Medienwandel 2. März 2015

Wenn den ganzen Tag lang „Tagesschau“ ist

by Christian Jakubetz

Digitalisierung – das heißt auch: veränderte Mediennutzung. Zu den größten Problemen der etablierten Anbieter gehört dabei nicht nur, wie man den Sprung auf digitale Plattformen schafft. Sondern vor allem, wie man Inhalte schafft, die den Gegebenheiten auf digitalen Kanälen gerecht werden. Zeitungen und TV-Sender experimentieren aktuell mit einigen neuen Formaten.

heidelberg24
Grell, bunt, schnell: Heidelberg 24.

 

Die Frage stellt sich in Zeiten der Digitalisierung immer mehr: Wie kommt man noch an ein jüngeres Publikum heran? So viel hat sich schon mal herausgestellt: Nur alleine dadurch, dass man analoge Produkte jetzt irgendwie digital anbietet, schafft man den Sprung nicht. Zumal sich auch die Art und Weise, wie (junge) User Medien konsumieren, durch die Digitalisierung massiv geändert hat. Soziale Netzwerke, Seiten wie „Buzzfeed“ oder auch Video- und Fotoportale wie „Instagram“ sorgen dafür, dass Medien in einer völlig anderen Weise beim jüngeren Publikum ankommen. Soll heißen: Die Darstellungsform einer Zeitung oder eines linear strukturierten Senders ist nicht mehr zwingend das, was Erfolg und Aufmerksamkeit verspricht.

Eine Erkenntnis, die sich inzwischen in vielen Redaktionen herumgesprochen hat, ganz egal, ob bei Zeitungen oder bei diversen Sendern. Zu dieser Erkenntnis gehört auch: Schön, wenn man ein paar Social-Media-Kanäle bespielt, aber auf Dauer löst das die Problematik noch nicht. Und: Man muss im digitalen Zeitalter vermutlich alle journalistische Darstellungsformen überdenken. Zumindest auf die Frage hin, ob sie auf digitalen Plattformen nicht zwingend auch ergänzt werden müssen.

Ob Zufall oder auch nicht, in letzter Zeit gibt es zunehmend mehr Versuche, mit neuen Angeboten journalistische Darstellungsformen zu entwickeln, die mehr sind als die Transformation analoger Inhalte in digitale Welten. Das beginnt bei öffentlich-rechtlichen Sendern wie dem BR und seinem Jugendkanal „Puls“ und geht hin bis zu Echtzeit-Angeboten wie „Kassel live von der HNA oder „Heidelberg 24“, einem Ableger der Münchner Ippen-Gruppe.

So unterschiedlich die Anbieter und die lokalen und zielgruppenspezifischen Erfordernisse auch sein mögen, ein paar Dinge haben sie dann doch gemeinsam. Erkenntnisse, die momentan noch ausschließlich für ein jüngeres Publikum relevant sein mögen, spätestens in ein paar Jahren dann aber Gültigkeit für den gesamten Markt bekommen.

Journalismus wird schneller, Nachrichten zu einem Newsstream

Kein Jugendlicher mehr ohne Smartphone. Na gut, fast keiner mehr. Trotzdem hat das spürbare Auswirkungen auf die Mediennutzung, wie u.a. Thomas Knüwer ausführlich beschreibt. Wenn aber zunehmend mehr Menschen mit einem Smartphone Medien konsumieren, dann heißt das zwingend auch: Der Blick nach den Nachrichten (und anderen Medien) passiert sehr viel häufiger, möglicherweise aber auch flüchtiger als bisher. Und natürlich: multimedialer. Weil so ein Smartphone genau jenes konvergente Endgerät ist, das man uns schon vor 15 Jahren versprochen hatte. Wer über ein Smartphone Medien konsumiert, wird also vermutlich nicht nur die Schnelligkeit bzw, die Aktualität in den Fokus stellen. Sondern auch die Multimedialität. Schließlich sind Videos und Audios schon lange eine Selbstverständlichkeit auf den kleinen Wunderkisten. Und wenn eine junge Generation nicht nur mit dem Smartphone, sondern auch mit Youtube und Soundcloud aufwächst, dann ist es nicht weiter verwunderlich, wenn dieses Publikum die Nutzung von Videos und Audios als selbstverständlich ansieht.

