Aktuell 25. Juni 2018

„Facebook löschen? Würde ich nicht machen!“

by Christian Jakubetz

Soziale Netzwerke: Teufelszeug, das man sofort und vollständig löschen sollte? Jaron Lanier hat ein neues Buch veröffentlicht, in dem er genau das fordert. Der ARD-Digitalexperte Dennis Horn sieht das völlig anders: „Ich würde es nicht machen“, sagt er in der neuen Ausgabe des „Universalcast“.

Weg mit Facebook und Co? Dennis Horn sagt: Nein. (Photo by Thought Catalog on Unsplash)
Weg mit Facebook und Co? Dennis Horn sagt: Nein. (Photo by Thought Catalog on Unsplash)

Als „Nerd vom Dienst“ begleitet Dennis Horn für Hörfunk und Fernsehen in der ARD die digitale Welt. Seit 2013 kennen ihn die Zuschauer des Verbrauchermagazins Servicezeit im WDR als Digitalexperten. Seit 2015 gehört er zum Team des ARD-Morgenmagazins.

Jaron Lanier hat ein neues Buch geschrieben. Dort stellt er – stark verkürzt – die These auf, wir müssten alle sofort unser gesamtes soziales Netzwerk löschen. Hat er recht?

Ich würde es nicht machen. Soziale Medien gehören heute ja zu einer Art Kommunikationsinfrastruktur. Der  Punkt, an dem die Perspektiven einfach ganz unterschiedlich sind, ist immer die Frage: Sprechen wir bei  Facebook sprechen über ein normales Unternehmen? Ich habe das Gefühl, dass Jaron Lanier ein Anhänger dieser Variante ist.

Oder ist man der Ansicht, dass Facebook kein normales Unternehmen ist, sondern ein Anbieter, der heute die Macht über eine an einen wichtigen Teil der Kommunikationsinfrastruktur weltweit hat. Mit 2,2 Milliarden aktiven Nutzerinnen und Nutzern kann man ein solches Unternehmen anders sehen als eine Aktiengesellschaft. Kann man das überhaupt als normales Unternehmen betrachten? Da sage ich Nein. Das führt dann im nächsten Schritt dazu, dass man über solche Dinge wie über eine Regulierung nachdenken muss. Denn Unternehmen, die eine solche Macht haben, müssen reguliert werden.

Die Debatte darüber, ob man mitmacht oder nicht, ignoriert die Tatsache, dass viele Menschen gar keine andere Wahl haben als dort mitzumachen. Auch viele Medienhäuser haben gar keine andere Wahl,  weil sie sonst einen gehörigen Teil ihres Publikums auf der Strecke lassen würden.

Du sagst, dass natürlich auch wir Journalisten uns zwangsweise mit sozialen Netzwerken beschäftigen müssen. Aber haben wir da nicht ein bisschen das Monster gefüttert, das uns bald schon zu fressen droht? Füttern wir es nicht immer noch jeden Tag?

Dennis Horn. (Foto: Oliver de Vries)
Dennis Horn. (Foto: Oliver de Vries)

Auch die Frage, ob wir ein Monster füttern, geht für mich am eigentlichen Problem vorbei. Klar kann man sagen: Wir füttern ein Monster. Man kann aber auch sagen: Wir füttern das Monster, um innerhalb dieses Monsters davor zu warnen, wie man mit diesem Monster umgeht. Die Nutzer zu schulen, sie zu informieren und konstruktiv daran zu gehen, all das ist doch dort auch möglich. Die Leute  und auch uns zu einem guten Umgang mit sozialen Medien zu bringen, das ist besser, als sie dort einfach allein zu lassen. Diesen Ansatz kann ich nicht nachvollziehen, auf der Seite stehe ich nicht.

Was ich mich immer frage: Haben wir mit unserem wohlmeinenden journalistischen Ansatz gegen die Macht der Algorithmen überhaupt eine realistische Chance?

Das kommt darauf an was unser Ziel ist die Leute zu erreichen und zu informieren. Selbstverständlich haben wir da eine Chance.  Es geht es doch gar nicht darum, gegen den Algorithmus anzukommen. Da geht es darum, ihn zu nutzen. Die Möglichkeit sehe ich komplett. Das Problem ist aus meiner Sicht ein anderes: Wie gestaltet man Technik und den Umgang damit?

