Aktuell 2. Juli 2012

Buchtipp: „Der entfesselte Skandal“

by Christian Jakubetz

Wie entstehen eigentlich Skandale, Shitstorms und all die anderen Aufgeregtheiten im Netz? Ein neues Buch beleuchtet eines der interessanten Phänomene der digitalen (Medien-)Welt: den „entfesselten Skandal“.

Im Netz ist inzwischen gerne mal die Rede von einem „Shitstorm“. Das klingt irgendwie lustig, nach einem netten Spaß, den man sich zwischendrin macht. Dass allerdings im Netz auch ganz andere Dinge passieren können als ein paar kleine Stürme im Wasserglas, wird angesichts dieses dann doch irgendwie niedlichen Ausdrucks gerne unterschätzt. „Der entfesselte Skandal“ – mit diesem Buchtitel zeigt Bernhard Pörksen mit seiner Co-Autorin Hanne Detel, dass die beinahe grenzenlose Freiheit des Netzes auch in eine andere, unschöne Richtung ausschlagen kann.

Eine junge Chinesin, die ein paar sehr unbedachte Worte in eine Kamera spricht, das Video bei YouTube hochlädt — und sich kurz darauf heftigen Beschimpfungen ihrer Landsleute ausgesetzt sieht, die irgendwann in Aufrufen zur Lynchjustiz enden. Eine Mitarbeiterin eines Ministeriums in den USA, die ihre sexuellen Erlebnisse mit den Männern der Macht in einem Blog aufschreibt, geoutet wird und plötzlich als Figur des öffentlichen Hasses gejagt wird. Ein US-Präsident, dessen Affäre mit einer Praktikantin publik wird. Anhand bekannter und auch weniger bekannter Beispiele zählt Pörksen auf, was eine Sache zum Skandal werden lässt und welche Rolle dabei digitale Technologien spielen. Die Autoren beleuchten die Mechanismen einer Skandalisierung in einer digitalen Gesellschaft. Auf 240 Seiten beschreiben sie, warum und wie es im Zeitalter von Handy-Videos, sozialen Netzwerken und fehlenden Verifizierungen von Behauptungen nicht nur Menschen des öffentlichen Lebens, sondern auch und vor allem ganz normale Menschen treffen kann, Opfer eines solchen entfesselten Skandals zu werden.

Wieder also ein Buch, eine Veröffentlichung, die das Netz verteufelt und vor allem die Gefahren an die Wand malt? Keineswegs – und das ist auch das Besondere an diesem Buch. Es zeigt Mechanismen und Gefahren auf, schafft es dabei aber, ohne die handelsüblichen Schwarzmalereien und den obligatorischen erhobenen Zeigefinger auszukommen. Sieht man von der teilweise etwas länglichen Einführung ab, schaffen es Pörksen und Detel auch, ein komplexes Thema spannend, stringent und (ja, auch das) unterhaltsam zu beschreiben.

Wenn man ein wenig verstehen will, wie dieser daueraufgeregte und durchlauferhitzende Netz funktioniert, der sollte dieses Buch lesen.

(Bernhard Pörksen/Hanne Detel, Der entfesselte Skandal, Herbert von Halem Verlag, 2012, ca. 240 Seiten).

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