Interview 24. September 2012

Rhein-Zeitung: Das iPad, die neue Schreibmaschine

by Christian Jakubetz

Es war ein durchaus beachtlicher Schritt: Als erste deutsche Regionalzeitung hat die Rhein-Zeitung in Koblenz ihre Mitarbeiter in Redaktion und Verkauf mit iPads ausgestattet. Für Digitalchef Marcus Schwarze ist das nur konsequent: Die Rhein-Zeitung produziere mittlerweile eben sehr viel mehr Inhalte als nur die gedruckte Zeitung und eine Webseite. Ein Gespräch und eine erste Bilanz.

Arbeiten auf allen Kanälen und mit allen Geräten: Die „Rhein-Zeitung“ hat ihre Mitarbeiter in Redaktion und Mediaberatung mit iPads ausgestattet. (Foto: Jakubetz)

Die RZ hat im Haus etliche Mitarbeiter mit iPads ausgestattet. Welche Abteilungen genau – und hat wirklich jeder Mitarbeiter dieser Abteilung eines erhalten?

Die iPads gingen als Dauerleihgabe an alle Redakteure der Rhein-Zeitung (157) plus an alle festangestellten Kollegen der Mediaberatung.

Was genau sollen die Mitarbeiter mit den Tablets machen?

RZ-Digitalchef Marcus Schwarze.

Wir produzieren bei der Rhein-Zeitung ja längst nicht mehr nur Print, sondern arbeiten für zahlreiche Kanäle. Bei einer Zusammenstellung neulich kam ich auf 20 Kanäle, die wir bedienen – neben Rhein-Zeitung.de bekanntlich Twitter, Facebook, Google+, in einer Lokalredaktion noch Wer-kennt-wen oder auch schon mal als exotische Leibesübung des Digtalchefs App.net. Dazu Newsletter, Mailkontakte mit Lesern, es entstehen Bücher, wir geben Seminare, und dann gibt es viele kleine und noch viel mehr noch kleinere Dinge wie Hangout on air, Soundcloud, Storify und Youtube. Damit beschäftigen wir uns.

Nichts davon ist alleine und für sich genommen so umfassend und Orientierung gebend wie die gedruckte Zeitung, doch kommt jetzt als umfassender neuer Kanal die digitale Zeitung ins Spiel: Als App bietet die digitale Rhein-Zeitung mindestens so viel Lesestoff wie die gedruckte Ausgabe, geht aber durch die Verknüpfung zu anderen Kanälen noch darüber hinaus. Und zwar sehr bewusst, ohne das gewohnte Zeitungslayout zu verlassen, sondern als Anhang und eingebettete weiterführende Information. Wir Redakteure müssen wissen, was und wofür wir produzieren. Im Zeitungsartikel digital betten wir das Video oder die Fotostrecke oder oder die Umfrage oder den tiefer schürfenden Blogartikel dazu ein, im Print nennen wir bei herausragenden weiterführenden Infos den Kurzlink. Wenn dann vor Ort jemand sagt: „Das habe ich in eurem Video aber anders verstanden“, dann muss der Kollege antworten können: „Moment, ich schau mal nach.“

Unsere Leser nutzen die digitalen Medien mehr und mehr. Wir als Redaktion sowieso, und dann bin ich als Digitalchef sehr froh über die Entscheidung, den Kollegen flächendeckend das digitale Lesegerät zur Verfügung zu stellen, auf dem alle diese Kanäle und Kanälchen sichtbar sind.

Sind Tablets für die RZ auch als „Arbeitsgerät“ vorstellbar?Habt ihr Erfahrungen damit? Falls ja – welche?

Gerade ist mein Kollege Christian Kunst in die USA gereist, um ausgewanderte Rheinland-Pfälzer zu interviewen und einen Blick auf den Wahlkampf zu werfen – für den Print und Twitter und sein Blog. Es ist doch schon mal gut zu wissen, dass der Kollege einfach mal eben ohne Laptopaufwendigkeiten nachgucken kann, was wir zu Hause veröffentlichen. Das iPad ist dabei im Grunde ein so unspannendes Arbeitsgerät wie das Telefon. Oder die E-Mail. Oder der Facebook-Nachrichten-Zugang.

Als journalistisches Arbeitsgerät taugt das iPad nach bisheriger Erfahrung vor allem für E-Mails und zum Abgleich gemeinsamen Nachrichtenwissens. Fürs Bestücken von Live-Tickern etwa aus dem Flur vor Gerichtsprozessen haben wir das iPad auch schon eingesetzt. Dann per Mail. Viele weitere spannende Sachen, die man mit dem iPad journalistisch machen könnte, sind erst noch zu entwickeln – man darf sich da auch nicht vertun: Liveübertragungen mit dem iPhone zum Beispiel und dem Programm Bambuser haben wir vielfach ausprobiert und kommen nun aber zu dem Schluss: Vorsicht, das kann allzu häufig schiefgehen. Die Apple-Technik ist auch kein Wundermittel für digitalen Journalismus.

Wie ist die Resonanz bei den Mitarbeitern?