Darauf müssten wir eingehen. Und dann kommt man automatisch dazu, dass man all diese Dinge nicht zwingend als Konkurrenz oder Feind betrachtet, sondern als Teil unserer Infrastruktur, die wir in irgendeiner Form gestalten müssen.

Gerade bei dem Thema Infrastruktur ist in letzter Zeit die Debatte darauf gekommen, warum man eigentlich nicht ein soziales Netzwerk zum Bestandteil einer öffentlich-rechtlichen Infrastruktur machen soll. Weil das Problem ist ja gar nicht so sehr ist, dass es soziale Netzwerke gibt, sondern dass sie maximal profitorientiert sind. Wäre es nicht eine sehr sinnvolle Idee was zum Beispiel auch auf der re:publica besprochen wurde: zu sagen, man nimmt einen Prozentsatz von der Haushaltsabgabe und investiert in eine Art öffentlich-rechtliche Social-Media-Infrastruktur?

 Erst einmal bin ich da wieder bei meinem Konflikt: Ist Facebook ein normales Unternehmen?  Und wenn man sagt, nein, es ist kein normales Unternehmen, dann kann man auch Möglichkeiten schaffen, dass ein solches Unternehmen nicht mehr ausschließlich an maximaler Profit-Orientierung arbeiten kann.

Den Ansatz eines „öffentlich-rechtlichen“ Netzes halte ich grundsätzlich für richtig. Ich glaube aber nicht, dass es möglich ist, mal eben ein neues Facebook zu schaffen. Wir haben ja genügend Versuche gesehen, von Path über Ello bis Vero. Aber es ist einfach der Lock-in-Effekt, der die Leute bei den bisherigen bestehenden Anbietern sozialer Netzwerke hält. Ich glaube nicht, dass man einfach mit einem neuen sozialen Netzwerk dagegen ankommt. Zumal der Betrag, der dann dafür locker gemacht würde, immer noch ein Witz ist gegen die Investitionen, die Facebook tätigt, seine Plattformen und die Algorithmen dort weiterzuentwickeln. Was konkret vorgeschlagen wird, ist eine soziale Plattform, auf der Inhalte kuratiert bereitgestellt werden, die von öffentlich-rechtlichen Medien und von Produktionsfirmen produziert werden, aber auch von privaten Anbietern. Eine gemeinsame öffentliche Plattform, die auch normalen Nutzern. Im Grunde also ein weiter gedachtes „Funk“ – und das halte ich für eine sehr interessante Idee. Also nicht zwingend diesem Kommunikationsinfrastruktur-Anbieter Facebook etwas entgegenzusetzen, aber wohl mit Inhalten dagegen anzukommen. Denn das geht. Und das dann sozial zu gestalten im Sinne eines sozialen Mediums.

Du hast gerade „Funk“ angesprochen, das sich auf viele Kanäle verteilt und nicht mehr von einer zentralen Inhalte-Infrastruktur ausgeht. Glaubst du, dass das möglicherweise überhaupt so ein Modell ist, mit dem wir Journalismus in Zukunft machen müssen? Also weg von der Idee zentraler Plattformen und stattdessen  hin zum Bespielen diverser Kanäle. Mit unseren Inhalten also ganz simpel gesagt dorthin gehen, wo die Leute sind…

Ich halte das für eine sehr schwierige Idee, das in dieser Konsequenz so zu machen. Man sieht ja mittlerweile auch bei „Buzzfeed“, die mit die ersten waren, die dieses Prinzip der „Homeless Media“ gepflegt haben. Also: die Website nur noch als Hub für die Themen ist gar nicht mehr so wichtig, sondern wir gehen zu den Leuten in diese Netzwerke und bilden uns da in irgendeiner Form Bewertungskriterien, ob das erfolgreich ist oder nicht. Da ist man aber zu sehr am kürzeren Hebel gegenüber diesen Anbietern, die mit Änderungen von Algorithmen zum Beispiel uns schnell den Saft abdrehen können. Ich halte es für sehr sinnvoll, in diese Netzwerke zu gehen. Aber ich halte es auch für sehr sinnvoll, einen zentralen Hub,  ein eigenes Angebot nicht zu vernachlässigen, sondern ganz im Gegenteil zu stärken. Ein Teil einer Strategie sollte aus meiner Sicht immer sein, auch das eigene Angebot zu stärken, um sich eine gewisse Unabhängigkeit zu bewahren.

