Medienwandel 12. Mai 2014

Hyperlokale: Kiez mal, wer da schreibt

by Christian Jakubetz

Wie geht es weiter mit dem Lokaljournalismus? So wie bisher, da sind sich die meisten einig, wohl nicht mehr. Dass allerdings auch der in den letzten Jahren viel gehypte hyperlokale Journalismus nicht so ganz einfach umsetzbar ist, räumen auch die Macher zunehmend mehr ein. Eine gute Idee – die sich nur leider nicht finanzieren lässt?

Heddesheim. Das ist wohl eine Art Keimzelle des hyperlokalen Journalismus in Deutschland. Mit seinem „Heddesheimblog“ hat der Journalist Hardy Prothmann für Aufsehen auch weit über den kleinen Ort unweit von Mannheim gesorgt. Die Seite war ziemlich genau das Gegenteil dessen, was man vom Lokaljournalismus bisher gewohnt war. Nicht nur, dass hier Lokaljournalismus konsequent ausschließlich im Netz stattfindet und nicht nur, dass Prothmann nicht gerade ein Freund der leisen und angepassten Töne ist – zudem berichtet das „Heddesheimblog“ tatsächlich konsequent hyperlokal. Alles, was außerhalb von Heddesheim passiert, ist für die Seite nicht mehr weiter wichtig.

Ausgerechnet das erste richtige hyperlokale Projekt in Deutschland hakt momentan allerdings. Prothmann stellte die Berichterstattung vorläufig ein. Weitermachen will er dort erst, wenn Zusagen für 1000 Euro monatliche Zuwendungen eintreffen. Was ohnedies nicht viel ist, schließlich ist das „Heddesheimblog“ eine professionelle journalistische Veranstaltung, die mit einigem Aufwand hergestellt wird. Von Anfang April stammt die letzte Standmitteilung: 237 Euro monatlich waren da zugesagt, von einer gesicherten finanziellen Zukunft ist das „Heddesheimblog“ also noch ein ganzes Stück entfernt.

Bisher scheint die Rollenverteilung also klar zu sein: Auf der einen Seite die etablierten, großen Medien, die zwar womöglich nicht mehr die wirklichen Bedürfnisse der Menschen vor Ort abdecken, finanziell aber immer noch den allergrößten Teil vom Kuchen abbekommen. Und auf der anderen Seite die kleinen Projekte, die man gerne mal mit viel Sympathie, aber eher selten mit Geld begleitet. Eine unauflösbare Crux?

(Regionale) Zeitungen und hyperlokale Webseiten müssen allerdings keineswegs immer Gegner sein, die sich gegenseitig das Wasser abgraben. Ein Beleg dafür: die Kooperation von „Hamburg mittendrin“ und der „taz Nord“. Isabella David, Macherin der Seite, arbeitet mit dem Blatt seit geraumer Zeit zusammen. Wenn es Geschichten gibt, die für die taz interessant sein könnten, bietet sie sie der Redaktion an. Davon profitieren beide Seiten: Die „taz“ bekommt Inhalte aus Mikrokosmen, die sie unter normalen Umständen unmöglich bearbeiten könnte. Umgekehrt schafft Isabella David Reichweite für ihre Inhalte und bekommt auch noch ein bisschen Honorar dafür. Seit die „Zeit“ ihren Hamburg-Teil gestartet hat, kooperiert sie auch mit „Zeit Online“.

pbn
Professionell gemachtes Angebot: die „Prenzlauer Berg Nachrichten“.

Was die hyperlokalen Projekte tatsächliche alle gemein haben: Sie nutzen den strukturellen Unterschied zu den bisherigen Lokalmedien für sich. Tageszeitungen, Radio- oder ein Fernsehender können eben nicht bis in die Stadtteile oder in kleine Gemeinden irgendwo auf dem flachen Land hinein berichten, selbst wenn sie voll des guten Willens wären. „Das ist unser Job“, sagt Juliane Wiedemeier, Mitgründern und Redakteurin bei den „Prenzlauer Berg Nachrichten“. Die Berliner Tageszeitungen hätten sich weitgehend aus der Fläche zurückgezogen. Trotzdem passiert in einem Bezirk wie dem Prenzlauer Berg natürlich weitaus mehr als „Bushaltestellen und Mülleimer“, wie Juliane Wiedemeier erzählt. Und natürlich interessieren sich die Menschen dort in erster Linie für das, was in ihrem eigenen Umfeld passiert. Da sind Berliner dann auch nicht anders als Heddesheimer.

Ebenfalls gemein haben die Projekte aber auch etwas anderes: Bei aller inhaltlichen Notwendigkeit und allem Idealismus, der hinter den Lokalseiten stecken, gibt es immer noch keine wirklich gut funktionierenden Modelle, mit denen man mit diesen Projekten richtig gut Geld verdienen würde. Wirklich Auskünfte über konkrekte Zahlen mag bei der Diskussionsrunde bei der re:publica in Berlin niemand geben, aber klar wird schnell: Man kommt irgendwie über die Runden, aber das ist dann vorerst auch schon alles. Kein wirkliches Drama, findet allerdings Juliane Wiedemeier: Wer momentan in den Journalismus gehe, dem müsse klar sein, dass es sich momentan um keine Zeit handle, mit der man in diesem Beruf wirklich gut Geld verdienen könne.

Die Seite „Florakiez“ macht deswegen ihr Angebot gleich aus idealistischen Gründen und ohne finanzielle Erwägungen (was man sich allerdings dann auch erst mal wieder leisten können muss). Und zeigt damit ungewollt das womöglich größte Problem hyperlokaler Projekte auf: In diesem „Florakiez“ leben gerade mal rund 7000 Menschen. Die geringe Reichweite vieler Projekte macht auf der einen Seite ihren journalistischen Reiz, auf der anderen Seite ihre ökonomische Problematik aus. Mit einer Reichweite von 7000 Menschen lässt sich eben de facto nichts finanzieren.

In Heddesheim jedenfalls liegt das Projekt momentan auf Eis. Hardy Prothmann hat allerdings noch eine ganze Reihe anderer lokaler Projekte am Start. Wie die Geschichte des hyperlokalen Journalismus min Deutschland ausgeht, ist immer noch offen.

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