Medienwandel 5. Mai 2015

Der neue Journalismus: Sozial und mobil

by Christian Jakubetz

Immer mehr soziale Netzwerke werden unverhohlen auch zu journalistischen Plattformen. Für Journalisten ist das eine echte Herausforderung: Sie müssen einen Journalismus entwickeln, der völlig neuen Nutzungsgewohnheiten und Plattformen gerecht wird…

Vor einigen Wochen sorgte ein Streit für Aufsehen beim FC Bayern München für Aufsehen: eine offensichtliche Meinungsverschiedenheit zwischen dem Trainer Pep Guardiola und dem Mannschaftsarzt Müller-Wohlfahrt. Geschrieben wurde darüber viel, gemutmaßt auch. Und ein einziges Sechs-Sekunden-Video bei „Vine“ zeigte auffällig, dass die Spekulationen über ein offenbar zerrüttetes Verhältnis zumindest nicht ganz falsch waren:

Schlechtes Bild, kein Schnitt, keine Aussage, sechs Sekunden lang: Es wäre vermutlich vor noch nicht mal langer Zeit völlig undenkbar gewesen, über einen solchen Schnipsel ernsthaft als Beitrag zum Thema „Journalismus“ zu reden. Zumal speziell das Thema Bewegbild immer im Kontext mit Fernsehen und aufwändiger Produktion gesehen wurde: Wer „gutes“ Bewegbild machte, musste etwas schneiden und vertonen, das stand sicher fest. Dass sich daran aus journalistische Sicht inzwischen einiges geändert hat, hat viel mit den neuen Nutzungsgewohnheiten eines digitalen Zeitalters zu tun, in denen die Themen Mobilität, Echtzeitjournalismus und soziale Netzwerke eine entscheidende Rolle spielen. Zusammengenommen ergeben sie einen neuen Journalismus, der sich am ehesten als „Social Stream“ bezeichnen lässt. „Social“ deshalb, weil die sozialen Netzwerke eine treibende Kraft dabei sind, egal ob es sich dabei um Facebook, Twitter oder Instagram handelt. Und „Stream“ deshalb, weil die mit diesen Netzwerken sozialsierten Nutzer es inzwischen gewöhnt sind, dass Inhalte nicht mehr vorsortiert, gesichtet und rubriziert werden, sondern sich in einem ständigen Stream befinden.

Übrigens: Bis dato wurde der 6-Sekunden-Schnipsel des tobenden Guardiola über 10 Millionen Mal „geloopt“.

Neue Erzählformen für den Stream

Geht eine völlig neue Form des Journalismus mit seinen alten Erzählformen? Natürlich nicht. Wer seine Inhalte gerade über diesen „Social Stream“ konsumiert, der erwartet nicht zwingend nur das 80-Zeilen-Feature oder den 2.30-TV-Beitrag. Sondern auch (natürlich nicht nur) den gerade entstandenen O-Ton, die kurze Statusmeldung, das Foto zwischendrin. Kurzum, er erwartet einen Journalismus, der dem Begriff „Stream“ gerecht wird. Und ein „Stream“ – das liegt in der Natur der Sache – ist eben immer etwas Unfertiges. Ein Stream ist, im Gegensatz zu einer Zeitung oder einer TV-Sendung, eben kein abgeschlossenes Produkt, sondern eine sekundengenaue Bestandsaufnahme, in die man beliebig eintaucht und die man beliebig auch wieder verlassen kann.

Man kann sich das sogar sinnbildlich vor Augen führen: Niemand, der sich gerade bei Twitter oder Facebook einloggt, erwartet dort einen fertig redigierten, analysierten und kommentierten Zustandsbericht des Tages. Was stattdessen zählt, ist das jetzt. Deswegen kommt auch niemand auf die Idee, Twitter „fertig“ lesen zu wollen – man weiß, dass das weder geht noch Sinn der Sache ist.

Man wird also nicht daran vorbeikommen, sich für jede bisherige Darstellungsform Variationen auszudenken, die dieser Idee eines Streams auch gerecht werden. Schon alleine deswegen weil diese Plattformen restriktive Vorgaben machen, was geht und was nicht. Beispiel Video: Vine erlaubt sechs Sekunden, Instagram 15 Sekunden, Twitter 30 Sekunden. Wer also mit Bewegbild auf diesen Kanälen vertreten sein will, muss sich an diese Beschränkungen halten. Und nicht nur das: Man muss auch Inhalte finden, die innerhalb dieser Begrenzungen Sinn machen. Dass das auch für Journalisten geht und sogar sinnvoll sein kann,  beweist Twitter seit etlichen Jahren. Dass man auf 140 Zeichen irgendwas Sinniges im Zusammenhang mit Journalismus machen kann, hätte man in den Zeiten vor „Twitter“ vermutlich erst einmal kategorisch bestritten. Heute weiß man, dass es durchaus Momente und Situationen gibt, in denen das 140-Zeichen-Tool genau das Richtige ist. Warum sollte das bei Fotos, Videos und Audios wesentlich anders sein?

Das bedeutet aber auch: Mit dem allseits beliebten Copy&Paste für soziale Netzwerke ist es auf Dauer nicht getan. Man muss sich schon mit den einzelnen Kanälen auseinander setzen. Mit dem, was sie können – und mit dem Publikum und dessen potentiellen Nutzungssituationen und Erwartungen, das dahinter stecken könnte.

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