Geschrieben am von & gespeichert unter Interview.

Krise, welche Krise? In den USA hat man das Schlimmste bereits hinter sich gelassen – und steuert jetzt in eine gute digitale Zukunft. Der das sagt, muss es wissen, weil er gerade in New York vor Ort ist: Julius Tröger, laut “Medium Magazin” zu den größten Nachwuchshoffnungen des deutschen Journalismus gehörend. Für den deutschen Markt sieht er für 2013 zwei große Dinge: noch mehr Social Media und einen enormen Schub für Datenjournalismus, beides befeuert durch die Bundestagswahl. 

Selfmademan in New York: Julius Tröger (Foto: Scott Klein, Editor of News Applications, Propublica.org)

Eine “Nerdhospitanz”, so bezeichnet Tröger das, was er momentan in den USA absolviert.  Tatsächlich ist das, was der 29jährige macht, möglicherweise exemplarisch für die Anforderungen, die an junge Journalisten in Zukunft gestellt werden. Tröger kommt mit Inhalten genauso gut klar wie mit dem Thema Programmieren. Und natürlich ist es für jemanden wie ihn nur allzu selbstverständlich, multimedial arbeiten zu können. Print? Online? Für Julius Tröger sind das eher Fragen von gestern. Im Interview verrät er, was Journalisten aus seiner Sicht künftig können müssen – und wo es Grenzen gibt. Für “Universalcode”  hat Tröger übrigens auch diesen Programmier-Crashkurs für Journalisten zur Verfügung gestellt.

Du bist ja so ein Selfmademan, der nicht nur schreibt und filmt, sondern auch noch programmiert. Müssen das jetzt künftig alle können?

Wer keine Lust darauf hat, muss es auch nicht können. Wer nur gerne und gut schreibt, soll auch dabei bleiben. Mir macht es aber Spaß, mit den Möglichkeiten des Webs zu experimentieren. Und ich freue mich über jeden, der das auch so sieht.

Wer alles ein bisschen kann, kann nichts richtig. Würdest du diese Kritik teilen?

Bei den vielen Möglichkeiten, die das Web dem Journalismus bietet – von der Recherche mittels Scraping von bisher verborgenen Datensätzen bis zur multimedialen und interaktiven Darstellung von Geschichten muss ich auch selbst meine Spezialisierung erst finden und möglichst viel ausprobieren. Ich versuche, möglichst viel in allen Bereichen zu verstehen und im Rahmen meiner Möglichkeiten selbst praktisch umzusetzen.

Deswegen hospitiere ich gerade in den USA in den Interaktiv-Teams von Propublica und dem Guardian, um vor Ort mehr über die Verknüpfung von Journalismus und Programmierung zu lernen. (www.propublica.org/nerds/item/pair-programming-participant-1-julius-troeger)

Was können sich Journalisten autodidaktisch beibringen und ab wann sollte man auf Expertenhilfe zurückgreifen?

Keiner der Kollegen im News-Applications-Team von Propublica hat Informatik oder ähnliches studiert. Und jetzt arbeiten sie als Journalisten und Programmierer – und das auf sehr hohem Niveau. Lena Groeger hat zum Beispiel eine Geschichte über Pipelines in den USA recherchiert, darüber geschrieben und auch noch eine interaktive Anwendung programmiert (projects.propublica.org/pipelines).

Es gibt so viele Tutorials und Hilfestellungen im Netz, dass man sich prinzipiell alles selbst aneignen kann. Allerdings braucht man dafür Zeit und Geduld. Und ich verstehe Kollegen, die nach einem normalen Arbeitstag nicht auch noch Regular Expressions oder Ruby-Syntax pauken wollen. Daher bin ich sicher, dass wir auch in Zukunft mit Spezialisten in verschiedenen Fachgebieten arbeiten und entsprechend der Anforderung der jeweiligen Geschichte entsprechende Teams formen werden. Aber es wird bestimmt auch Allrounder geben.

