Aktuell 21. Januar 2019

Besser und langsamer: Eine Trendwende im Journalismus?

by Christian Jakubetz

Im Netz wird wieder mehr Wert auf hochwertige Inhalte gelegt. Slow News, Digital Detox, dazu vermehrter Rückzug aus sozialen Netzwerken. Das Reuters Institute aus Oxford prophezeit für 2019 eine Trendwende im Journalismus: mehr Qualität, weniger Quantität und noch weniger atemlose Hektik. Allerdings: Dieser Trend betrifft nur einen Teil der Nutzer. Was passiert mit den anderen?

Journalismus, langsamer, mit mehr Verstand, mit geprüfter Qualität. Das ist die eine, vermeintlich gute Seite.

Zunehmend mehr Medien verstecken ihre Inhalte hinter eine Paywall. Wer an hochwertigen Journalismus will, wird auch im Netz zahlen müssen. Weil das aber vielen zu teuer wird, steigt die Zahl derer, die sich mühsam durch das Web navigieren und darauf achten müssen, keinen Fakes oder zumindest zweifelhaften Inhalten auf den Leim zu gehen. Das ist die andere Seite.

Es ist also eine zweischneidige Prognose, die das Reuters Institute für die nahe Zukunft von Medien und Journalismus gibt.

Vier große Trends will das Institut ausgemacht haben. Ein Überblick – und eine Einschätzung für den deutschen Markt.

Trend 1: Vertrauensindikatoren für Nachrichten und eine bessere Kennzeichnung von Journalismus und Fake News.

Ein Gütesiegel für Nachrichten also? Auch wenn man immer noch nicht weiß, wie so etwas aussehen soll – an der Idee könnte schon etwas dran sein. Die Idee, dass jeder im Netz publizieren kann, mag weiter ihren Charme haben. In der Praxis, man weiß das mittlerweile, heißt das eben aber auch: Man weiß nie, ob die Geschichte stimmt.

Gut möglich also, dass Journalismus mit Brief und Siegel, der ganz konventionelle Journalismus also, eine Art Renaissance erlebt. Möglich auch, dass sich die Charaktere von sozialen Netzwerken ändern. Nicht nur wegen der Nutzer. Sondern auch, weil beispielsweise Facebook spätestens mit dem letzten Wechsel des Algorithmus klargemacht hat, sich selbst nicht in erster Linie als Kanal für Redaktionsinhalte zu sehen. In der Konsequenz merken Medienhäuser schon seit einiger Zeit, dass die organische Reichweite bei Facebook zurückgeht.

War es also nur ein Missverständnis, als man zur Maxime machte, dass jedes Medienhaus seine ganzen Inhalte auch konsequent bei Facebook und Co. ausspielen müsse? Zumindest ein paar Schattenseiten sind inzwischen deutlich erkennbar. Beispielsweise, dass man sich damit zunehmend in eine Abhängigkeit begibt. Und dass man das Ausspielen der eigenen Inhalte nicht wirklich kontrollieren kann. Am Ende bestimmt dies ein Algorithmus, von dem niemand genau weiß, wie er funktioniert. Und welche Auswirkungen die aus kontrollierbaren Massen in einem Netzwerk haben können, kann man jeden Tag in den USA und in stark abgemilderter Form auch in Deutschland erleben.

Dass man auf der anderen Seite nicht einfach komplett vorbeikommt an einem Riesen, der jeden Tag von Millionen Menschen genutzt wird, ist auch klar.

Trend 2: Mehr Journalismus, weniger Facebook. Da sich die Verbraucher zunehmend der Zeit bewusst werden, die sie online verschwenden, werden wir erleben, dass immer mehr Menschen soziale Netzwerke verlassen, mehr Tools für die digitale Entgiftung zur Verfügung stehen und sich mehr auf „sinnvolle“ Inhalte konzentrieren.

Dass man sich beim Scrollen und Surfen schnell verliert und sich später wundert, wo die Zeit geblieben ist – diese Erfahrung hat jeder schon mal gemacht. Vermutlich gibt es zudem niemanden, der sich darüber nicht ärgert. Der Grad zwischen entspanntem Surfen und vertrödelter Zeit ist schmal.

Man muss nicht Jaron Laniers „10 Gründe, warum du deine Social Media Accounts sofort löschen musst“ gelesen haben und auch kein Kulturpessimist sein, um festzustellen: Mehr Konzentration aufs Wesentliche schadet nicht. Und auch die schiere Menge, die es inzwischen im Netz gibt, ist eine zweischneidige Sache. Erstens, weil man sie ohnehin nicht verarbeiten kann. Und zweitens, weil viele Informationen verwirrend sein können. Langsamer, intensiver und mit mehr Verstand also. Keine ganz schlechte Devise für die Zukunft.

