Digitales Leben 6. März 2015

Crowdfunding: Vom Millionenseller bis zum Flop

by Christian Jakubetz

Wenn man noch vor wenigen Jahren über die künftige Finanzierung des Journalismus gesprochen hat, dann ist man auf ein Thema eher selten gekommen: die potentiellen Leser quasi in Vorleistung gehen und sie das neue Produkt finanzieren zu lassen. Inzwischen ist das Crowdfunding in der Realität angekommen. Vom kleinen Buch bis hin zum Millionenprojekt, vom Text bis zum Video oder dem ganzen Magazin, es gibt beinahe nichts mehr, was in Deutschland nicht schon mal von den Lesern/Zuschauern/finanziert worden wäre. Ein Überblick über bisherige und künftige Projekte – und über Chancen und Risiken.

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Es gibt fast nichts, was es nicht gibt: Crowdfunding-Projekte bei Startnext.

 

Crowdfunding, das war bis vor wenigen Jahren nur Insidern ein Begriff. Doch in den letzten drei Jahren hat sich der Gedanke etabliert: User sind sehr wohl bereit, Projekte zu finanzieren, von deren Sinn sie überzeugt sind. Wobei damit schon ein entscheidender Unterschied zum klassischen Funding benannt ist. Anders als beispielsweise bei Konsumprodukten spielt bei Crowdfunding für Journalismus auch immer die Frage nach der Sinnhaftigkeit eine Rolle – und nicht nur die nach einem möglichen Profit. Wer also die Gemeinde davon überzeugen kann, dass da nicht nur ein Projekt entsteht, mit dem Geld verdient werden soll, sondern das auch noch in irgendeiner anderen Weise sinnvoll ist, der hat gute Karten.

Die großen Projekte: Krautreporter, Substanz, Edition F

15.000 Mitglieder, eine Million Euro: Was die „Krautreporter“ vor knapp einem Jahr als Ziel ausgaben, klang nicht einfach nur ambitioniert. Sondern beinahe unmöglich. Lange sah es tatsächlich so aus, als würde das Projekt von Herausgeber Sebastian Esser scheitern. Mit einem fulminanten Endspurt und auch der Unterstützung der Rudolf-Augstein-Stiftung schaffte man es aber dann doch noch und zählt momentan nach eigenen Angaben rund 18.000 Mitglieder. Jeder von ihnen bezahlt 60 Euro für ein Jahr lang. Was aber umgekehrt auch bedeutet: Irgendwann im Sommer/Herbst dieses Jahres wird sich entscheiden, ob die „Krautreporter“ in ein zweites Jahr gehen können. Auch rund ein halbes Jahr nach dem Start sind die „Krautreporter“ immer noch umstritten. Kritiker werfen ihnen Beliebigkeit und Irrelevanz vor, von der angekündigten Rettung des Online-Journalismus sei nicht viel zu sehen. Auch die angekündigten bekannten Autoren machen sich eher rar. Stefan Niggemeiers letzter Beitrag datiert aus dem Januar, Richard Gutjahr schrieb letztmals im November für die Seite. Zweifelsohne aber haben die „Krautreporter“ schon jetzt das Verdienst gezeigt zu haben, wie man viel Geld für Journalismus einsammeln und User für ein Projekt begeistern kann. Ausgang: offen.

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Georg Dahm und Dennis Dilba haben „Substanz“ gegründet. (Foto: Helen Fischer)

 

Georg Dahm und Denis Dilba haben es da ein bisschen besser: Ihr Wissenschafts-Magazin „Substanz“ ist so etwas wie Kritikers und Medienjournalisten-Liebling. Der Betrag, den die beiden Journalisten für den Traum vm eigenen Magazin einsammelte, war zwar nicht so spektakulär hoch wie bei den Krautreportern, dennoch aber sind auch die rund 30.000 Euro, die die User vorab in „Substanz“ investieren eine ganze Menge Geld. Im Gegensatz zu den Krautreportern setzte „Substanz“ von Anfang an auf „Paid Content“. Während man die Krautreporter auch lesen kann, ohne selbst Mitglied zu sein, gibt es „Substanz“ nur gegen Geld. Trotzdem: 30.000 Euro waren zum einen natürlich nur ein Grundstock für die Gründung, ob es das ambitionierte Magazin über einen längeren Zeitraum geben wird, hängt von der mittelfristigen Resonanz beim Publikum ab. Und wie das so ist mit Kritikerlieblingen: Die Meinung der Kritiker muss mit der des Publikums noch lange nicht übereinstimmen. Auch hier gilt: Ausgang offen.

Edition F hingegen hat ein bislang sehr seltenes Kunststück hinbekommen: Kritiker- und Publikums-Liebling zugleich zu sein. Insgesamt nahm das Projekt bereits über 200.000 Euro in zwei Finanzierungsrunden ein, das Projekt gilt sowohl inhaltlich als auch ökonomisch als beeindruckender Erfolg. Die Prognose: Edition F etabliert sich als ein sehr ernstzunehmendes journalistisches Projekt am Markt.

Die Etablierten: SZ Longreads

Natürlich, die „Süddeutsche Zeitung“ muss sich neue Projekte nicht von ihren Lesern finanzieren lassen. Trotzdem setzt das Blatt aus München bei einem neuen Projekt gerade auf die Mitwirkung der Crowd. Und das eher im Sinne einer Marktforschung, die ein paar essentielle Fragen zum neuen Projekt der langen Lesestücke aus der Zeitung beantworten soll. Der Plan: Ab März gibt es einmal pro Quartal lange Lesestücke aus der SZ gebündelt als Magazin, E-Book oder Taschenbuch. Die Unterstützer sollen durch die Crowdfunding-Kampagne vor allem mitreden können und Einblicke in den Entstehungsprozess bekommen. Maßgeblich mit dabei ist auch SZ-Social-Media-Chef Dirk von Gehlen, der mit seinem Buch „Eine neue Version ist verfügbar“ eines der spannendsten Crowdfunding-Projekte der letzten Jahre machte. Er weiß also, worauf es ankommt – und hat es in diesem Universalcode-Video von 2014 auch verraten:

Die unglaublich vielen anderen

Krautreporter, Edition F, Substanz – das sind drei Projekte, die auch deshalb so erfolgreich liefen, weil die jeweiligen Macher verstanden haben, dass es ohne die große PR-Windmaschine nicht geht. Dabei ist „Crowdfunding“ inzwischen so etabliert, dass man dabei fast vergessen könnte, wie viele andere journalistische Projekte sich inzwischen um finanzielle Unterstützung bemühen. Die Palette ist enorm groß, sie reicht von einem monothematischen Printmagazin, das mit 400 Euro bereits finanziert ist – bis hin zu einer „Zeitschrift für praktische Astronomie“, die bereits weit über 100.000 Euro eingesammelt hat. Ein Philosophiemagazin (4 Fans) ist ebenso dabei wie ein Onlinemagazin über den TSV 1860 München (1 Fan bisher). Soll heißen: In der Konsequenz gibt es keine Gewissheiten beim Crowdfunding. Es kann grandios gut funktionieren und kläglich scheitern. Aber für alle die angesichts dieser Erkenntnis enttäuscht sind: So funktioniert freie Marktwirtschaft nun mal. Und dass es ggf. wenigstens einen Versuch wert sein kann, zeigen die vielen erfolgreichen Projekte ja durchaus.

 

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