Webvideos 10. April 2016

Facebooks Strategie: ein Netz, ein Sender…

by Christian Jakubetz

Facebook bläst zur großen Bewegbild-Attacke. Künftig sollen Menschen bei jeder Gelegenheit via Bewegtbild miteinander kommunizieren können. Was das für Medien, Journalisten und Kommunikativen bedeutet – eine Einschätzung.

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Immer im On: Facebook setzt eindeutig auf Bewegtbild. (Foto: Facebook)

Facebook Live: Dahinter nur einfach eine Streaming-Funktion zu vermuten, würde zu kurz greifen. Tatsächlich ist das Feature sozusagen der Inbegriff von Facebooks Strategie. Und die lautet inzwischen auf den Punkt gebracht: Bewegtbild! Facebooks mehr oder weniger erklärtes Ziel ist es, mit Youtube das Tochter-Unternehmen des ungeliebten Erzrivalen Google von seiner Position als wichtigste Video-Plattform zu verdrängen. Das mach sich schon seit einigen Monaten bemerkbar, weil der Facebook-Algorithmus erkennbar Videos, die originär auf einen Facebook-Server hochgeladen wurden, beim Ausspielen in die Timeline bevorzugt. Tatsächlich ist die Social-Media-Plattform inzwischen zumindest den nackten Zahlen nach Youtube auf den Fersen.

Die Livestreaming-Funktion, die jetzt Stück für Stück und irgendwann mal für alle ausgerollt wird, greift den neuesten Großtrend des Netzes auf: Bewegtbilder live und in Echtheit, eine Art Live-Fernsehen 2.0.

Das wiederum koppelt sich gerade mit zwei anderen erkennbaren Entwicklungen: Das Netz wird mobiler und „sozialer“ (im Sinne von Social Media). Die Kombination aus mobil, sozial, live und Bewegtbild markiert also, wohin die Reise im Netz in den nächsten Jahren gehen dürfte. Und damit auch für Medien und Journalisten. Noch ist nicht absehbar, wie die Auswirkungen im Detail aussehen werden. Aber so viel ist sicher: Ohne eine hinreichende Expertise bzw. ein ansehnliches Angeht an Bewegtbild kommt man nicht mehr über die Runden.

Medien werden zunehmend „homeless“

Klingt also erstmal nach einem guten Deal für alle: Medien, vor allem die, die bisher Bewegbild nicht per se im Angebot hatten, bekommen einen eigenen „Sender“, auf dem sie alles machen können, was ihnen beliebt. Eigene Beiträge einstellen, live gehen, in Gruppen per Bewegtbild kommunizieren oder auch echte Live-Events kreieren. Facebook bekommt hingegen wieder neuen Content – ein faires Geschäft, oder?

Facebook selbst dürfte das ganz sicher so sehen. Für den Journalismus hat der Deal allerdings einen echten Haken. Weil sie mit jedem Stream, jedem Video, jedem Live-Event die Position von Facebook als „Journalismus“-Kanal weiter stärken. Und weil der Gigant noch gigantischer wird. Das Ziel des Zuckerbergs-Imperium ist ja nicht sehr viel weniger als eine Art digitale Weltherrschaft. Menschen sollen dort ihre gesamte Lebens-Chronik ablegen, dort kommunizieren, miteinander kommunizieren – und eben auch Nachrichten, Medien, Filme, Sendungen dort konsumieren. Kurzum: die eine Plattform für das ganze Leben sein.

Dagegen zu steuern, dafür dürfte es schon fast zu spät sein. Diese Erfahrung haben auch andere Branchen und Unternehmen machen müssen: Wenn Facebook sich für einen Markt interessiert, dann dominiert es ihn auch. Wer etwas brauchbares erfindet, wird entweder aufgekauft (Instagram, WhatsApp) oder eben mit einer eigenen Entwicklung platt gemacht (Meerkat hat es schon erwischt und ob sich Periscope gegen Facebook Live halten wird können, muss man auch erst sehen.

Klar ist aber so oder so: Die Giganten aus dem Silicon Valley haben inzwischen Infrastrukturen errichtet, die sie enorm mächtig machen. Ohne die Reichweiten und auch die Technologien können Redaktionen de facto nicht mehr auskommen. Gleichzeitig verlieren ihre eigenen Plattformen wie beispielsweise die gute alte Homepage immer mehr an Bedeutung – Journalismus wird „heimatlos“ und gerät immer mehr in die Rolle eines Zulieferers für Technologie- und Social-Media-Riesen.

Was wird aus den anderen Livestreamern?

Klar ist: Der Einstieg von Facebook in den Bewegtbild- und Livestreaming-Markt dürfte schon bald monopolartige Strukturen nach sich ziehen. Streaming-Pionier „Meerkat“ ist nach dem Launch von Twitters „Periscope“ ziemlich schnell untergegangen. Gut möglich, dass „Periscope“  nun ein ähnliches Schicksal droht. Schon alleine deswegen, weil sich Journalisten naturgemäß für Reichweite interessieren. Und die bekommen sie bei „Facebook“ zweifelsohne schneller und leichter als andernorts. Zumal auch absehbar ist, dass sich bald große Player wie beispielsweise Fußball-Bundesligisten oder Wirtschaftsunternehmen Facebooks Bewegbild-Kanäle zunutze machen werden. Der „Netzwerk-Effekt“ dürfte also auch hier wieder greifen: Die User sind da, wo die anderen auch sind, es gibt einen ganz großen Player und ein paar Nischenangebote.

Youtube hat zwar mittlerweile einigermaßen hektisch ein Streaming-Angebot entwickelt. Aber die Ausrichtung von Youtube ist eine andere, eine monomediale sozusagen. Wer wirklich Reichweite und Multimedialität zu seinen entscheidenden Kriterien macht, wird vermutlich den Massenanbieter „Facebook“ vorziehen.

Absehbar ist, dass Livestreaming und Bewegtbild schon bald so selbstverständlich zum journalistischen Standard-Repertoire gehören werden wie ein Facebook- oder Twitter-Account. Und dass der Journalismus sich damit noch weiter hin entwickeln wird zu den Themen Bewegtbild, Social Media und Echtzeit-Berichterstattung. Facebook Live ist dafür vermutlich erst der Anfang eines Massenmarktes…

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