In einigen Redaktionen hat das zumindest zu der Erkenntnis geführt, dass der Newsfeed als solcher erheblich an Wert verloren hat. Die Reaktion darauf ist zunehmendes ausweichen auf „Dark Social“, in Gruppen, Messenger und Foren also. Dirk von Gehlen hat das Phänomen hier sehr schön erklärt.

Trend 3: „Slow News“ werden mit der Gründung neuer journalistischer Unternehmen wie Tortoise (UK) und der USA-Expansion von „De Correspondent“ bedeutender. Aber wie viele werden beitreten – und bezahlen?

Tortoise Media gilt in Großbritannien gerade als ein sehr großes Ding.  Drei Jahre lang hat das britische Unternehmen gebraucht, um zusammen mit acht Investoren eine Art Slow-Media-Portal umzusetzen. Momentan ist es in der Beta-Phase, der Start soll im Frühjahr 2019 sein.

Die Idee dahinter: Eine Seite nur für Mitglieder. Mit Journalismus, der nach eigenen Angaben eine Reaktion sein soll auf den hektischen Digital-Journalismus unserer Tage. Zu viele Newsrooms jagen die Nachricht und verpassen die Story, heißt es auf der Webseite (hinter der übrigens der frühere BBC-News-Chef James Harding steckt). Naheliegend, dass es sich dabei um ein reines Bezahlmodell handelt. Ein im weitesten Sinne vergleichbares Modell haben in Deutschland auch die „Krautreporter“ etabliert. Sie sind allerdings nach einem euphorischen Start nicht über den Status eines Nischenangebots hinausgekommen.

Etabliert hat sich bereits das holländische Projekt „De Correspondent“, das für Crowdfunding-Modelle in ganz Europa Pate stand. Inzwischen wagen die Niederländer sogar den Schritt in die USA. Was alleine schon deshalb interessant ist, weil die USA das Land sind, in dem man momentan möglicherweise am besten die potenziellen Auswirkungen von digitalen Medien betrachten kann.

Gemeinsam haben diese Projekte, dass sie sich bewusst absetzen vom Mainstream mit seiner Idee des immer schnelleren und multi-kanaligen Journalismus.Das klingt erst einmal nachvollziehbar. Zumindest in der Theorie. In der Praxis sind die Erfahrungen bisher durchwachsen. Der „Correspondent“ hat gut funktioniert, die Schweizer „Republik“ bisher auch. Der Erfolg deutscher Projekte wie der „Krautreporter“ oder „Deine Korrespondentin“ ist überschaubar.

Für die Schwierigkeiten solcher Projekte gibt es eine ganze Reihe Gründe. Einer davon ist sicher, dass es enorm schwierig ist, erst einmal eine neue Medienmarkte auf einem Markt mit lauter potenziellen Schwergewichten zu etablieren. Und dann das heikle Thema bezahlen …

Trotzdem scheint ein Trend erkennbar: Die Zeiten, in denen es als per se gut galt, möglichst schnell möglichst viel auf möglichst vielen Kanälen zu verbreiten, gehen zu Ende. Selbst wenn man nicht gleich komplett zu einem neuen Portal wechseln muss, mehren sich auch bei etablierten Medienhäusern die Stimmen, die sich wieder mehr auf die eigentlichen Stärken des Journalismus besinnen wollen.

Trend 4: Der Anstieg der Paywalls schließt mehr Menschen von Qualitätsnachrichten aus und macht das Internet schwieriger zu navigieren. Die Verärgerung der Verbraucher wird sich in diesem Jahr verstärken, was zu einer Kombination aus mehr Nachrichtenvermeidung und der Einführung einer „Paywall-blockierenden“ Software führen wird.

Das alte Thema „Paid Content“. Und die Grundsatzfrage, ob Menschen für digitale Medien-Inhalte bezahlen wollen. Dabei ist die Frage nicht mehr, ob man Journalismus im Netz gegen Geld verkaufen kann. Es gibt genügend Beispiele, die täglich zeigen, dass das geht. Die Frage ist vielmehr: Bei wie vielen geht es, mit was geht es – und wann stößt dieser Markt an Grenzen? 

Zumindest das Reuters Institute glaubt: Der Markt für Paid Content ist überschaubar groß, aus den unterschiedlichsten Gründen.

Allerdings, wenn man zusammenfasst: Kommt dabei nicht zwingend eine Zweiklassen-Gesellschaft raus? Kaum anzunehmen, dass wir es künftig mit ausschließlich selektiv und mit Bedacht surfenden Usern zu tun haben werden, die im Zweifelsfall nachsehen werden, ob eine Quelle auch wirklich vertrauenswürdig ist. Eine Zweiklassen-Gesellschaft, die sich aufteilt zwischen denen, die das Geld und das Know-how haben, sich durch das Netz und seinen ganzen Sturzfluten von Informationen zu navigieren und zu filtern. Und allen anderen…

(Alle Fotos auf dieser Seite: pixabay.com)

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