Print 4. Juli 2013

Die Lage der Zeitungsnation: Zwischen Paradies und Pleite

by Christian Jakubetz

Wie geht es uns denn jetzt gerade? Eine Frage, die sich gerade mal wieder eine ganze Reihe von Journalisten stellen dürften, sofern sie im näheren Umfeld von Tageszeitungen arbeiten. Immer noch ziemlich gut – sagen die einen. Schwere Zeiten, das sagen hingegen die anderen. Zeit für den Versuch einer Bestandsaufnahme.

 

Nicht nur Frühstücks-Lektüre: Noch verkaufen Tageszeitungen jeden Tag etliche Millionen Exemplare. Doch die Konkurrenz durch digitale Geräte nimmt zu. (Foto: Jakubetz)
Nicht nur Frühstücks-Lektüre: Noch verkaufen Tageszeitungen jeden Tag etliche Millionen Exemplare. Doch die Konkurrenz durch digitale Geräte nimmt zu. (Foto: Jakubetz)

Mit Zahlen ist das ja so eine Sache. Man kann sie in den meisten Fällen beinahe nach Belieben interpretieren. Auch die neuen vom BDZV vorgelegten Zahlen für die deutschen Tageszeitungen im Jahr 2012 machen da keine Ausnahme. Weil man sie so oder so auslegen kann, sollen sie hier erst gar nicht interpretiert, sondern zunächst einmal nur aneinander gereiht werden.

  • 2012 war für die deutschen Tageszeitungen in ihrem Stammgeschäft auch aus Sicht des BDZV „kein erfreuliches Jahr“. Die  Vertriebserlöse stiegen leicht an: um 1,3 Prozent. Dafür gab es im Anzeigengeschäft herbe Rückgänge zu verzeichnen: Ein Rückgang von 9,1 Prozent sorgte dafür, dass unter dem Strich ein Umsatzrückgang von 3,3 Prozent steht.
  • Vor allem lokale und regionale Tageszeitungen in Ostdeutschland haben mit Problemen im Anzeigengeschäft zu kämpfen. Hier gingen die Umsätze um insgesamt 13,4 Prozent zurück. Im Westen waren es „nur“ 8,9 Prozent.
  • Die Auflagen sind weiter rückläufig. Dabei sind auch die überregionalen Tageszeitungen betroffen, bei denen man die letzten Jahre vermuten konnte, sie würden von dem Trend weniger erwischt. Tatsächlich aber verloren sie 7,4 Prozent, die Regionalzeitungen mussten einen Rückgang von 2,52 Prozent hinnehmen. Besonders stark macht sich der Auflagenrückgang bei den Boulevardzeitungen bemerkbar. Insgesamt beläuft sich der Auflagenrückgang der Tageszeitungen im letzten Jahr auf 4,08 Prozent.

Vermutlich also ist es kein Wunder, wenn nicht nur der BDZV zu der Erkenntnis kommt: Wachstum ist im eigentlichen Stammgeschäft – der gedruckten Zeitung – wohl nicht mehr zu erzielen; es sei denn, es kommt zu einer völlig unerwarteten Trendumkehr. Und damit scheint auch anderes unausweichlich: Das Geschäft der Gegenwart und der Zukunft liegt im Digitalen. Dabei sieht es auf den erste Blick nicht schlecht aus für die Online-Angebote der Tageszeitungen. Der BDZV hat zu diesem Thema für 2012 die folgenden Zahlen vorgelegt:

  • 41Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren gehen regelmäßig auf die Websites der Zeitungen (= 28,9 Millionen Unique User)
  • 65 Prozent der 14-bis 29-Jährigen gehen regelmäßig auf die Zeitungssites
  • Ein Drittel der deutschsprachigen Bevölkerung über 14 Jahren nutzten regelmäßig die Websites der regionalenZeitungen (= 23,1 Millionen Unique User)

Das Problem ist also weniger die fehlende Reichweite. Es ist stattdessen – einmal mehr und wie so oft im Onlinejournalismus – die Frage nach der Kapitalisierung solcher Reichweiten. Meistdiskutierte Variante dabei momentan: Bezahlinhalte. Darauf setzen in Deutschland zunehmend mehr Verlage. Im Jahr 2012 hat sich die Zahl derer, die alle oder wenigstens einen Teil ihrer Inhalte  gegen Bezahlung anbieten, auf 40 verdoppelt. Bis zum Jahresende 2013 sollen es nach Schätzungen des BDZV 60 sein. (Eine Übersicht aller Tageszeitungen mit Bezahlinhalten im Netz findet sich hier).

2013_07_03_Freemium

Quantitativ haben die Tageszeitungen auch im Mobile-Bereich aufgeholt. In Zahlen:

  • Derzeit gibt  es rund 450 Apps von Zeitungsverlagen (Juli 2012: 325) für Tablets und Smartphones.
  •  Knapp 290 davon sind kostenpflichtig.
  • Neben dem Abo- und Einzelverkauf vertrieben 115 Zeitungstitel ihre Apps in Form von Digitalpaketen in Kombination mit der gedruckten Zeitung und zum Teil auch zusammen mit einem Tablet-Endgerät.

Allerdings: Auch hier stellt sich die Frage nach einer ausreichenden Kapitalisierung. Zwar steht nach Auffassung des BDZV die Entwicklung von Geschäftsmodellen in diesem Bereich noch ganz am Anfang, dennoch aber heißt es Verbandsseite aus auch, man sei zwar publizistisch erfolgreich, habe aber kaufmännisch noch einigen Nachholbedarf.

Geht es den Zeitungen also schlecht, vor welcher Zukunft stehen sie? Auch diese Frage sorgt für unterschiedliche Antworten; je nach dem, wen man fragt und aus welcher Perspektive man das sieht. Während der BDZV beispielsweise die wirtschaftliche Lage als eher unzufriedenstellend bezeichnet und als Anlass nimmt, Korrekturen bei einigen liebgewordenen Gewohnheiten des Tarifvertrags zu fordern, hat der DJV die Verlage aufgefordert „aussagekräftige Zahlen“ zu ihrer finanziellen Lage vorzulegen. Ein Umsatzrückgang von 3,3 Prozent alleine sei noch nicht „aussagekräftig“, findet man dort. Tatsächlich lägen die Umsatzrenditen in vielen Häusern immer noch im zweistelligen Prozentbereich. Dies sei zwar spürbar weniger als noch vor zehn Jahren, allerdings immer noch zufriedenstellen, wie der Vorsitzende des Verbands, Michael Konken, findet. Indes: Bei all diesen Auseinandersetzungen muss man mit einkalkulieren, dass demnächst die Tarifverhandlungen für Tageszeitungsjounalisten starten. Traditionell rechnen sich da die einen gerne ein wenig arm, während die anderen ungeahnte Reichtümer vermuten. Möglicherweise liegt da die Wahrheit irgendwo in der Mitte. 

 

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