Eine Frage, die ich dir zum Abschuss nicht ersparen kann: Man hört ja immer wieder so viel davon, dass Journalisten zu einer eigenen Marke werden sollen. Du bist das mit deinen tausenden Followern in den verschiedenen Netzen ja auch ein Stück weit. Also, Journalisten müssen immer auch eine Marke sein?

Schwierige Frage. Man wird es automatisch, wenn auch ein bisschen unfreiwillig. Ich halte es für sehr wichtig ,dass Journalistinnen und Journalisten als Marke sich positionieren. Aber die Frage ist immer: wem gegenüber? Das kann ja auch nur der Redaktion gegenüber geschehen. Also, dass eine Redaktion weiß, wofür ich stehe und wenn sie zum entsprechenden Thema etwas machen, dann rufen Sie mich halt an. Ich halte es aber nicht für zwingend, dass Journalisten darüber hinaus im Netz in der Öffentlichkeit als Marke auftreten. Das bleibt jedem weiter selbst überlassen.

Comments 4
  • Habe mich 2013 von Facebook gelöscht und 2016 von Twitter. Meine Lebensqualität hat sich erheblichen gesteigert, dadurch dass ich wieder weiß, welche Menschen, welche Termine und welche Informationen wirklich wichtig sind. Ich habe zwar ein paar Kontaktdaten verloren zu Menschen, die ich nur auf Facebook abgespeichert hatte, aber damit kann ich leben. Mir ist es sehr wichtig, über meine Kognition Herr zu sein. Facebook heutzutage jedoch beballert dich von vorn bis hinten mit den irrelevantesten Dingen die stattfinden.

    Man kann den sozialen Abstieg und die abnormale Gleichgültigkeit (Stichwort Filterblase) sehen, bei allen, die zu viel Zeit auf sozialen Netzwerken verbringen. Facebook war 2008 noch super, hatte super Funktionen, war datenschutztechnisch passabel und man hätte nie gedacht, dass Facebook innerhalb von 5 Jahren zu größten öffentlichen aber intransparenten Datenkrake weltweit werden würde.

    Das Argument, dass ja alle Unternehmen auf Facebook seien und man deshalb nicht drum herum kommt ist Unsinn, für mich ist ein Unternehmen ohne Facebook mittlerweile ein Garant für Qualität. Jeder Vollpfosten hat es nötig, sich auf Facebook aufzuhübschen, doch wer nicht mal Facebook hat, der ist für mich viel seriöser.

    Wenn Facebook so ein Güllehaufen bleibt dann wird meine Einstellung auch bei anderen Menschen aufkommen, soviel ist sicher.

  • Ich war nie bei FB, hauptsächlich wegen deren kaputten Geschäftsmodells und der daraus folgenden unsäglichen Einstellung zu Privatsphäre. Vermisst habe ich nie etwas.

  • „Die Debatte darüber, ob man mitmacht oder nicht, ignoriert die Tatsache, dass viele Menschen gar keine andere Wahl haben als dort mitzumachen.“
    Werden sie etwa mit vorgehaltener Pistole dazu gezwungen? Nein, sie lassen es sich wieder und wieder einreden, so wie hier auch.
    Natürlich haben sie die Möglichkeit diesen Konzern zu ignorieren, sein durchsichtiges Spiel nicht mitzuspielen. Sie haben nichts zu verlieren außer ihren implantierten Irrglauben, ohne fb ginge nichts mehr. Vor einer Generation war es das TV, ohne das viele Süchtige nicht mehr leben zu können glaubten.

    „Und wenn man sagt, nein, es ist kein normales Unternehmen, dann kann man auch Möglichkeiten schaffen, dass ein solches Unternehmen nicht mehr ausschließlich an maximaler Profit-Orientierung arbeiten kann.“
    Sorry, aber das ist nun wirklich blauäugig. Kein shareholder läßt sich aus reiner Menschenliebe den value verderben. Und was gesetzliche Regelungen ausrichten können wurde nicht zuletzt beim Abgasskandal deutlich: gar nichts.

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