Digitales Leben 3. Oktober 2016

Die Welt durch die Augen von Snap

by Christian Jakubetz

Der nächste Versuch: Snapchat ist unter die Hardware-Hersteller gegangen – und versucht sich an einer Gerätegattung, an der ein anderer, ungleich größerer Konzern schon mal grandios gescheitert ist…

Brille auf – und dann: neue Welten erleben und gleichzeitig seine eigenen Erlebnisse mit einer eingebauten Kamera aufnehmen können. Schon mal gehört, dieses Konzept? Kein Wunder, schließlich war „Google Glass“ vor zwei, drei Jahren schwer im Gespräch und galt als das nächste große Ding. Irgendwann aber hatte der Konzern weniger mit den Tücken der Technik zu kämpfen als mit einer sich wandelnden Stimmung. In der USA machte der Begriff „Glasshole“ Karriere. Und auch im traditionell skeptischeren Deutschland regte sich plötzlich Widerstand: Für Datenschützer ein mittlerer Albtraum, wenn plötzlich fotografiert und gefilmt werden kann, ohne dass man das überhaupt bemerkt.

Bei Snapchat (genauer gesagt: Snap, wie sich die Firma inzwischen nur noch nennt) setzt man allerdings genau darauf: Brille aufsetzen, kurze Aufnahme machen, auf Snapchat teilen. Und so soll das technisch funktionieren: In eine Ecke der Brille ist eine Kamera integriert. Tippt man einmal auf einen Knopf am linken Bügel der Brille, entsteht ein zehn Sekunden langes Video. Startet man die Snapchat-App auf dem Handy, werden die Aufnahmen übertragen.

Das klingt zunächst nach einem mehr oder minder lustigen Gimmick für Kids. Tatsächlich aber ist die dahinter liegende Idee aus mehreren Gründen interessant. Zum einen: Denkt man diesen Gedanken zu Ende, könnte daraus ein Tool für Echtzeit-Journalismus entstehen, der in des Wortes Sinne die Welt durch die Augen eines Betrachters zeigt. Das wäre ein durchaus radikaler Wechsel der Perspektive. Zumal der Aufwand für eine solche schnipselartige Videoproduktion endgültig gen Null ginge. Brille aufsetzen, antippen – fertig ist das Video.

Aber auch der eher strategische Aspekt der Idee ist interessant: Snapchat könnte sich damit noch mehr in die Richtung eines Medienkanals positionieren. Und damit auch zu einer Plattform werden, die andere Netzwerke und auch Medien ersetzt. Wer braucht noch Medien und Netzwerke, wenn es auf Snapchat ohnehin alles gibt?

Kosten soll die Brille später einmal 130 Dollar. Erhältlich ist sie zunächst ab Herbst nur in den USA. Ob sie auch einmal nach Deutschland kommt, ist zum jetzigen Zeitpunkt unsicher. Man darf aber davon ausgehen, dass der Markt in den USA zunächst einmal der Testballon ist. Sollte dieser Test erfolgreich sein, dann ist es kaum vorstellbar, dass die Brille nicht auch nach Europa kommt.

Andere Funktionen – wie seinerzeit die umstrittene Google Glass – soll die Snap-Brille erst einmal nicht haben. Sie ist also demnach keine klassische Datenbrille, wie das im Verständnis von Google definiert war.

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