Webvideos 18. April 2016

360 Grad – so geht´s

by Christian Jakubetz

Beim Thema Bewegtbild ist eigentlich nur eines sicher: So schnell wie bei diesem Thema kommen aktuell im digitalen Journalismus keine neuen Trends. Nach Livestreaming werden jetzt gerade 360-Grad-Videos zum großen Ding. Was auf der einen Seite nachvollziehbar ist, auf der anderen Seite Journalisten mal wieder vor die Frage stellt: Wie geht das eigentlich?

360grad
Inzwischen auf dem Weg zum Standard: 360-Grad-Videos.

Erste und einfache Antwort: Es ist nicht mehr so schwer, wie es schon mal war- und wie man leicht befürchten könnte. Soft- und Hardware gibt es in ordentlicher Auswahl und auch zu Preisen, die es auch für Freiberufler interessant macht, über das Thema nachzudenken. Interessant ist das Thema allerdings auch deswegen, weil sich dieses Format zunehmend mehr durchsetzt, inzwischen in nahezu jedem Browser und auch auf den Plattform-Riesen Facebook und Youtube abspielbar ist.

Hardware schon ab rund 400 Euro

Die gute Nachricht dabei: Die Hardware gibt’s inzwischen schon auch zu Preisen, bei denen man sich nicht erst vorher dreimal überlegen muss, ob man sich diese Investition jetzt auch leisten kann. Eine Kamera wie die Ricoh Theta S gibt es mittlerweile schon für 400 Euro. Sie macht zumindest sehr ordentliche Bilder, die man für journalistische Zwecke ohne Probleme verwenden kann. Die Bedienung ist ausgesprochen simpel, man muss lediglich wählen, ob man fotografieren oder filmen will.

Dir Kamera selbst hat keinen Monitor, mit dem man die Aufnahme kontrollieren kann – was ja auch keinen Sinn hätte, weil man sonst ja immer im eigenen Bild stehen würde. Gelöst werden kann das Problem dennoch: Die Kamera lässt sich via App mit einem Smartphone koppeln, auf dessen Display dann die Bilder zu sehen sind. Auch zur Fernsteuerung der Kamera kann die App verwenden werden.

Theoretisch lässt sich mit der Kamera auch ein 360-Grad-Livestream machen. Allerdings bisher nur auf den eigenen Rechner. Trotzdem: Die Perspektive, dass Livestreams in 360 Grad künftig zum journalistischen Standard werden, ist durchaus real.

Natürlich gibt es auch Hardware, die deutlich teurer ist – ebenso wie solche, die schon in Größenordnungen von 200 Euro zu bekommen ist. Klar ist allerdings auch, dass man bei Kameras in dieser Preisklasse ein paar qualitative Abstriche machen muss.

Nicht empfehlenswert sind 360-Grad-Linsen, die man an Smartphones andocken kann. Sie kosten zwar häufig weniger als 40 Euro, aber der Versuchung sollte man dennoch widerstehen. Die Ergebnisse sind naturgemäß für Journalisten nicht zu gebrauchen.

Wo sich 360 Grad lohnt – und wo nicht

Werden wir demnächst also eine Flut von 360-Grad-Videos erleben? Mag schon sein, aber wenn dem so sein sollte, dann dürfte das gerade am Anfang viel damit zu tun haben, dass man es einfach mal versucht, was mit einer solchen Kamera alles geht. Bei solchen Experimenten wird man dann aber auch schnell feststellen, wo die Tücken dieser Perspektive liegen. Ihr größter Vorteil ist nämlich auch ihr Nachteil: Man sieht wirklich alles auf einer solchen Aufnahme. Wenn man so dreht, muss man sich also auch Gedanken darüber machen, was neben oder hinter der eigenen Perspektive stattfindet.

Man muss dabei schon ehrlich zu sich selbst sein: Ist das gewählte Motiv wirklich so spektakulär, dass sich ein Nutzer das alles wirklich von oben bis unten, von hinten nach vorne und von links nach rechts anschauen muss? In vielen Situationen des journalistischen Alltags wird man schnell dahinter kommen, dass 360 Grad eher ein nettes Gimmick sind.

Da, wo es sich lohnt, bietet 360 Grad allerdings in den Wortes Sinne spektakuläre Perspektiven. Die sollte man aber auch wirken lassen. Schnitte in solchen Videos sehen merkwürdig aus und sind meistens auch nicht angebracht. Eher also packt man einfach mehrere Szenen aneinander. Es geht also nicht darum, einen klassischen Beitrag zu bauen – sondern eher darum, dem Nutzer ein Panorama zu bieten.

Produktion – der größte Aufwand

Der zeitliche Aufwand für ein solches Video ist überschaubar. Zumindest solange man nur vom Drehen redet (wie oben beschrieben: mit App koppeln. Köpfchen drücken, das war´s). Etwas aufwändiger wird dann leider die Postproduktion. Aus zwei Gründen:

Zum einen haben solche Kameras naturgemäß gar keine Mikros oder nur solche von eher bescheidener Qualität. Zumindest dann, wenn man O-Töne aufnehmen möchte, muss man das extern machen. D.h. aber dann auch, dass man mit einem externen Aufnahmegerät arbeiten und später im Schnitt Bild und Ton synchronisieren muss.

Man kann zwar 360-Grad-Videos mit einem Schnittprogramm wie Adobe Premiere bearbeiten und auch ausspielen. Das hat damit zu tun, dass es inzwischen Kameras gibt, die das Zusammenfügen der Datei, das sogenannte „Stitching“, schon vorher erledigen. Allerdings leidet die Qualität darunter. Von dem her empfiehlt es sich, diesem Vorgang separat mit einer eigenen Software zu erledigen (eine gute Übersicht über gängige Programme gibt es hier).

Zudem reicht die Speicherkapazität der  Workstations möglicherweise nicht mehr. Um 360-Grad-Videos optimal bearbeiten zu können, werden mindestens 32 GB RAM empfohlen – 64 GB wären vermutlich sogar noch besser. Was nicht bedeutet, dass es unterhalb dieser Kapazitäten nicht geht. Man wird dennoch schnell lernen, dass es komfortablere Wege gibt.

Ausspielwege

Es wäre vermutlich übertrieben, 360 Grad schon jetzt als Mainstream zu bezeichnen. Aber ganz sicher ist dieses Format auf dem Weg dorthin. Was sich auch daran erkennen lässt, dass Facebook und YouTube das Abspielen solcher Videos unterstützen. Auch die meisten gängigen Browser unterstützen das Format inzwischen, u.a. Chrome, Firefox, IE und Opera. Apples Safari weigert sich hingehen aktuell noch. Es dürfte allerdings nur eine Frage der Zeit sein, bis sich auch das ändert.

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