Menschen 21. November 2014

Ein neues Online-Magazin mit Substanz

by Christian Jakubetz

Es ist eines der spannendsten Projekte im Journalismus 2014: Zwei Ex-Redakteure versuchen, ein Wissenschaftsmagazin auf den Markt zu bringen, wie es der Markt bisher noch nicht gesehen hat. Ein reines Onlineprojekt, das vom ersten Tag an kostenpflichtig ist. Start ist am 28. November.

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Chefredakteure, Geschäftsführer und Projektmanager in einem: Georg Dahm und Dennis Dilba machen „Substanz“. Das Magazin erscheint am 28. November zum ersten Mal. (Foto: Helen Fischer)

Georg Dahm und Denis Dilba haben harte Zeiten hinter sich: Der Launch eines solchen Projekts ist ambitioniert, macht vermutlich riesig viel Spaß – und ist dennoch kräftezehrend. Mit einer 35-Stunden-Woche jedenfalls bekommt man so etwas nicht an den Start. Schon gar nicht, wenn man nur zu zweit ist. Dahm und Dilba sind deshalb alles in einem: Geschäftsführer, Projektmanager, Chefredakteure. Wenn alles gut geht, sehen sie am 28. November die Früchte ihrer Arbeit: Dann geht “Substanz” an den Start. Ein Projekt, das in vielerlei Hinsicht auch ein Lackmustest für die Branche ist.

Da ist zum einen das Geschäftsmodell. “Substanz” wird vom ersten Tag an Geld kosten, irgendwelche Appetizer in Form von Freemium-Modellen sind nicht geplant. 9 Euro kostet das Abo, dazu soll es auch Artikel im Einzelverkauf zu unterschiedlichen Preisen geben. Lesen kann man die “Substanz”-Geschichten in einer webbasierten App. Webbasiert deshalb, weil eine native app naturgemäß zu viele Nutzer ausschließen würde. “Substanz” funktioniert deshalb auch auf jedem halbwegs zeitgemäßen Browser und auf dem Smartphone. Aber natürlich ist auch eine andere Frage spannend: Wie funktioniert hochwertiger, ausgeruhter Journalismus im Netz?

Die Vorgeschichte

Zwei Journalisten starten ein solches Projekt – ist das nicht, in Tagen der viel zitierten Medienkrise, ein etwas sehr gewagtes Abenteuer? Georg Dahm und Denis Dilba wissen um die Risiken dieses Experiments. Bei ihrer Vorgeschichte ist es allerdings nicht sehr verwunderlich, dass sich die beiden so schnell nicht mehr schrecken lassen. Dahm gehörte zu der Truppe, die im Dezember 2012 die “Financial Times Deutschland” beerdigen musste – und im Mai 2013 zu denen, die das selbe Schicksal einer Redaktions-Schließung bei Team der deutschen Ausgabe des “New Scientist” nochmal ereilte. Bei der “New Scientist”-Mannschaft war auch Denis Dilba mit an Bord. Kein Wunder also, dass man es nach solchen Erfahrungen nicht unbedingt für die sicherste Option hält, sich wieder auf die Suche nach der nächsten Festanstellung zu machen.

Die Überlegungen, wie die Zukunft aussehen könnte, brachte die beiden Journalisten schnell auf eine Idee: ein eigenes Projekt machen. Eines, von dessen Erfolg man sowohl inhaltlich als auch öknomisch überzeugt ist. In diesem Fall bedeutet das: hochwertige Wissenschafts-Journalismus, lange, gute, fundierte Geschichten. Nicht mehr auf Papier. Sondern im Netz. Ein Magazin für alle, die gute Wissenschafts-Geschichten zu schätzen wissen und auch bereit sind, dafür Geld auzugeben.

Das klingt in der Theorie ziemlich plausibel. In der Praxis bedeutet das erst einmal, eine ganz simple Frage zu beantworten: Wie bekommt man ein solches Projekt so finanziert, dass es überhaupt an den Start gehen kann? Dahm und Dilba entschieden sich für eine Mischfinanzierung. Zu eigenen Mitteln, einem Gründungszuschuss, einem Kfw-Kredit und einem Investor kam ein überaus erfolgreiches Crowdfunding, bei dem rund 37.000 Euro (brutto, abzüglich 19 Prozent Umsatzsteuer) eingesammelt wurden.

Wobei das Crowdfunding auch noch einen anderen Effekt neben dem Geld einsammeln hatte: “Es hat uns ganz sicher geholfen, das Projekt schon im Vorfeld bekannt zu machen”, sagt Georg Dahm.

Der Business-Plan steht also – doch der mindestens genauso anspruchsvolle Teil ist die Umsetzung zu einem fertigen Projekt. Wenn man alles zu zweit machen muss und man auch nicht auf die Infrastrukturen eines Großverlags zugreifen kann, dann werden 12-Stunden-Tage und durchgearbeitete Wochenenden schnell zum Normalfall.

Das Magazin

Zwei Köpfe vorne, dazu ein Team aus Entwicklern, Bildredakteuren, Webdesignern, Pauschalisten und Redaktion, dazu eine Reihe freier Autoren, die gute Geschichten liefern: Mit dieser Besetzung wird “Substanz” zunächst an den Start gehen. Nur ein vorübergehender Zustand, hoffen Dahm und Dilba. Denn wenn das Projekt erfolgreich ist, dann sollen in absehbarer Zeit auch festangestellte Mitarbeiter dabei sein. Um diesen Erfolg zu haben, benötigt “Substanz” mittelfristig eine Abonnenten-Zahl im “hohen vierstelligen Bereich”. Und auch ein paar Werbe-Einnahmen. Im Gegensatz zu den “Krautreportern” will “Substanz” ausdrücklich nicht auf Werbung verzichten, solange sie einigermaßen unaufdringlich ist und das Gesamtbild des Magazins nicht beeinträchtigt.

“Substanz” ist aber auch eine Chance für freie Autoren: Wer schreiben kann, hat in dieser Redaktion derzeit gute Chancen. Ein wissenschaftlicher Hintergrund ist nicht zwingend, aber er ist zumindest sehr hilfreich. Kontakt: post@failbetter.biz

Ein Magazin im Netz – muss das nicht zwingend stark multimedial ausgerichtet sein? Für Dahm und Dilba zählt dabei erst einmal die Geschichte, nicht die Darstellungsform. Tenor: Wir machen nichts, nur weil wir es können. Die Aufbereitung soll sich ganz an den Anforderungen der Geschichte orientieren.

Erscheinen wird “Substanz” einmal wöchentlich, jeweils freitags. Ein klassisches Wochenmagazin – und dann doch wieder nicht. Wenn es sich anbietet, dann werden auch während der Woche Stücke erscheinen. Ein Wochenmagazin also, das gelegentlich seinen Erscheinungs-Turnus anpasst.

Und wenn, nur mal angenommen, das Projekt doch scheitern wird? Dann trösten sich Dilba und Dahm mit einer alten wissenschaftlichen Regel: Jedes gescheiterte Experiment bietet gleichzeitig neue Erkenntnisse.

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