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Zum Journalismus gehören Facebook und Twitter unbedingt dazu. Stand 2015 ist das unbestritten. Gut möglich aber, dass man schon bald sein Urteil über die Bedeutung von sozialen Netzwerken für Medien leicht revidieren muss…

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Journalismus findet heute auf den unterschiedlichsten Plattformen statt. Die Frage ist nur: auf welchen? (Foto: JMG/pixelio.de)

 

Selbst wenn man zum Journalismus der Zukunft höchst unterschiedliche Auffassungen haben sollte – eines gilt bisher fast überall als eiserne Regel: Ein Journalismus-Leben ohne Facebook und Twitter ist möglich, aber sinnlos. Nicht mal mehr der eingefleischteste Anhänger des analogen Publizierens käme heute noch auf die Idee, irgendwelche Redaktionskonzepte zu machen, in denen die etablierten Größen der sozialen Netzwerke nicht vorkommen.

Dabei gibt es inzwischen eine Reihe von Indikatoren, die schon wieder den nächsten Paradigmenwechsel vermuten lassen: Die sozialen Netzwerke stoßen an ihre Grenzen. Sowohl was ihre potentiellen Reichweite angeht als auch ihre Beliebtheit und ihre Nutzung. Manche sind möglicherweise überschätzt (Twitter), manche waren von Anfang an womöglich Rohrkrepierer (Google +). Dazu kommt, dass das jüngere Publikum dem etablierten sozialen Netzwerken im Sinne von öffentlichen Statusmeldungen gar nicht mehr so viel abgewinnen kann und statt dessen zwei anderen Trends folgt: Fotos/Videos – und vor allem Messaging.

Deshalb: drei Trends, über die im sozialen Publishing der nächsten Jahre zu reden sein wird.

1. Facebook und Co.: An der Wachstumsgrenze

Facebook hat weltweit über eine Milliarde Mitglieder. Nun kann man Zahlen immer unterschiedlich interpretieren und zu den verschiedensten Aussagen die Zukunft betreffend kommen. Unstrittig aber ist: rein quantitativ ist für Facebook die Wachstumsgrenze irgendwann mal in Sicht – wenn sie nicht sogar schon erreicht ist. Was für den Marktführer gilt, ist auch auf die gesamte Branche anwendbar: Irgendwann wird die Sättigung erreicht sein. Laut der letzten großen Bitkom-Studie waren bereits 2013 fast 80 Prozent der Deutschen in einem sozialen Netzwerk angemeldet. Wenn man davon ausgeht, dass es eine 100-Prozent-Quote nicht geben wird, dann kann man sich leicht ausrechnen, dass es jetzt in einen Verdrängungswettbewerb gehen wird. Und dass die Begeisterung der Deutschen für soziale Netzwerke konventioneller Prägung irgendwann auch mal wieder nachlassen wird. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: Die Zahl derer, die auf sozialen Netzwerken aktiv waren, ist 2014 nach dem Rekordjahr zuvor zurückgegangen. Marktführer Facebook scheint davon besonders betroffen zu sein. Denn demnach waren 2014 “nur” noch 38 Prozent der Deutschen auf Facebook aktiv. 2012 waren es noch 58 Prozent. Weltweit ist der Trend ähnlich: Pinterest und Tumb wachsen sehr schnell, Instagram durchaus schnell – und Facebook nur noch minimal. Bei den wirklich aktiven Mitgliedern gibt es sogar einen Rückgang zu beobachten.

Klar, das ist Jammern auf sehr hohem Niveau. Aber es zeigt eben auch: Zumindest die Zeiten des stürmischen Wachstums sind für die klassischen Netzwerke erst einmal vorbei. Dass sich Facebook-Chef Mark Zuckerberg inzwischen eher auf die Akquise interessanter Neuerwerbungen konzentriert, dürfte ganz sicher damit zu tun haben.

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Umgekehrt zeigen andere Beispiele ungewollt, dass die Stagnation nicht zwingend mit den Marken zu tun hat, sondern eher eine Art Systemfrage ist. Das soziale Netzwerk “Ello” beispielsweise galt noch vor wenigen Wochen als das potentielle nächste große Ding, Einladungen dazu waren kurzzeitig ungefähr so begehrt wie eine neue Ladung Meth in der Drogenszene. Das Netzwerk sollte eine Art Anti-Facebook werden. Alleine diese Ankündigung reichte in der gelegentlich etwas hysterischen Netzwelt aus, um es zum heiß gehandelten Gesprächsstoff zu machen. Heute spricht man kaum mehr von “Ello”, der Hype war schnell wieder vorbei, zumal sich viele der dort Angemeldeten die Frage stellten, warum sie sich dort mit den selben Menschen wie bei Facebook über die selben Themen wie bei Facebook unterhalten sollten. Zuvor hatte schon Google versucht, mit dem eigenen Netzwerk Facebook vom Thron zu stoßen. Man mag  über “Google +” denken, was man will, aber zumindest so viel ist sicher: Der Versuch ist gescheitert und ist mittlerweile auch von Google selbst mehr oder weniger aufgegeben worden.

