Social Media 15. Juli 2014

Soziale Netze – die neuen „Pressestimmen“

by Christian Jakubetz

Wie wichtig sind soziale Netze für den Journalismus? Eine mögliche Antwort auf diese Frage findet man ausgerechnet bei einem letzten Blick auf die gerade zu Ende gegangene Fußball-WM…

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Wenn die Welt von irgendetwas bewegt wird, dann sind soziale Netzwerke dafür ein guter Indikator. Wenn beispielsweise in Brasilien ein episches Fußballspiel über die Bühne geht, dann schlagen die Netze wie ein Sensor aus. Rund 36 Millionen Tweeds wurde zum Halbfinale Deutschland-Brasilien abgesetzt – noch nie wurde ein Sportereignis mehr diskutiert. Im Finale gab es zudem einen neuen Rekord in der Kategorie „Tweets per Minute“: Über 600.000 wurden abgesetzt, der gerade erst aufgestellte Rekord aus dem Halbfinale schon wieder gebrochen.

Die Entwicklung während der Fußball-WM zeigt Journalisten vor allem eines: Es wäre fahrlässig, nicht regelmäßig einen Blick in die diversen Timelines zu werfen. Aus mehreren Gründen.

Das Netz als Stimmungsbarometer

Da ist zum einen die Funktion als Stimmungsbarometer. Um nochmal auf das Beispiel der WM zu kommen: Die Zahl der abgesetzten Tweets zeigt eben auch, dass die Zuschauer und Fans offenbar vom Halbfinale emotional mehr mitgenommen wurden als vom eigentlichen Endspiel. Das Finale brachte es nämlich „nur“ auf rund 32 Millionen Tweets, rund vier Millionen weniger also als das Halbfinale. Über die Gründe ließe sich spekulieren, aber ganz sicher scheint zu sein, dass vor allem in den ominösen sechs Minuten, als die deutsche Mannschaft vier Tore gegen Brasilien erzielte, die Emotionen überkochten. Und dass die Zuschauer offensichtlich instinktiv spürten, gerade Zeuge von sporthistorischen Minuten zu werden. Wer also als Journalist noch einen letzten Beleg dafür gebraucht hätte, wie sehr dieses Ereignis auf der ganzen Welt in aller Munde ist, ein kurzer Blick zu Twitter hätte genügt.

Und natürlich gab es auch keine andere Plattform als die sozialen Netzwerke, in denen das Große und Ganze wie die Spiele als auch die kleinen Dinge wie ein ausgebliebener Elfmeterpfiff oder ein gefallenes Tor so heftig debattiert wurden. Möglicherweise sind also Webseiten von klassischen Medien immer noch ein Platz, an dem Ereignisse und Themen diskutiert werden. Aber gleichzeitig wächst die Bedeutung von sozialen Netzwerken in einem solchem Maß, dass sie aus journalistischer Sicht nicht mehr ignoriert werden kann.

Angekommen im Redaktions-Alltag

Was die WM ebenfalls gezeigt hat: Diese Entwicklung ist im redaktionellen Alltag vielerorts schon angekommen. Und das nicht nur bei den großen Medien wie de übertragenden TV-Sendern. Den Blick ins Netz haben auch viele Zeitungen und Radiosender geworfen, die vor Ort gar nicht dabei waren.

Ein ebenso simples wie schönes Beispiel dafür, wie man so etwas macht, hat die „Rhein Zeitung“ abgeliefert. Ihr „Storify“ zum WM-Finale spiegelt die Stimmung im Netz wieder. Man könnte auch sagen: ein solches Storify zu einem Großereignis ist heute schon so wichtig, wie es früher die Pressestimmen aus aller Welt waren (und natürlich immer noch sind). Umso erstaunlicher, dass es immer noch vergleichsweise wenige Redaktionen sind, die auf eine solche naheliegende Idee kommen. Noch dazu, wo Kosten und Aufwand für ein solches Projekt sich in einem sehr überschaubaren Rahmen bewegen.

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