Digitales Leben, Interview 15. Februar 2018

Öffentlich-rechtlich? Einmal neu denken, bitte!

by Christian Jakubetz

In Deutschland wird noch debattiert, in der Schweiz bereits abgestimmt: Wie geht es weiter mit dem Rundfunk der Prägung öffentlich-rechtlich? Was darf er im digitalen Zeitalter eigentlich noch, braucht man ihn – oder kann das weg? Spannende Fragen, um die es in der aktuellen Ausgabe des „Universalcast“ geht. Zu Gast diesmal: Konrad Weber, Digitalmann der SRG.

 

öffentlich-rechtlich Konrad Weber
Konrad Weber. (Foto: Aladin Klieber)

Konrad, am 4. März wird in der Schweiz abgestimmt – schon ein bisschen Angst um deinen Job?

Es geht am 4. März tatsächlich um die Zukunft des Medien-Standorts Schweiz. Dann wird nämlich darüber abgestimmt, ob die Finanzierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks so bleibt wie bisher.

Ich persönlich mache mir über meinen eigenen Job im Moment nicht allzu viele Sorgen. Ich bin jung. Ich habe einen digitalen Rucksack dabei und habe das Gefühl, durchaus etwas mitzubringen, das auch an anderen Orten in der Zukunft nachgefragt ist. Aber umgekehrt habe ich sehr viele Kollegen, die zum Teil seit 20 oder 30 Jahren auf sehr spezialisierten Gebieten tätig sind, die zum Teil in der Schweiz vielleicht einmalig sind. Da verstehe ich durchaus die Angst, die jetzt auch mit dieser Abstimmung mitschwingt.

Was führen denn die Gegner des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in der Schweiz als Argumente ins Feld?  

Das ist sehr vielschichtig. Das macht es auch so schwierig, diese Initiative zu fassen.Das ist nicht so ein klassischer Links-Rechts-Graben. Es ist auch kein klassisches „jung versus alt“, sondern es zieht sich durch die ganzen Schichten und sozialen Milieus hindurch. Es gibt Leute, die sind einfach unzufrieden mit dem Programm und haben deshalb das Gefühl, da müsste man etwas ändern. Dann gibt es Leute, die sagen: Das ist viel zu groß, viel zu schwer, viel zu aufgeblasen. Dann gibt es Leute aus der linken oder rechten Ecke, die finden, sie seien zu wenig vertreten. Wiederum andere finden: Weshalb sollte ich für etwas zahlen, das ich gar nicht nutze? Also, es gibt ganz viele verschiedene Argumente, die zum Teil emotionaler, manchmal auch ein bisschen überlegter sind – und die dann alle zusammen in der Gesamtheit auch durchaus gefährlich werden können.

In Deutschland wird die Debatte gerne von den Zeitungsverlegern befeuert. Dabei taucht immer wieder dieser Begriff „Presseähnlichkeit“ auf. Das heißt sinngemäß, dass die Angebote der öffentlich-rechtlichen Sender zu sehr denen der Presse ähnlich seien. Ich habe im Duden nachgeschaut – und habe den Begriff „presseähnlich“ nicht gefunden. Kannst du mir erklären, was Presseähnlichkeit ist? Spielt das bei euch auch eine Rolle? Sollen bei euch auch die öffentlich-rechtlichen Sender weitgehend draußen bleiben aus dem Netz?  

Das ist natürlich auch in der Schweiz eine große Debatte. Die ist angelehnt an Deutschland. Da wurde man ein bisschen hellhörig, als dieser Streit zwischen privaten Verlegern und den Öffentlich-Rechtlichen losgetreten wurde. Ich habe das lange Zeit so beobachtetet, dass der Streit in Deutschland sehr viel heftiger geführt wurde als in der Schweiz. Und dann plötzlich ist das auch bei uns gekippt. Dass sich dann plötzlich auch Verleger und Chefredakteure in der Schweiz mit dem Gedanken angefreundet haben, dass man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk schwächen könnte.

Zum Thema „Presseähnlichkeit“ gibt es natürlich auch in der Schweiz Diskussionen. Es gibt tatsächlich sehr unterschiedliche Standpunkte. Aber die Regierung in der Schweiz sagt: Es ist wichtig, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk auch im Netz präsent ist.