Heißt aber für Journalisten und Medienmacher auch: Wenn die Trends und die User möglicherweise gerade woanders hingehen, wäre es eine gute Idee, wenn man wüsste, wohin sie gehen. Um möglicherweise dann auch dort präsent zu sein. Zumal sich der Trend 2015 durchaus fortsetzen soll.

2.Messenger: Muss ja nicht gleich jeder wissen

imagesIrgendwie witzig: Da philosophiert der interessiertere Teil der Netzgemeinde darüber, welche Auswirkungen es wohl hat, wenn jeder alles im Netz hinausposaunt und leider auch beinahe jeder fast alles mitlesen kann. Sondern diejenigen, die gar nicht die Adressaten von irgendwelchen Postings, Tweets oder Fotos sind. In der Zwischenzeit lösen vor allem junge User das Problem auf viel elegantere Weise: Sie nutzen die großen sozialen Netzwerke zunehmend weniger. Schwer im Trend sind dagegen Messenger, allen voran “WhatsApp”. Dass es da mit dem Datenschutz auch nicht gerade rosig aussieht, ist die eine Sache. Die andere ist, dass dieser Trend aber auch eine Abkehr vom ehernen Prinzip der sozialen Netzwerke darstellt. Facebook beispielsweise will nichts anderes sein als das digitale Gedächtnis, das digitale Tagebuch der halben Menschheit (gerne auch für die ganze, aber das ist nur ein theoretisches Konstrukt). Das wiederum ist etwas, was gerade jüngeren Usern gar nicht so gefällt. Devise: Es muss eben nicht jeder alles wissen. Nichts anderes als dieser Gedanke erklärt auch den enormen Erfolg einer Plattform wie “Snapchat”: Eine App, die die über die versendeten Fotos kurz darauf ins Nirvana schickt – das macht nur Sinn, wenn man eben nicht will, dass das Netzwerk gleichzeitig auch zum Kollektoren Gedächtnis für alle Zeiten werden will. Zumindest eines ist also eine durchaus realistische Option: dass die klassische Kommunikation auf dem Rückzug aus den sozialen Netzwerken ist,

Davon abgesehen haben Facebook, Twitter und all die anderen als etabliert geltenden Plattformen noch ein anderes und womöglich gravierenderes Problem: Bei den Mediennutzern der Zukunft gelten sie schon heute nicht mehr als wirklich cool – und der Sinn von Twitter erschließt sich manchen erst gar nicht.

Umgekehrt ist es einfach nur konsequent, wenn “WhatsApp” jetzt den Weg von der oben Anwendung auf den klassischen Rechner antritt und deshalb jetzt auch Browsern nutzbar ist. Momentan zwar nur auf dem “Chrome”, aber dass sich der Weg fortsetzen wird auf alle anderen, das darf als gesichert gelten. Natürlich ist momentan vor allem unsicher, ob User in einer Situation, in der sie insbesondere miteinander kommunizieren wollen, von Breaking News oder anderen Dingen gestört werden wollen. Dennoch: Große Redaktionen wie die der BBC oder des SF experimentieren mit einem möglichen Newschannel “WhatsApp” genauso wie Regionalzeitungen in Deutschland.

So oder so: Das rasante Wachstum von “WhatsApp” ist noch lange nicht an ihr Ende angelangt. Und: Dabei handelt es sich um nichts anderes als die am schnellsten wachsende App aller Zeiten. Ein Superlativ in der an Superlativen nicht gerade armen Netzwelt…

3.Wir, die Gefangenen der eigenen Filter Bubble

Oh ja, natürlich: Facebook ist wahnsinnig wichtig und Twitter auch. Das unterschreibt heute, wie eingangs erwähnt, nahezu jeder Journalist. Was aber, wenn beispielsweise wie im Fall Twitter sich die Sinnhaftigkeit nicht bei jedem erschließt, sondern Twitter halt vor allem deswegen von uns Journalisten als relevant erachtet wird, weil sich dort viele Journalisten und artverwandte Berufe rumtreiben? In der breiten Masse jedenfalls ist Twitter zumindest in Deutschland nicht wirklich angekommen, nur ein Bruchteil der im Netz verbrachten Zeit entfallen auf die Zwitscherei. Gut, es ist natürlich kein Fehler, sich als Medienmacher dort aufzuhalten, wo sich auch andere Medienmacher aufhalten. Aber dass speziell Twitter bei dem ganz normalen Rest der Menschheit als der überlebenswichtige Kanal schlechthin angesehen wird, sollte man jetzt besser mal nicht glauben. Beim gerne verspöttelten “Google +” ist das womöglich noch stärker der Fall.