Julius Tröger, geboren 1983, gründete im Alter von 15 Jahren ein eigenes Online-Jugendmagazin. Vor und während seines Studiums arbeitete er in verschiedenen Redaktionen und schrieb seine Diplomarbeit über neue journalistische Darstellungsformen im Netz. Seit 2008 arbeitet Tröger als Redakteur und Reporter erst bei der Welt  dann bei der Berliner Morgenpost.

Tröger erhielt 2011 den Deutschen Webvideopreis, belegte 2012 den 1. Platz beim Axel-Springer-Preis, schaffte es auf den 2. Platz bei „Apps für Deutschland“, gewann den dpa Infografik Award und wurde für den Deutschen Reporterpreis, die internationalen Data Journalism Awards und die Online Journalism Awards nominiert. Das Medium Magazin zählte Tröger 2012 zu den aussichtsreichsten Nachwuchsjournalisten Deutschlands.

Gibt es irgendein Metier, eine Darstellungsform, die du persönlich bevorzugst?

Für mich ist es wichtig, dass jeder Nutzer einer News App, also einer interaktiven Anwendung, die mit Software statt mit Worten Geschichten erzählt, die Nachricht ganz persönlich auf sich zuschneiden kann. Was bedeutet das für mich? Das ist ein Alleinstellungsmerkmal von Journalismus im Netz. Deshalb war das uns etwa bei der Darstellung der Berliner Wahlergebnisse so wichtig. (http://www.morgenpost.de/berlinwahlkarte) Der Nutzer gibt seine Adresse ein und sieht das exakte Wahlergebnis in seiner Nachbarschaft. Auch die News Apps von Propublica und dem Interactive-Team des Guardian  verfolgen diesen Ansatz.

Du hältst dich momentan in den USA auf. Wie ist dein Eindruck von der Stimmung dort, ist das ebenfalls so krisengeprägt?

Hier spricht keiner von Krise. Das war zumindest mein Eindruck. Aber die Nachrichten aus Deutschland wie das Aus der FTD haben natürlich auch hier die Runde gemacht. Die Kollegen sind aber nicht beunruhigt, sondern sind sich sicher, dass sie das alles bereits hinter sich haben, auf einem erfolgreichen Weg sind und es aufwärts geht.

Wie ist die Einstellung der Kollegen dort zum Arbeiten im Netz?

Propublica und Guardian US sind reine Online-Publikationen. Das Netz ist ihre Plattform. Spannend für mich war zu sehen, wie offen die Workflows sind. In beiden Redaktionen (alle Kollegen sitzen in jeweils einem großen Newsroom) werden ständig untereinander ständig neue Teams aus Redakteuren, Reportern, Social-Media-Experten, Programmierern und Grafikern gebildet. Ich habe auch häufig erlebt, wie ein Reporter bei einem Programmierer fragt, wie und ob man dies und das scrapen und in die Geschichte integrieren könne.

Welchen inhaltlichen Trend siehst du für die kommenden Monate? Und welchen technischen?

Ich glaube, die Bundestagswahl 2013 wird deutschen Redaktionen sowohl in Sachen Social Media als auch Datenjournalismus einen weiteren Schub verleihen. Wenn man sieht, wie die Kollegen hier in den USA online von der Wahl berichtet haben, wird deutlich, dass es möglich ist, ein und dasselbe Thema aus so vielen unterschiedlichen und überraschenden Blickwinkeln interaktiv zu erzählen.

 

2 Antworten auf ““Man kann sich alles selbst aneignen””

    • Christian Jakubetz

      Das ist immer das Elend mit der Ironie: man müsste es immer kennzeichnen. Also, lesen Sie den Selfmademan bitte mit einem ;-) dahinter, ok?

      Antworten

Trackbacks/Pingbacks

  1.  Programmier-Crashkurs für Journalisten - UNIVERSALCODE
  2.  Ein Journalist neuen Typs - JakBlog
  3.  Links oben: Programmieren, kommentieren, designen - UNIVERSALCODE

Schreiben Sie eine Antwort

  • (wird nicht veröffentlicht)