Ich habe den Eindruck, dass hinter diesen Debatten auch sehr viel Politik steckt. Früher gab es ja einen breiten Konsens sowohl in Deutschland als auch in der Schweiz und in Österreich. Darüber, dass ein solide finanzierter öffentlich-rechtlicher Rundfunk zur Grundausstattung einer Gesellschaft gehört. Und ich habe das Gefühl, genau das wird jetzt gerade in Frage gestellt. Das schafft man ganz gut, indem man den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in die Nähe eines Staatsfunks rückt. Wie ist das bei euch in der Schweiz?

Auf jeden Fall ähnlich. Jetzt im Moment wird es gerade sehr emotional. Es wird von Zwangsgebühren gesprochen, es wird von Staatsrundfunk und Staatsfernsehen gesprochen. Aber es gibt auch den Ansatz: Weshalb sollte man für etwas zahlen, was man nicht benutzt? Und da trifft dann plötzlich auch noch die Diskussion über die technologische Entwicklung auf gewisse politische Botschaften. Man kann durchaus mit dem Gedanken liebäugeln, dass man da jetzt tatsächlich das System in ein neues System führen müsste. Das klassische Denken in Kanälen und mit einem Vollprogramm ist in digitalen Zeiten vielleicht nicht mehr so passend.

Müsste man nicht tatsächlich gerade jetzt über die klassische Aufgabenstellung von öffentlich – rechtlichem Rundfunk sprechen? Ich glaube, es gibt da keinen Zweifel daran, dass der Anteil von klassischen linearen Programmen zurückgehen wird. Wenn man dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht erlauben würde, dass er sich an diese stark veränderten Gewohnheiten anpasst, kann man ihn eigentlich auch in spätestens zehn Jahren beerdigen. Also, welche Aufgaben und welche Funktion kann ein öffentlich-rechtliches Medium im digitalen Zeitalter haben?

Ich bin überzeugt davon, dass man dieses Modell, das ja schon fast zu Kriegszeiten entwickelt wurde, überholen müsste. Da gehen die Meinungen auseinander. Da gibt es die einen, die sagen: Jetzt müssen wir mal ganz reinen Tisch machen und dann etwas Neues aufbauen. Sozusagen der Phönix aus der Asche. Und dann gibt’s halt die anderen, die sagen: Wir müssen unbedingt diese Finanzierungsfrage klären und können erst danach über das neue Programm sprechen.

Das Spannende ist ja: Zugleich wird in der Schweiz auch ein neues Mediengesetz entwickelt. Das ist ein sehr langwieriger Prozess, weil in der Schweiz keine Rundfunkstaatsverträge gibt, sondern eine Konzession, die alle zehn Jahre erneuert wird. In dieser Konzession steht der Leistungsauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. der dann auch beauftragt wird von der Regierung.

In dieser neuen Überarbeitung wird im Moment ganz hitzig darüber diskutiert wie man das eigentlich technologieneutral machen könnte. Und da wäre die Schweiz das erste Land in Europa, das ein solches Gesetz eingeführt hätte. Eines, das eben nicht mehr abhängig ist von diesen klassischen linearen Kanälen.

Wie finden denn eure Zeitungsverleger diese Idee? Ich meine, dieses Gesetz wäre ja tatsächlich hochmodern und an die Umstände angepasst.  Aber ich weiß auch, dass man so etwas in Deutschland momentan nicht diskutieren könnte, weil zuverlässig irgendwo der BDZV um die Ecke käme und sagen würde: Das ist presseähnlich! Das ist nicht Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks! Auf der anderen Seite denke ich immer, dass es ja diesen schönen Begriff der Grundversorgung gibt.  Aber wie soll man denn heutzutage eine Grundversorgung leisten, wenn man digitale Kanäle nicht einbezieht?

Eine spannende Frage, die auch ziemlich offen ist im Moment. Noch bis vor kurzem hat es in der Schweiz über Medienpolitik überhaupt keine Debatten gegeben. Für Medienpolitik hat man sich nicht interessiert in der Schweiz und deshalb lief auch diese Diskussion unter ferner liefen. Ich glaube, viele warten jetzt natürlich zuerst einmal ab, was da jetzt kommt.  Wenn natürlich die Finanzierung generell abgeschafft wird, dann steht auch die Politik vor einem Scherbenhaufen und muss dann überhaupt mal selbst neu überlegen, wie man das jetzt eigentlich umsetzen will.

Ich frage mich ja manchmal, wie eine Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Deutschland enden würde. Was denkst du, wie wird das bei euch in der Schweiz am Ende ausgehen?