4. Reichweite ist schön, hilft aber nix

Gerne gebrauchtes Argument von Medienmenschen, wenn es um den exzessiven Einsatz von sozialen Netzwerken geht: Man bekommt so schön Reichweite. Vor allem solche, die man nicht bekäme, wäre man dort nicht vertreten. Das ist nur bedingt von der Hand zu weisen, weil man natürlich Reichweite bekommt und zig Millionen Nutzer in den Weiten dieser Netze auch nicht zu verachten sind. Trotzdem: Die Debatte um soziale Netzwerke und den Journalismus führt in die falsche Richtung, wenn man sie größtenteils auf den Aspekt der Reichweite konzentriert. Idealerweise sind solche Plattformen nämlich auch Orte der Interaktion und der Kommunikation. Prognose: Nur diejenigen, die ihre Social-Media-Präsenzen auch kommunikativ und interaktiv zum Fliegen bringen, werden dort dauerhaft erfolgreich sein. Linkschleudern und de facto tote Accounts, die von irgendwelchen Bots zugespitzt werden – das braucht heute kein Mensch mehr.

7 Antworten auf “Wir sehen uns dann beim Messenger!”

  1. Torsten Maue

    Den letzten Satz unterschreibe ich mit drei Ausrufezeichen. Was ich nicht unterschreiben kann ist die Aussage, daß Google+ ein Rohrkrepierer sei.

    Da ist schon ne ganze Menge los, mehr als sich mancher vielleicht vorstellen kann, es sind nur andere Nutzergruppen als z.B. bei Twitter oder Facebook, die sich dort etabliert haben.

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    • Christian Jakubetz

      Natürlich ist das auch immer ne Frage der Relation, wenn man die Relevanz eines Netzwerkes messen will. Bei Google war der Anspruch vermutlich ein anderer, als ein eher nischenartiges Ding zu machen.

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  2. Alexander

    Dass Twitter weniger Traffic liefern soll als Facebook lese ich immer wieder, dass das nicht für jedes Segment zutrifft ist aber genauso richtig. Man müsste sich die Zahlen von Statista, die man von Shareaholic hat, genauer ansehen. Um was für Webseiten handelt es sich, etc. Ich selbst schreibe für Webseiten aus dem Technologie-Bereich, bei denen seit Jahren Twitter deutlich mehr Traffic liefert als Facebook. Das mag daran liegen, dass wir nicht Buzzfeed sind und auf Cartoons, Memes und die Tränendrüse drücken. Google+ ist auch deutlich mehr von “Techies” durchsetzt. Nun weiß ich auch, dass ich meine Einzelfälle nicht auf die Allgemeinheit übertragen kann. Aber 400 Millionen Seitenaufrufe bei mehr als 300.000 Webseiten, die getrackt wurden, sind jetzt kein gutes Zeugnis. Allein im IVW-Index gibt es einige Seiten, die mehr als 1 Million Nutzer, manche sogar mehr als 10 Millionen Nutzer pro Monat aufweisen. Demzufolge wären die 300.000 Seite von Shareaholic äußerst schnell aufgebraucht, wenn dort solche Kaliber unterwegs wären.

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    • Christian Jakubetz

      Es ist ja auch unbestritten, dass es sinnvoll ist, sich in sozialen Netzwerken aufzuhalten. Und dass es Sinn macht, sich die richtigen Kanäle auszusuchen. Umgekehrt st es ein Irrglaube, wenn man meint, dass Facebook schon alleine wegen seiner vielen Mitglieder erfolgversprechend ist. Das selbe gilt für Twitter. Speziell bei Twitter allerdings gibt es immer och genügend Menschen, die meinen, alleine eine Präsenz bei twitter sei schon ein Garant für hohe Reichweite.

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  3. Christine Just

    Es ist dasselbe wie bei anderen Technologien / Plattformen auch. Nicht die Quantität sondern die Qualität zählt. Nun ist vielleicht ein solches Statement unbequem in Zeiten der Bigdata, aber: es ist immer die frage, wie man vorgeht, und welches Ziel man hat. Einfach Nutzer wegen dem “Reach” anzuziehen, ist Schwachsinn, wenn die Zahl und nicht die Kommunikation im Vordergrund steht. Für viele sind FB und twitter auch eine Alternative zur Teilhabe, da sie a ) nicht von den normalen Medien vertreten/ erreicht werden oder b) im Bereich der grezübergreifenden Arbeit- diese Nutzen um Repressionen zu umgehen. In jedem Fall gilt: wer nur in seiner eigenen Bubble bleibt und nicht auch Kommunikationskanäle eröffnen möchte, sieht auch die Chancen nicht.

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  4. Christine Just

    ich denke, dass die Medienlandschaft sich geändert hat. Journalismus ist wohl so wie er eh und je wahr- geprägt von einigen wenigen. und so gibt es andere Räume. Ob jedoch hier Kommunikation/ Austausch gewünscht ist, oder nicht, ist natürlich immer auch eine Frage von Interesse und Wahrnehmung.

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  5. Jürgen

    Ein Beitrag so sinnhaftig wie:
    Wenn es besser wird, wird es besser…
    Wenn der Hahn kräht auf den Mist…
    Wenn keiner mehr Google+ mag, hatte ich recht, wenn nicht, habe ich mich geirrt.
    So sinnhaftig auch wie mein Beitrag.

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