Medienwandel 11. Januar 2014

Schlanker, schneller, schöner: „NYT“ setzt die Trends für 2014

by Christian Jakubetz

Die „New York Times“ (mal wieder) als Trendsetter: Die Online-Ausgabe der Zeitung hat einen Relaunch hingelegt, aus dem sich einiges an Trends für das frisch begonnene Jahr ableiten lässt. Auffällig vor allem: Schnelligkeit, Opulenz und“one pager“ prägen die neue Seite.

Schon seit vielen Jahren wird die „nyt.com“ von Online-Journalisten aus der ganzen Welt genau verfolgt. Sie gilt als der Standard für eine herausragend gemacht, qualitativ hochwertige Nachrichtenseite. Insbesondere ihr Umgang mit technischen Neuerungen, mit multimedialen Formaten sowie Fotos und Videos gilt immer wieder als beispielgebend. Pünktlich zum Jahresstart ist jetzt die nächste Version online gegangen. Und sie weist die Richtung, in die der Onlinejournalismus im Jahr 2014 geht. Oder wenigstens gehen könnte.

 

Long read, one pager

Und es kommt eben doch auf Größe und Länge an: Die „New York Times“ setzt jetzt zunehmend auf sogenannte „one pager“. Das ist zunächst einmal eine simple Geschichte: Man bleibt bei einer Geschichte auf einer Seite, ohne weitere Klicks tätigen zu müssen. Darüber ist technisch kein Wort zu verlieren, weil technisch bei einem solchen „one pager“ nichts passiert. Im Gegenteil: Wenn man so will, dann handelt es sich dabei um eine technische Reduktion. Allerdings eine, die dem, was momentan auf vielen Onlineseiten passiert diametral entgegen steht: Aktuell ist es immer noch gängige Lehre, dass zu lange Stücke aus Gründen der Lesbarkeit geteilt werden müssen. Zumindest im IVW-getriebenen Deutschland kommt noch hinzu, dass jede geteilte Geschichte auch mehr zähl- und vermarktbare Klicks bringt.

nty_optik

Von dieser Idee verabschiedet sich die NYT bewusst. Ein Trend, den man mittlerweile auch bei anderen journalistischen Angeboten entdeckt. In Deutschland sind es vor allem „süddeutsche.de“ und „Zeit Online“, die den Trend zum Klick nicht mitmachen. Man darf gespannt sein, ob es im Netz zu einer Renaissance längerer Stücke kommt – bei denen man sich dann sogar noch traut, sie nicht in vermeintlich onlinegerechte Häppchen zu zerlegen. Das nämlich gehört immer noch zu den letzten Irrlehren früherer Onlinetage: zu glauben, dass Leser im Netz eine geringe Aufmerksamkeitsspanne haben und nicht willens und in der Lage sind, längere Stücke zu konsumieren.

Schlanker, schneller

nyt_menuesZwei Dinge bestimmen die neue Optik der NYT. Zum einen eine deutliche Entschlackung einer Seite, die zum Schluss hin dann sch etwas überladen wirkte. Die Sektionen sind jetzt wieder in Submenüs untergebracht. Eine Idee, die übrigens gar nicht mal so neu ist: Die ausklappbaren Untermenüs gab es beispielsweise beim msnbc.com schon Ende der 90er Jahre. Die Idee verschwand über die Jahre hinweg weitgehend in der Online-Mottenkiste. Daneben ist die Seite deutlich aufgeräumter. Die opulente Optik mit großen Fotos sorgt zudem für einen luftigen und angenehmen Eindruck. Zusammen mit der Idee der „one pager“ lässt sich feststellen: Die „NYT“ ist optisch ansprechender und angenehmer zu konsumieren geworden. Und, was ebenfalls nicht zu unterschätzen ist: Die Seite wird schneller – zusammen mit den weniger gewordenen Klicks also ein echtes Plus in Sachen Usability.

Ebenfalls auffällig: Insgesamt hat sich die Optik deutlich mehr der Zeitungsseite angenähert. Eine Idee, die man in Deutschland in Ansätzen auch schon bei süddeutsche.de (gelungen) und bei FAZ.net (eher nicht gelungen) gesehen hat.

Fotos und Videos

Es war schon immer einer der ganz großen Stärken von „nyt.com“: Kaum eine journalistische Webseite geht so verschwenderisch gut mit Videos und Fotos um. Bisher ein Haken, und das nicht nur bei der NYT: Wer eine Großansicht eines guten Fotos haben wollte, wird oft aus der eigentlichen Story hinausbefördert. Der Relaunch ändert das jetzt. Foto einfach vergrößern und dann wieder wegblicken, ohne die Geschichte verlassen zu müssen: eine ebenso simple wie nachfliegende Idee, bei der man sich fragt, warum nach nicht schon viel vorher darauf gekommen ist. Geblieben sind die herausragenden Video- und Multimediasektionen, die auch weiterhin einen inhaltlichen Schwerpunkt der NYT bilden.

Die Trends der Zukunft

Ist es Zufall – der womöglich der Tatsache geschuldet, dass der Newsstream im Netz durch soziale Netze und durch soziale Netzwerke immer schneller fließt? Jedenfalls zeigen die „New York Times“ wie aber auch der „Guardian“ oder in Deutschland „Zeit online“, dass auf einer Nachrichtenseite Schnelligkeit alleine nicht mehr ein Wert ist. Das kann Pragmatismus sein, weil man den Kampf gegen die Schnelligkeit von Twitter & Co. ohnehin verloren hat. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Online-Macher ihre Nutzer über etliche Jahre hinweg schlichtweg unterschätzt haben. Online, so hieß es, das müsse immer schnell gehen, die gründliche Hintergrundanalyse erledigten dann beispielsweise die Zeitungen. Inzwischen weiß man: ein Trugschluss.

Der NYT-Relaunch weist jedenfalls in diese Richtung: Ausführlich und aufwändig, hochwertiger Journalismus, der mittlerweile komplett auf alle Formen von Häppchen verzichtet. Man darf gespannt sein, ob und wann dieser Trend auch in Deutschland ankommt.

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