Foto 7. Januar 2012

Zwischen Pixelbolide und Technikzweifel: Nikon D4

by Christian Jakubetz

Neuigkeiten zum Jahresbeginn nach längeren Warteschleifen in der Gerüchteküche der Forenwelt: Nikon hat das lang erwartete, neue DSLR-Flaggschiff D4 vorgestellt. Vom Vollformat-Chip mit 16,2 MP über hohe, fast rauschfreie Empfindlichkeit (maximal 204.800 ISO) bis zu Full HD Video (24/25/30fps) und 100% Sucher, das Datenblatt liest sich überaus beeindruckend.


Speicherkarten des neuen Typs XQD sind noch nicht einmal im Handel erhältlich, auch die passenden Compact-Flash-Karten (UDMA 7) sind erst angekündigt und vorbestellbar. Die Preise sind ebenso beeindruckend: SanDisk nennt einen Preis von ca. 1500 US-Dollar für eine Compact-Flash-Karte mit 128 GB und UDMA 7; das D4-Gehäuse soll für rund 7000 USD (UVP 5929Euro) voraussichtlich ab Mitte Februar erhältlich sein.

Trotz überwiegend enthusiastischer Reaktionen der Nikon-Fans entlockt mir der so atemberaubend beschriebene Pixelbolide keinerlei überschwängliche Begeisterung, sondern eher Kopfschütteln: Ist eine “bessere”, “neuere” Kamera” gleichbedeutend mit “besseren Fotos”? Rechner, Objektive oder Kameragehäuse der jeweils neuesten Generation sind hübsche, mitunter nützliche Spielzeuge; ihre Spezifikationen können mich nicht davon überzeugen, dass Fotografen permanent die neueste, immer leistungsfähigere Technik brauchen. Viel nötiger sind klare Vorstellungen dessen, was Fotografen mit ihren Bildern ausdrücken möchten. Sie brauchen eine individuelle Handschrift, eine charakteristische, eigenständige Sichtweise, die ihre Arbeit unverwechselbar und wiedererkennbar macht. Darüber hinaus liegt in der Unperfektion eines groben Filmkorns oder des Kontrasts von Barytabzügen bisweilen mehr Überzeugungs- und Aussagekraft als in aller technischen Perfektion zwischen Farbbrillanz, Rauschfreiheit* und HDR . Unter dem Titel “Zen in Photography” habe ich mehrfach über Denkanstöße geschrieben; hier sind einige handfeste Ansätze zum Nachdenken und Umsetzen:

  • Arbeiten Sie an einem persönlichen Fotoprojekt. An einem, das Sie lieben, das Sie fesselt, ärgert, zur Weißglut treibt – und von dem Sie trotzdem nicht die Finger lassen können. Sich mit Begeisterung und Leidenschaft einem Projekt zu widmen ist der sicherste Weg zu besseren Bildern.
  • Konzentrieren Sie sich – auf ein Thema. Permanentes Multitasking und Hektik sind ernste Hindernisse auf dem Weg zu einer eigenen fotografischen Handschrift.
  • Mehr Ausrüstung bedeutet mehr Auswahlmöglichkeiten, aber auch mehr Ablenkung. Entdecken Sie, wieviele Ideen Sie mit wenig Ausrüstung haben. Weniger unsicheres Herumprobieren heißt oft auch, sich bewusst klarer auszudrücken. Begrenzte Möglichkeiten nötigen zur Auseinandersetzung mit Grenzen – und zur Kreativität.
  • Reduzieren Sie konsequent Ihre Ausrüstung. Weniger ist mehr, das zwingt zum Denken vor dem Auslösen – und schont den Rücken. Schließlich müssen Sie das viele Zeug auch schleppen.
  • Arbeiten Sie konsequent und als Trainingsaufgabe mit nur ein oder zwei Objektiven, mit einem Gehäuse. Das zwingt ebenfalls zum Denken vor dem Fotografieren, viel spannender ist das allemal, neue Perspektiven inbegriffen. Außerdem: Bewegung zum Motiv und drumherum statt Zoomen ist viel gesünder.

*Robin Preston, eine der Koryphäen des Digital Composings: “The more pictures are perfect, flaw- and noiseless, the more customers ask me to add some noise to create atmosphere – and to regain the “soul” of the image.” – “Je perfekter, makelloser und rauschfreier Bilder sind, desto öfter bitten mich Kunden, Bildrauschen und Störungen hinzuzufügen – um Atmosphäre zu schaffen und die “Seele” des Bildes wiederzufinden.”

Weiterführende Links:

Heike Rost (mehr Texte: www.heikerost.com)

 

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