Wollend. Die Kollegin für Landespolitik zum Beispiel kam neulich zu mir und wollte das noch mal detailliert erklärt haben mit WLAN und Datensicherheit, falls sie ein fremdes WLAN nutzt. Wir Onliner und die IT-Kollegen sind da besonders gefordert, auch manche für uns gängige Sachverhalte wieder und wieder zu erklären. In einer zweistündigen Informationsveranstaltung haben wir uns über ganz praktische Dinge wie eine Hülle mit Tastatur ausgetauscht. Da hatte dann ein Lokalkollege die offenkundig viel bessere Lösung als der Digitalchef schon dabei.Es gilt, zu lernen, und das ist gewiss keine Einbahnstraße vom wissend erscheinenden Onliner zum Redakteur mit dem Herkunftsstempel Print, sondern vielfach auch umgekehrt: In manchen Tälern in Rheinland-Pfalz gibt es schlicht kein UMTS, ergo auch kein schnelles Bild.

Marcus Schwarze, Jahrgang 1969, arbeitet als Mitglied der Chefredaktion bei der Rhein-Zeitung in Koblenz. Hier verantwortet er alle digitalen Inhalte und insbesondere die Internet-Auftritte www.rhein-zeitung.de und www.mainzer-rhein-zeitung.de. Er begleitet seit 1995 die großen und die kleinen Entwicklungen der Internet- und Medienszene. Angefangen hat er in den neunziger Jahren bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung als Print- und Online-Redakteur. Dazu verfasste er mehrere Bücher für Nutzer über Computer- und Internetanwendungen und leitete seinerzeit mit selbst programmierter Technik neue Darstellungsformen wie Liveticker von netzrelevanten Ereignissen ein. Im Netz ist er vorwiegend unter dem Pseudonym homofaber unterwegs.

Wie schätzt ihr die Möglichkeiten des Tablets als Vertriebskanal speziell für Regionalzeitungen ein? Ist das überhaupt relevant?

Wo sich die Leser hinorientieren, ist für uns relevant. Und wenn ein Teil davon gerne bei Twitter von der Rhein-Zeitung liest, ein anderer in einem Kanal namens „App der Rhein-Zeitung“, dann bedienen wir diese Kanäle. Das Tablet hat seinen festen Platz, als junge Schwester der gedruckten Ausgabe. Die Nutzerzahlen für die digitale Zeitung stimmen uns sehr froh: Unsere Kombination aus E-Paper-Zugang und App hat seit dem Start Anfang Juni knapp 1200 Abonnenten gefunden. E-Paper und App insgesamt verzeichnen mittlerweile mehr als 7000 Leser. Diese erfreulichen Zahlen sollen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Print Leser verliert. Genau darum wenden wir uns so stark ins Digitale und versuchen dabei, so effizient wie möglich zu sein. Digital heißt nicht automatisch: genau so aufwändig zu sein wie die wichtigen Korrekturschleifen im Print. Mit den richtigen Kniffen geht vieles auch mit weniger Aufwand und bringt mehr.

Gibt es spezielle journalistische Darstellungsformen oder Anwendungen, die ihr für Tablets entwickeln wollt oder bereits entwickelt habt?

Neben der starken Nutzung der sozialen Medien vor allem als Eingangskanal: Ins Print-Layout eingebettete weiterführende Inhalte – das ist das Spezielle der digitalen Rhein-Zeitung. Statt eines bloßen PDFs bieten wir in der Digitalfassung antippbare weiterführende Informationen, so dass etwa aus dem Foto im gewohnten Printlayout ein Video öffnet – wie bei Harry Potter. Dazu kommen sämtliche journalistische Darstellungsformen, die online ausprobierbar sind. Wenn mein Kollege Lars Wienand ein Storify zur Nürburgringpleite zusammenstellt, so ist das über die digitale Zeitung dank Kurzlink zu unseren Online-Inhalten auch nur einen Fingertipp entfernt.

Oder wenn wir einen Liveticker zur Landtagsdebatte zum Ring organisieren: Da entstehen am Ende 12 Online-Seiten, die für sich in jedem Einzelbeitrag vielleicht gelegentlich banal erscheinen, die aber klarmachen: Wir sind live. Das ist ein journalistisches Format, das ein Teil unserer Leser sehr gerne liest oder auch später noch mal im Detail nachlesen möchte. Die direkte Transformation vom Print zu Online ist erfahrungsgemäß eher gering, wie wir an den Klickzahlen von Kurzlinks gemessen haben, aber ich bin sicher: Ein Hinweis im Print auf den Live-Ticker auf Rhein-Zeitung.de bringt etwas indirekt, und zwar die Erkenntnis: Wenn ich es aktuell wissen will, gehe ich später im Büro auf Rhein-Zeitung.de.

Unser Anspruch ist, mit allen journalistischen Darstellungsformen online zu experimentieren. Seien es 3000 Leserbilder zur Bundesgartenschau in Koblenz, aus denen wir 100 auswählen, oder eine Google-Grafik der Windräderdichte in Rheinland-Pfalz. Oder Rheinstagram.de, wo wir automatisiert Bilder von Instagramnutzern einspielen und schon manche erzählenswerte Bildgeschichte entdeckt haben. Gerade haben wir den Menüpunkt „Daten“ sehr prominent auf Rhein-Zeitung.de eingebaut, dort wollen wir nachhaltige Informationen zusammenstellen – das ist noch sehr jung und „beta“, aber ein weiterer Anfang.

 

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