der Anwendung ist eine Echtzeit-Karte aller aktuellen Flugbewegungen, die sich jetzt gerade am Himmel tummeln.

Interaktion: Im Gegensatz zu der „NYT“-Geschichte fordert und bietet der „Guardian“ in diesem Stück permanente Interaktion. Die vier Kapitel hängen zwar zusammen, können aber losgelöst voneinander und in beliebiger Reihenfolge genutzt werden, ohne dass es dabei zu Verständnisschwierigkeiten kommt. Auf der Startseite können Kartenausschnitte, Zeiträume und sogar die Anzeige von Datumsgrenzen angewählt werden. Auch die Darstellungsform – siehe oben – ist frei wählbar. Das Kunststück, das der „Guardian“ hier fertig bringt: Er lässt dem Nutzer fast überall die freie Wahl, überfordert ihn aber nicht.

Zusammenfassung: Der „Guardian“ zeigt, dass multimediales Storytelling sehr viel mehr sein kann (aber nicht muss) als Text, Bilder, Videos. Die Geschichte lebt beinahe ausschließlich von audiovisuellen und datenjournalistischen Elementen sowie der Interaktion. Aber auch hier zeigt sich, wie wichtig eine klare Struktur und eine einfache Nutzerführung sind.

Umsetzung und Equipment: Nicht für Einzelkämpfer geeignet, leider. Da braucht man schon ein relativ großes Team und zudem Leute, die wirklich programmieren können. Wenn Sie das selbst hinbekommen: Glückwunsch! Aber die Regel ist das nicht. Auch inhaltlich ist ein solches Stück eine echte Herausforderung: Neben der Konzeption und der inhaltlichen Aufbereitung braucht man auch ein paar datenjournalistische Grundlagen. Zumindest sollte man wissen, wo man Daten sinnvoll einsetzt, wo man sie herbekommt und wie man sie aufbereiten und darstellen kann. Und klar ist auch: Wenn man sich an ein derart umfangreiches Stück macht, dann sollte es sich auch lohnen. Für tagesaktuelle Projekte ist das nicht geeignet; für ein 100jähriges Jubiläum wie in diesem Fall aber schon.

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