Dazu kommt eine veränderte Mediennutzung, die sich sehr an dem Prinzip der sozialen Netzwerke orientiert. Und die bedeutet: nicht mehr Selektion Präsentation nach (vermeintlicher) Wichtigkeit. Sondern stattdessen ein immer währender Stream. Möglicherweise also wird in Zukunft noch mehr Angebote geben, der oberstes Kriterium nicht die Relevanz eines Ereignisses ist, sondern der Zeitpunkt, an dem es geschehen ist. Seiten wie erwähntes „Kassel live“ orientieren sich beispielsweise schon genau daran: das Aktuellste oben, so häufig wie möglich und nötig aktualisiert. Zumindest bei so geprägten Angeboten ist die Wertung, wie relevant eine Meldung ist, nicht mehr die oberste Aufgabe von Journalisten. Die Frage nach der Relevanz stellt sich also erst einmal nur sehr simpel: veröffentlichen – oder nicht?

Journalismus wird zunehmend nonlinear

Früher war die Sache klar: Um 20 Uhr gab es die „Tagesschau“ und wer die gesehen hatte, konnte sich danach dem wohligen Gefühl hingeben, alles wichtige über den zurückliegenden Tag zu wissen. Journalismus also funktionierte großteils wie die „Tagesschau“: Er berichtete über einen definierten Zyklus. Heute ist den ganzen Tag „Tagesschau“ und wer sich über die Lage in der Welt oder sonstwo informieren will, der will dies zunehmend öfter unabhängig von einem zeitlichen Zyklus. Erscheinungstermine und Redaktionsschluss sind deshalb Begriffe, die an Bedeutung verlieren. Medienkonsum heute, das bedeutet eben auch: eintauchen in den Newsstream, wenn einem gerade der Sinn danach steht.

Auch dieser Idee werden Seiten wie „Kassel live“ oder „Heidelberg 24“ gerecht. Sie bedienen primär eine Erwartung: wissen wollen, was jetzt gerade eben in Kassel oder Heidelberg passiert. Das klingt banal, ist aber eben doch ein erheblicher Unterschied dazu, wenn jemand wissen will, was heute im Laufe des Tages wichtig gewesen ist.

Journalismus wandert ab

„3Sechzich“ heißt ein neues Format des WDR. Diskutiert wird es vor allem aus zwei Gründen. Zum einen, weil es gezielt ein jüngeres Publikum mit einer anderen Anmutung, einer anderen Ansprache und auch einer anderen Themensetzung ansprechen soll. Zum anderen aber vor allem deshalb, weil es gar nicht mehr für den WDR und einen seiner vielen angestammten Kanäle produziert wird. Stattdessen ist „3Sechzich“ ein Format, das der WDR für YouTube produziert. Das Kalkül dahinter ist denkbar einfach. Auf dem weltweit größten Videoportal hofft der öffentlich-rechtliche Sender weitaus mehr junges Publikum zu erreichen als im klassischen TV oder Radio. Wenn also eh schon alle bei YouTube, Facebook, Instagram oder WhatsApp sind, muss man dann als Medienanbieter nicht auch dorthin? Um diese Frage drehen sich momentan vergleichsweise viele Debatten. Das erscheint zum einen naheliegend, weil Journalismus eben ehesten dort eine Chance hat, Menschen zu erreichen, wo sich ohnehin schon viele Menschen aufhalten (was früher übrigens auch nicht anders war, da liefen die „Wochenschauen“ auch im Kino). Auf der anderen Seite: Mit jeder Aktivität, die man von den eigenen Plattformen weg verlagert, schwächt man die eigenen Plattformen. Nicht nur inhaltlich, sondern auch ökonomisch. Und man macht die anderen noch größer, noch wichtiger. Ein veritabler Zwiespalt also. Kein Wunder, dass etablierte Medien diese Kanäle gerne als „Frenemy“ bezeichnen – Freund und Feind zugleich.

Einen richtigen Ausweg aus diesem Dilemma hat bisher allerdings auch noch niemand aufgezeichnet. Tatsächlich aber überwiegt momentan immer noch die Tatsache, dass man auf sozialen Netzwerken am ehesten noch das Publikum erreicht, das man auf den klassischen, angestammten Kanälen so schmerzlich vermisst.

 

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