Medienwandel 1. Juli 2015

Die Revolution kommt langsam(er)

by Christian Jakubetz

Es ist ein Begriff, den man in der Branche nur ungern hört: Disruption. Man ahnt, dass sie wohl unumgänglich ist, man weiß neuerdings sogar, dass man unter den Branchen, die von ihr betroffen sind, zeitlich ziemlich weit oben rangieren wird.  Trotzdem: Disruption bedeutet für Medien nichts anderes, als dass sich ihr Geschäftsmodell drastisch ändern wird müssen, wenn man überleben will. Aber wie soll das aussehen – und was passiert, wenn diese Disruption beginnt?  Antworten auf diese Fragen finden sich im „Digital News Report 2015“.

Die Nachricht hat sich inzwischen wirklich überall rumgesprochen: Die Digitalisierung ändert alles. Aber was verläuft genau wie? Darüber sind sich die meisten uneinig, die Palette reicht von optimistisch bis hin zu Untergangsszenarien. Wirft man allerdings einen Blick auf den „Digital News Report“ und dessen Messgrößen, dann stellt man unschwer fest, dass sich die Lage in Deutschland dann och etwas differenzierter darstellt als wie man auf den ersten Blick auf IVW und andere Kennzahlen meinen könnte.

Die unbekannten digitalen Größen

Das beginnt schon bei der in Deutschland gerne debattierten Frage: Bild oder Spiegel Online, wer ist der Mächtigere? Beim Blick auf den „Digital News Report“ ergibt sich ein verblüffendes anderes Bild: Da nämlich liegt zwar tatsächlich „Spiegel Online“ vorne, „Bild“ kommt aber erst auf Rang 3. Dazwischen liegt T-Online – ein Angebot, dass in den IVW-Statistiken nicht auftaucht und dass man vielleicht auch gar nicht unmittelbar mit Journalismus in Verbindung bringt.  „Bild“ liegt lediglich auf Platz 3 – gleichauf mit, noch eine Überraschung, N24 und Google News. Die „FAZ“ wiederum taucht bei dieser Betrachtung gar nicht unter den Top 15 auf, dafür aber die (zusammengerechneten) Regionalzeitung-Angebote, die es immerhin noch auf Platz 15 schaffen.

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Hintergrund dieser Verschiebungen: Der „Digital News Report“ misst nicht wie die IVW in Klicks oder Visits, sondern errechnet die Reichweite eines Angebots. Und die bescheinigt „Spiegel Online“ eine Reichweite von 16 Prozent, T-Online kommt auf 13 Prozent, Bild, N24 und Google News auf jeweils 11 Prozent.

Das Interessante daran ist: Unter der fünf Angeboten mit den höchsten Reichweiten sind zwei, die keine originäre Medienmarke sind. Und die noch dazu ganz oder teilweise lediglich Inhalte anderer kuratieren. Ist also an der Theorie doch etwas dran, wonach fremde Plattformen für Inhalte-Hersteller immer bedeutender werden?

Die unterschätzte Macht des Fernsehens

Noch spannender wird die ganze Sache, wenn man einfach mal alle analogen Gattungen zusammen wirft, um ein Bild davon zu bekommen, wie sich die Deutschen bevorzugt informieren. Auch bei diesem Ranking ist die Reichweite die entscheidende Messgröße – und siehe da: Die guten alten Nachrichtensendungen nehmen die ersten Plätze ein, angefangen mit der „Tagesschau“ über „Heute“ und „Heute-Journal“. In die öffentlich-rechtliche Phalanx schief sich auf Platz 4 RTL dann kommen die Tagesthemen.

Auf Platz 5: die regionalen Tageszeitungen, zusammen gefasst natürlich.  Bei den reichweitenstärksten Print-Titeln nennt die Studie „Spiegel“, „Stern“, „Zeit“ und die „Süddeutsche Zeitung“.

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Dabei fällt auch auf, dass es Unterschiede zwischen den einzelnen Mediengattungen git, wenn es um die Reichweite auf den verschiedenen Kanälen geht. Die digitale Reichweite der Printmedien beispielsweise fällt höher aus als die der Broadcaster ( 45 Prozent zu 35 Prozent; reine Online-Medien schaffen es digital übrigens auf 31 Prozent). Im klassischen Offline-Bereich dreht sich das Verhältnis um. Hier schaffen die Broadcaster eine Reichweite von 87 Prozent, die Printmedien dagegen „nur“ 64 Prozent.  Allerdings: Zumindest den Zahlen nach sind Broadcaster den Zeitungen überlegen, wenn es um crossmediale Reichweite geht.  Über die Plattformen hinweg erreichen die Broadcast-Unternehmen eine Reichweite von 87 Prozent, die Printmedien schaffen 74 Prozent.

Konservatives Deutschland

Kein Wunder, dass der Report angesichts dieser Zahlen zu der Erkenntnis kommt, dass in Deutschland die Position der klassischen Medien, insbesondere aber der TV-Sender noch ungewöhnlich stark ist. Dieser konservative Trend zeigt sich auch bei Umgang mit sozialen Netzwerken: Das Interesse der Deutschen, Nachrichten dort zu konsumieren, zu teilen und zu kommentieren, ist deutlich geringer ausgeprägt als im Schnitt der untersuchten Länder. Nur 19 Prozent haben im vergangenen Jahr eine Geschichte über Netzwerke bzw. Mail geteilt. Von den 12 untersuchten Ländern kommt Deutschland damit gerade mal auf Rang 10.

Trotzdem: Natürlich ist der Wandel auch hier nicht mehr aufzuhalten. Beinahe ein Viertel (22 Prozent) sagt inzwischen von sich, dass das Smartphone für sie der wichtigste Kanal für die Mediennutzung ist.  Weitere 9 Prozent sagen das vom Tablet. Heißt also, dass rund ein Drittel aller Deutschen Mobilgeräte als wichtigstes Endgerät bezeichnet.

Von der großen Systemkrise, die dem Journalismus und den Medien in Deutschland immer wieder gerne nachgesagt wird, ist zumindest statistisch übrigens nichts zu spüren: 76 Prozent der Deutschen interessieren sich für News, 60 Prozent äußern demnach auch Vertrauen in die publizierten Nachrichten. In beiden Fällen ist das der drittbeste Wert der untersuchten Länder.

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