Es hat in den letzten Wochen einige Umfragen gegeben. Die gingen immer so von einem etwa 60prozentigen Nein-Anteil aus. Ich selbst bin ziemlich skeptisch und habe immer noch das Gefühl, dass es sehr, sehr knapp werden wird. Ich kann mir auch vorstellen, dass eine solche Abstimmung auch in anderen Ländern sehr knapp ausgehen würde.

Jetzt sind wir beide so bekennende digitale Köpfe und haben die Entwicklung der Digitalisierung begeistert begrüßt. Aber manchmal denke ich mir das, dass das, was wir so begeistert begrüßt haben, schon auch stark zu dieser Vertrauenskrise in den beigetragen hat. Tatsache ist doch, dass es inzwischen grundlegendes Misstrauen gegen Journalisten gibt.  Auch dadurch bedingt, dass soziale Netzwerke zu Echokammern geworden sind, in denen leider auch ziemlich viel Unsinn erzählt wird. Sind das die Geister, die wir selbst gerufen haben?

Wenn man sich die Lage bei uns in der Schweiz anschaut, dann wird es noch ein Stückchen absurder. Weil zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen zu dem Schluss kommen, dass sehr viele Leute immer wieder betonen, wie sehr sie die Qualität des Essays für sie in der deutschsprachigen Schweiz schätzen. Wir sehen das auch regelmäßig bei großen Nachrichtenlagen oder bei Abstimmungen, dass die Leute auch tatsächlich zu uns kommen und bei uns dann auch ihre Information beziehen. Denn genau das ist ja auch ein bisschen absurd bei dieser ganzen Abstimmung, dass man trotzdem sagt, weshalb sollte ich dafür zahlen oder warum braucht es das noch in Zukunft?

Kannst du dir vorstellen, dass es mal zu einer Art Gegenbewegung „raus aus den sozialen Netzwerken“ geben wird? Oder sind längst alle Dämme gebrochen und wir haben es in Zukunft mit einer Vielzahl von kleinen und manchmal auch größeren Filter Bubbles zu tun?

 Auf jeden Fall. Ich sehe das als etwas, was bereits eingetreten ist. Wenn wir sehen, wie die Reichweiten einbrechen bei Facebook, dann würde ich jetzt mal behaupten, das hat in erster Linie damit zu tun, dass immer mehr Menschen genervt sind über den Müll, den sie in die Timelines gespült erhalten. Bei uns in der Schweiz gibt aber auch Untersuchungen, die dann noch fast von einem schlimmeren Effekt ausgehen. Nämlich, dass es immer mehr Leute gibt, die sich ganz abwenden. Und ich glaube, wenn das geschieht, dann haben wir tatsächlich ein Problem und zwar wir als Medien insgesamt.

Woher kommen denn diese grassierende Unzufriedenheit mit Medien und möglicherweise auch mit einer ganzen Gesellschaft?

Ich glaube, das fußt weniger auf der Unzufriedenheit als auf einem Effekt, den wir in der Schweiz erst jetzt in der ganzen Härte zu spüren bekommen. In den USA hat das vor fünf bis acht Jahren stattgefunden hat, in Deutschland vor drei bis fünf Jahren. In der Schweiz waren wir sehr verwöhnt in den letzten Jahren und jetzt findet diese rasante Veränderung der gesamten Medienlandschaft Schlag auf Schlag statt. Nicht nur aufgrund der Digitalisierung, sondern aufgrund der Einsparungen, die es in der Schweiz so noch nie gab. Passend dazu ist jetzt diese Abstimmung über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Können denn die bisherigen konventionellen Mediensysteme überhaupt überleben im Zeitalter der Digitalisierung?

 Ich glaube, es hat in der Art und Weise, wie es aufgebaut wurde und über all diese Jahrzehnte genutzt wurde, definitiv ausgedient. Speziell in der Schweiz waren wir ja lange auf der Insel der Glückseligen. Umgekehrt hat man aber auch in der Schweiz noch nicht wirklich Wege gefunden, wie man da aus dieser Krise herauskommen will. Es gibt in der Schweiz allerdings auch nur sehr wenige Verlage, die tatsächlich auch an Journalismus glauben. Einfach auch, weil der Markt in der Schweiz sehr viel kleiner ist. Ich habe das Gefühl, viele kleine lokale Medien werden die Folgen des Medienwandels ganz bitter zu spüren bekommen in den nächsten Jahren.

Gegenthese:  In den USA haben große Zeitungen wie zum Beispiel die „New York Times“ oder die „Washington Post“ massiv in Journalismus investiert – und zwar in hochwertigen Journalismus. Klar, da gab es den „Trump Bump“ – und nicht jeder hat Jeff Bezos als Verleger. Ich habe ja auch nichts gegen lukrative Nebengeschäfte. Aber wäre es nicht einfach eine Lösung zu sagen: Wir investieren jetzt mal in guten Journalismus?

