Aktuell 17. März 2017

Status und Stories: So ändert sich der Journalismus

by Christian Jakubetz

Aus den Partikeln werden doch wieder Artikel: Mit zahlreichen neuen Features haben soziale Netzwerke in den letzten Monaten Dinge etabliert, die auch das Storytelling im Netz massiv verändern…

Auf den ersten Blick (und eventuell auch auf den zweiten) könnte man meinen: Es ist das alte Spiel, wenn kleine, wendige Herausforderer auf große Tanker treffen. Im Falle „Social Media“ ist Snapchat der immer noch eher kleine und innovative – während Facebook ein wenig in die Jahre gekommen ist und sich zunehmend der Angriffe der deutlich hipperen Herausforderer erwehren muss. Kein Wunder also, dass Facebook, Instagram und WhatsApp mittlerweile eher reagieren statt zu agieren. Dieses Reagieren heißt vor allem: schauen, was der kleine Herausforderer macht – um dann dessen erfolgreichste Features nachzubauen.

Allerdings haben diese kleinen Nachbauten auch noch einen anderen Aspekt: Se verändern nachhaltig die Art und Weise, wie wir im Netz Geschichten erzählen, wie dort kommuniziert wird. Spätestens, wenn Marktriesen wie die Facebook-Gruppe solche Features etablieren, werden sie zum Standard. Weswegen es sich lohnt, sich schon mal zu überlegen, welche Auswirkungen diese Dinge für den digitalen Journalismus haben werden…

Multimedia ist das neue Texten

Bilder müssen sein, ab und zu wenigstens. Wer mit dieser Devise im Journalismus groß geworden ist, gehört entweder zu einem älteren Semester oder er hat ein paar Entwicklungssprünge verpasst. Weil inzwischen, Social Media sei Dank, fast nichts mehr geht ohne Audio und – das vor allem – Bewegtbild. Wobei Bewegtbild nicht gleichzusetzen ist mit dem, was man über Jahrzehnte aus dem guten alten Fernsehen kennt. Bewegtbild kann heute buchstäblich alles sein, was sich irgendwie bewegt. Hoch, quer, quadratisch. Live oder aus der Konserve, wacklig oder geschnitten, vertont oder auch nicht.

Es gibt eine ganze Reihe Gründe, die dafür sprechen. Zum einen: Menschen haben seit jeher lieber (bewegte) Bilder geschaut als Texten zugehört oder sie gar zu lesen. Zweitens: Es war noch nie so einfach, bewegte und bewegende Bilder zu produzieren. Mit dem Smartphone hat man mittlerweile nicht nur eine ziemlich gute Kamera, sondern potentiell auch noch ein mobiles Mini-Studio immer in der Tasche.

Und schließlich die Nutzungsgewohnheiten: Gerade die Generation, die mit sozialen Netzwerken und Messengern als fester Bestandteil ihres täglichen Lebens aufgewachsen ist, kennt es kaum anders, als dass Videoschnipsel ein fester Bestandteil der täglichen Kommunikation sind. Und weil sich Gewohnheiten ja so schnell nicht einfach ändern, ist es keine gewagte Prognose: Das Bewegtbild wird für den Journalismus bald so wichtig sein wie das geschriebene Wort.

Die Partikel werden doch wieder zum Artikel

Stories nennt sich die Idee, die Snapchat als erstes auf den Weg brachte – und die sich inzwischen in mehr oder weniger identischen Kopien in der ganzen Social-Media-Welt durchzusetzen beginnt. Die Idee dahinter: seinen Tag nicht mehr einfach durch mehr oder weniger interessante Statusmeldungen zu begleiten, sondern ganze Geschichten zu erzählen. Aus Fragmenten wird dann eben dann doch wieder so etwas wie ein „Artikel“. Was bedeutet, dass der überaus griffige und zwischenzeitlich totgequatschte Claim „Partikel statt Artikel“ nun auch schon wieder tot ist. Im Gegenteil, die Idee der „Stories“ bewirkt genau das Gegenteil und setzt die Partikel wieder zusammen.

Das scheint überhaupt so ein Trend in der digitalen Welt zu sein: dass die Dinge immer mehr hybrid genutzt werden können. Print und Digital zusammen, E-Books und gedruckte Bücher beispielsweise – und eben auch: Partikel und Artikel. Was ja gerade in diesem Social-Media-Fall naheliegend ist: Manchmal will man ja doch lieber die ganze Geschichte hören, statt sich mühevoll die Einzelteile zusammenzusuchen. Und die Idee, dass der „Artikel“ ausgedient haben soll, war wahrscheinlich schon von vornherein unsinnig.

Der einzig wirklich exklusive Content: Ich

Natürlich ist die Idee, im sozialen Netzwerk Geschichten zu erzählen, in allererster Linie immer noch für ganz normale Privatleute gedacht. Für solche, die sich einfach ein paar Geschichten aus ihrem Leben erzählen wollen. Dennoch ist genau dieser Gedanke eben auch einer, der maßgeschneidert scheint für all diejenigen, deren Job es ist, Geschichten zu erzählen: Journalisten und andere Medienmenschen. Nicht nur, weil man bei diese Tools so schnell und ungefiltert wie nie zuvor an seine Zielgruppe herankommt. Sondern auch, weil das eigene Leben, die eigenen Erfahrungen das einzig wirklich exklusive an Inhalt ist, was uns geblieben ist. Bei nahezu allem anderen muss man damit rechnen, dass die Geschichte irgendjemand anderes auch schon hat. Digitale Storyteller also – gut denkbar, dass das in den kommenden Jahren zunehmend zu einem alternativen Berufsbild wird. Womit allerdings auch klar ist: Der Verlautbarungsjournalismus früherer Prägung, wie er auch heute noch immer wieder mal betrieben wird, kommt zunehmend an sein Ende.

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