Digitales Leben 29. Februar 2012

Studie: Immer mehr Sand im digitalen Graben

by Christian Jakubetz

Die Deutschen – ein Volk von Digital-Skeptikern? Oder doch eher von Internet-Optimisten? Eine neue Studie lässt einen gewissen Interpretations-Spielraum zu, kommt aber dennoch zu interessanten Erkenntnissen. Vor allem zu der, dass sich auch die Nutzer im Netz inzwischen ziemlich eindeutig in verschiedene Milieus einordnen lassen…

Notebook, Latte, Arbeiten im Freien, WLAN als Lebensprinzip: So stellen sich viele das Leben der Netzgemeinde vor. Doch das ist die Minderheit...

Im analogen Leben lässt sich der Mensch nach Meinung von Wissenschaftlern in einige wenige Milieus einteilen. Jetzt ist dieser Versuch einer Einteilung erstmals auch im Netz vorgenommen worden. Eine aktuelle Studie des „Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet“ kommt dabei nicht nur zu einer Einschätzung, wer welcher Gruppe zuzuordnen ist. Sondern auch zu einem anderen Ergebnis: Demnach seien fast 40 Prozent der Deutschen „digitale Außenseiter“.

Milieu Nummer eins: Digital Outsiders

In der Studie unterteilt in internetferne Verunsicherte und ordnungsfordernde Internet-Laien. 

Charakteristika „Internetferne Verunsicherte“: Überforderte Offliner bzw. Internet-Gelegenheitsnutzer. Selbstgenügsamkeit, Sittlichkeit und Anstand. Bedürfnis nach Schutz und Kontrollmechanismen.

Charakteristika „Ordnungsfordernde Internet-Laien“: Bürgerlicher Mainstream mit Wunsch nach Ordnung und Verlässlichkeit. Defensiv-vorsichtige Internet-Nutzung.

Milieu Nummer 2: Digital Immigrants

In der Studie unterteilt in „verantwortungsbedachte Etablierte“ und „postmaterielle Skeptiker“.

Charakteristika  „Veratwortungsbedachte Etablierte“:  Aufgeklärtes Establishment mit Führungsbewusstsein. Selektive Internet-Nutzer. Verantwortungsorientierte Grundhaltung gegenüber digitalem Fortschritt.

Charakteristika „Postmaterielle Skeptiker“:  Zielorientierte Internet-Anwender mit kritischer Einstellung zu kommerziellen Strukturen und „blinder“ Technik-Faszination.

Milieu Nummer 3: Digital Natives

In der Studie unterteilt in unbekümmerte Hedonisten, effizienzorientierte Performer und digital Souveräne.

Charakteristika „Unbekümmerte Hedonisten“: Fun-orientierte Internet-User auf der Suche nach Entertainment und Erlebnis. Unkonventionell – nicht risikosensibilisiert.

Charaketristika „Effizienorientierte Performer“: Leistungsorientierte Internet- Profis mit ausgeprägter Convenience- und Nutzen-Orientierung. Professionalisierung als Leitprinzip.

Charakteristika „Digital Souveräne“: Digitale Avantgarde mit ausgeprägter individualistischer Grundhaltung. Suche nach Unabhängigkeit in Denken und Handeln.

 

Die Zahl, zu der das Institut kommt, ist allerdings sowohl in den Medien unterschiedlich interpretiert worden als auch in seiner generellen Wertung etwas fragwürdig. In vielen Meldungen entstand der Eindruck, als würde diese Studie behaupten, fast 40 Prozent der Deutschen seien nicht im Netz. Das ist natürlich nicht so – in der Studie werden auch Menschen mit Internetzugang, die dem Medium aber skeptisch und eher unbeholfen gegenüberstehen, als solche „Außenseiter “ kategorisiert. Und tatsächlich bewertet die Studie auch eine Gruppe namens „Ordnungsliebende Internet-Laien“ als eine eher den Außenseitern zugehörige. Das kann man allerdings auch anders sehen, schließlich sprechen sich die Angehörigen dieser Gruppe lediglich für Ordnung aus, ohne dabei das Netz abzulehnen (mehr dazu u.a. hier).Würde man diese Gruppe der Ordnungsliebenden nicht als den „Außenseitern“ zugehörig werten, wäre ihr Anteil nur noch bei 27 Prozent. Ist das viel, eher wenig? Vermutlich Interpretationssache, allerdings liest sich ein gutes Viertel an Digital-Außenseitern dann schon anders als „fast 40 Prozent“.

Interessant ist es trotzdem, wie die Macher der Studie die Internetnutzer in verschiedene Milieus einordnen. Dabei kommt die Studie auch noch zu einem anderen Schluss. Demnach versandet der viel zitierte digitale Graben allmählich, es geht also nicht mehr zwingend nur um Nutzung oder Nicht-Nutzung des Internets. Statt der Frage nach dem „ja“ oder „nein“ ist eher eine andere entscheidend: die nach dem „wie“. Die Studie macht vor allem „Mentalitätsunterschiede“ aus. Diese Unterschiede manifestieren sich in den Ansichten zur Sicherheit, zur Bedeutung und zur zukünftigen Entwicklung des Netzes. Gemein ist vielen aber dennoch ein gewisses Misstrauen vor den potentiellen negativen Fähigkeiten des Netzes. In der Studie wird das so formuliert: „Selbst bei denjenigen Nutzern, die sich als selbstsichere Navigatoren im Internet begreifen und explizit die Verantwortung für Ihre Internet-Aktivitäten übernehmen, besteht ein latentes Gefühl des System-Misstrauens.“ Und noch eine andere interessante Zahl: Ein Drittel der bekennenden und sehr aktiven Nutzer räumt ein, ohne die Hilfe von Freunden und Bekannten im Netz verloren zu sein.

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