Social Media 9. März 2012

Medien der Zukunft: Schau mal, wer da postet

by Christian Jakubetz

Medien werden es  vermutlich schon bald (und schon wieder) mit einem ziemlich veränderten Publikum zu tun bekommen haben. Schaut man sich eine entsprechende Studie des Beratungsunternehmens PwC an, dann kommt man schnell zu dem Schluss: Gerade bei den Dingen, die Nutzer bevorzugt im Netz machen, verändert sich gerade einiges. Während eine Form von Inhalten ganz besonders auf dem Vormarsch ist, stirbt die gute alte Mail bei den allerjüngsten bereits einen schleichenden Tod…

Über etliche Jahre in der noch gar nicht so langen Geschichte des Webs waren die Präferenzen klar: Der Mensch geht ins Netz, um dort Mails zu schreiben und zu surfen. Darin waren sich die unterschiedlichsten Altersgruppen erstaunlich ähnlich. Was auch daran gelegen haben könnte, dass es in den Anfangsjahren sehr viel andere Möglichkeiten nicht gab. In den vergangenen Jahren haben dann soziale Netzwerke erheblich an Bedeutung gewonnen. Jetzt ist es soweit: Bei den heute 12- 15jährigen Nutzern spielen erstmals Facebook & Co. die entscheidende Rolle im Netz. Die Mehrheit der Befragten gibt an, dass diese Seiten für sie der wichtigste Grund sind, das Web zu nutzen. Ein Phänomen eines besonders jungen Publikums ist das allerdings nicht. Auch bei nahezu allen anderen Altersgruppen ist das Interesse an sozialen Netzwerken stark ausgeprägt, fast 52 Prozent nennen sie als ihre beliebteste Anwendung. Im Gesamtpublikum ist damit die Mail noch vorne. Das Interesse an social media hört auch bei älteren Zielgruppen nicht auf, selbst in der Zielgruppe der 45-54jährigen werden soziale Netze noch auf Platz 4 der beliebtesten Applikationen genannt. Erst in der Altersgruppe ab 55 gibt es einen drastischen Rückgang. Für sie spielen soziale Netze de facto überhaupt keine Rolle.

Und noch eine weitere Applikation ist für die jüngsten Nutzer enorm wichtig geworden: Videos. Nach den sozialen Netzen, dem Chatten und der Recherche kommt das Videoschauen schon auf Platz 4. Damit sind Videos zum ersten Mal in einer Altersgruppe von so hoher Bedeutung. Bei den älteren werden Videos zwar je nach Alter auch genannt, allerdings immer irgendwo im Mittelfeld. Für die Altersgruppen ab 45 spielen Videos sogar überhaupt keine Rolle.

Möglicherweise gibt es zwischen den stark favorisierten Anwendungen social media und Videos sogar noch einen anderen Zusammenhang. Laut Studie tragen die User sehr intensiv zu den Inhalten bei, je jünger sie werden, desto mehr sogar. Besonders beliebter Post-Content im Zeitalter von Videoportalen: Videos. User schauen also  Videos und posten sie anschließend in sozialen Netzwerken, der Zusammenhang ist schnell erkennbar.

Dabei gibt es für klassische Medien zwei eher schlechte Nachrichten: Nach allem, was die User jetzt sagen, gibt es keinerlei Anzeichen, dass der Boom und die Bedeutung der sozialen Netze auf absehbare Zeit wieder zurückgehen könnten. Und auch die Idee, sie auf ihre Seite zu ziehen, möglicherweise eigene große Communitys aufzubauen, wirkt eher illusorisch: Über 70 Prozent der Befragten können sich vorstellen, „für immer“ in ihrem jetzigen favorisierten Netzwerke zu bleiben.

Apropos favorisieren: In der Konsequenz würde eine solche Aussage bedeuten, dass die Vormachtstellung von Facebook über etliche Jahre unantastbar bleibt. Der Netzwerk-Riese aus den USA liegt auch in Deutschland mit enormen Abstand vor allen anderen. In der Studie wird dies als „lock-in-Effekt“ bei Facebook bezeichnet. Konkret: Aufgrund seiner schieren Größe und der daraus resultierenden hohen Aktivität und der zahlreiche Inhalte wird das Netzwerk von vielen als das Interessanteste seiner Kategorie empfunden. Womit auch gleichzeitig die wichtigsten Kriterien bei der Auswahl solcher Netze genannt sind: Neben den eigenen Freunden und Bekannten sind das viel Aktivität, hohe Vernetzung, interessante Inhalte. Genau das entsteht aber eben erst ab einer bestimmten Größe.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie

The winner takes it all: Wer in seinem Segment vorne liegt, tut das unangefochten. Mitbewerber haben beträchtlichen Abstand auf den Marktführer. Ein Wechsel an der Spitze ist meist nicht absehbar. Bei den sozialen Netzwerken ist Facebook die Nummer eins, bei den Videoportalen Youtube. Unter den professionellen Netzwerken bildet Deutschland eine Ausnahme, hier ist Xing vorne. International ist es der Konkurrent LinkedIn. In der Kategorie der Microblogs gilt Twitter als unangefochten.

Einschalten und dran bleiben: Soziale Netze werden extrem häufig frequentiert und zudem sehr lange genutzt. 80 Prozent der Facebook-Nutzer geben an, mindestens einmal täglich ihr Netzwerk zu besuchen. Die Verweildauer ist überdurchschnittlich lange. Bei den unter 25jährigen sagen 30 Prozent von sich, täglich mehr als drei Stunden bei Facebook zu verbringen.

Bild dir deinen Inhalt: Rund 50 Prozent der Nutzer unter 25 trägt in seinem sozialenNetzwerk aktiv etwas zum Inhalt bei.

Kommunikation und Transaktion: Für den Löwenanteil der Nutzer steht tatsächlich das Knüpfen und Erhalten von Kontakten an oberster Stelle. Rund 23 Prozent geben inzwischen aber schon an, sich dort auch über Produkte und Dienstleistungen informieren zu wollen. Zudem kommt die Studie zu dem Ergebnis, dass Facebook mittlerweile Google als wichtigstes Gateway zu anderen Seiten im Netz abgelöst hat.

Ob somit Pläne wie beispielsweise des Netzwerk „Path“ aufgehen, einen gegenteiligen Trend einzuleiten, bleibt fraglich. „Path“ setzt darauf, kleine Netze mit wirklichen Freunden aufzubauen. Deshalb ist dort die maximale Zahl der Kontakte auf 150 beschränkt. Gegen die Facebook-Konkurrenten spricht auch noch ein anderes Ergebnis der Studie: Das Interesse an der parallelen Nutzung mehrerer Netzwerke ist rückläufig — eine Erfahrung, die gerade Google + ziemlich schmerzhaft machen muss. Nach einem gehypten Beginn ist das Interesse an dem Facebook-Konkurrenten stark abgekühlt, Spötter nennen es schon „Facebook, nur ohne Freunde“.

Möglicherweise beantwortet die Studie auch eine Frage, deren Antwort man zwar irgendwie ahnte, aber nicht sicher wusste: Warum sind soziale Netze jetzt eigentlich so wichtig für Medien? Nicht nur wegen ihrer schieren Masse, sondern auch wegen der hohen Glaubwürdigkeit, die sich Freunde und Bekannte offensichtlich gegenseitig zusprechen.  Positiven Bewertungen und Empfehlungen von Freunden zu vertrauen, das behaupten 3 von 4 Usern. Ein Like und ein Link – das sind zwei „Währungen“, die für Redaktionen und Journalisten in Zukunft immer wichtiger werden dürften.

 

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