Definitiv. Ich glaube aber umgekehrt, dass man nicht unterschätzen darf, dass der englischsprachige Markt doch nochmal ein anderer Markt ist als der deutschsprachige Markt. Trotzdem, auf dem deutschsprachigen Markt müsste man auch in diese Richtung losmarschieren. Ich habe das Gefühl, dass zum Teil auch gerade im deutschen Markt ein bisschen an diesem Masterplan fehlt. Oder am Durchhaltewillen. Ich habe das im deutschsprachigen Raum noch nie in dieser Klarheit gehört von einem Verleger, dass man sein eigenes Unternehmen auf ein Software-Unternehmen umstellt, um so überhaupt Journalismus in Zukunft noch anbieten zu können.

Ich habe den Eindruck, dass ganz viele Medienunternehmen immer noch versuchen, völlig neue Gegebenheiten mit alten Mitteln zu lösen. Dass man mal Geschichten einfach vom Thema her denkt, dass man multimediales Storytelling mit guter Programmierung löst, dass man überlegt, welcher Inhalt ist in welchem Kontext auf welcher Plattform der Richtige –  das ist so eine Denke, die fehlt mir bei Journalisten, bei Verlegern, bei Geschäftsführern, aber auch bei Fernsehleuten momentan komplett.

Das kann ich nur bestätigen aus meinen Erfahrungen. Und zwar vom kleinsten Element, von der Geschichte bis hin zur großen Strategie. Ich glaube, das fußt einfach auch darauf, dass diese Organisationen in den letzten Jahren so verwöhnt waren, dass sie tatsächlich mit ihrem Angebot stets auch großes Geld verdienten – und sich nicht überlegen mussten, ob sie sich nicht anders aufstellen müssten. Beispiel Fernsehen: Da gab es etliche technologische Veränderungen, von 4:3 auf 16:9, HD –  aber das Format selbst, wie man die Geschichten erzählt, das ist während dieser ganzen Jahre immer gleich geblieben.

Und genau diese Verlässlichkeit, dass man so machen kann wie man es bisher immer gemacht hat, die hat jetzt genau zu dieser Trägheit geführt. Ich glaube, das hängt vor allem damit zusammen, dass die Organisationen nicht dazu aufgestellt sind, um sich überhaupt zu verändern. Man ist klassisch hierarchisch aufgebaut, oftmals hat der Verlag geschaut, dass das Geld reinkommt und die Journalisten haben ihre Geschichten gemacht. Das müsste man das viel mehr aufbrechen, um da auch neue Modelle zu finden. Wie man neue Geschichten erzählt, wie man neue Businessmodelle bildet, wie man neue Strategien entwickelt. Das ist aber ein Rattenschwanz, der dazu führt, dass viele dieser Unternehmen heutzutage immer noch dort stehen, wo sie vielleicht auch schon vor zehn zwanzig Jahren standen.

Mal angenommen, die SRG sagt: Herr Weber, machen Sie das doch mal ganz nach ihren Vorstellungen. Wie würde das dann aussehen?

Ich habe persönlich das Gefühl, eine stärkere Fokussierung wäre sicher ein Weg. Dass man, egal ob Fernsehen, Radio oder Digitales, über die Inhalte diskutiert und sagt: Das machen wir. Und etwas anderes lassen wir dafür aber auch konsequent weg. Dass man vielleicht auch noch stärker sich überlegt: Wie können wir tatsächlich unsere Inhalte dorthin, bringen wo die Leute sind?

Dass man die Plattformen nicht nur als Ausspiel-Kanäle sieht, sondern auch tatsächlich als Interaktions-Plattform. Und dass wir noch viel stärker schaffen, den Leuten zu zeigen und zu erklären, was wir genau machen und weshalb wir es so machen. Also, Open Source, nicht nur was die Entwicklung angeht, sondern auch, was die Inhalte angeht. Das sind Gedanken, die man aus dem Digitalen schon kennt, die man dann aber auch auf ein altehrwürdiges Gebilde wie dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk anwenden kann.

Das Interview wurde aus Gründen der Lesbarkeit gekürzt und redigiert, das vollständige Gespräch gibt es in der eingebetteten Soundcloud-Datei. Den Universalcode-Podcast gibt es u.a. auch bei iTunes.

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