Ausbildung & Auszeichnung
Neben Studium, Volontariat und anderen Möglichkeiten gibt es immer noch einen Klassiker, um in den Journalismus zu kommen: die Ausbildung an Journalistenschulen und Akademien. Doch welche sind für wen geeignet? Wo wird was von Bewerbern verlangt? Ein Überblick.
Es gibt Adressen, zu denen man nicht sehr viel sagen muss: Die Deutsche Journalistenschule in München oder die Henri-Nannen-Schule in Hamburg sind nach wie vor hoch renommiert und gelten als Eintrittskarte für nahezu alles. Entsprechend schwierig ist es, an diesen Einrichtungen angenommen zu werden. Doch es gibt noch andere Einrichtungen, alle ebenfalls auf hohem Niveau ausbildend. Wer sich beispielsweise sicher ist, nicht in Printmedien arbeiten zu wollen, ist an der RTL-Journalistenschule oder der Elektronik Media School sehr gut aufgehoben, für angehende Wirtschaftsjournalisten ist die Holtzbrinck-Schule immer noch eine der ersten Adressen.
Für das Buch “Universalcode” wurden die Schulleitungen der wichtigsten Einrichtungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz befragt. Wer macht was, wie, wo und warum?
Hauptkriterium bei der Auswahl war, dass es sich um eine Journalistenschule mit einem vollwertigen oder zumindest adäquaten Volontariatsangebot und nicht um eine Weiterbildungseinrichtung oder einen reinen Hochschulstudiengang à la Diplom-Journalistik handelt. Außerdem wurden nur die Schulen berücksichtigt, die mindestens zehn Jahre alt sind – um eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum hinweg reflektieren zu können.
Alle Ausbildungsleiter haben einen Katalog von Fragen beantwortet: angefangen bei den entscheidenden Veränderungen der Ausbildung seit 1995, über die konkreten Inhalte der neuen Module bis hin zu der Frage, welche neuen Seminare für die Zukunft geplant sind.
1. Was sind Ihrer Meinung nach die entscheidenden Unterschiede zwischen einer Journalistenausbildung im Jahr 1995 und heute, im Jahr 2011?
Am häufigsten verweisen die Schulleiter darauf, dass die Mediensparten 1995 noch strikt getrennt waren und somit nur nacheinander in einem Säulenmodell unterrichtet wurden. Heute hingegen seien eine Verschränkung der Plattformen und eine crossmediale Ausbildung selbstverständlich. „Individualität, Mobilität und Interaktivität – diese drei Spezifika des Internetzeitalters üben erheblichen Reformdruck auf die Journalistenausbildung aus“, schreibt Dr. Elvira Steppacher vom ifp. Der Mehraufwand, den viele konstatieren, bringe aber auch neue Möglichkeiten mit sich, „mehr Verbreitungswege und Erzählformen, mehr Recherchemöglichkeiten, mehr Kontakt zu Usern“ (Andreas Wolfers, HNS). Negativ wird vermerkt, dass die klassischen Geschäftsmodelle der Verlage zunehmend unterhöhlt werden, deshalb könnten Gehaltsvorstellungen junger Journalisten nicht mehr in den Himmel wachsen und sie müssten ein höheres Maß an Flexibilität bei ihrer Berufsplanung mitbringen. Die Vorbereitung auf freiberufliches Arbeiten rückt dadurch bei einigen Schulen stärker in den Blickpunkt. Viele sind sich allerdings auch einig darin, dass die journalistischen Basisqualifikationen gleich geblieben sind und weiter im Mittelpunkt der Ausbildung stehen sollten.
2. Es wurden doch auch schon vor der Jahrtausendwende gute Schreiber, Fernsehautoren und Radioreporter ausgebildet! Was ist heute so entscheidend anders, dass Ihre Schüler noch zusätzliche Qualifikationen erwerben müssen?
Oscar Tiefenthal von der Evangelischen Journalistenschule denkt zunächst an die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen: „Heute kann ein freier Journalist in der Regel allein von Print-Honoraren kaum noch existieren.“ Damit unmittelbar verbunden sind die erhöhten handwerklichen Anforderungen: „Die Plattformen für journalistische Inhalte sind vielfältiger geworden und erfordern eine adäquate Beherrschung der jeweiligen Darstellungsformen“, schreibt Leonhard Ottinger (RTL Journalistenschule). Journalisten würden verstärkt „Hintergrundwissen und Vermittlungskompetenz“ benötigen. Technische Kenntnisse und Kreativität in den Erzählformen müssten geschult werden, ergänzt Andreas Wolfers (HNS), auch die „Interaktion mit den Adressaten“ werde immer wichtiger (Günther Ludwig, Kölner Journalistenschule). Und Marc Thomas Spahl (Axel Springer Akademie) ist überzeugt: „Die mediale Verführung wird im Kampf um die Aufmerksamkeit des Users, der immer mehr hin- und hergerissen ist im Dschungel der Angebote, zu unserer wichtigsten Überlebensstrategie überhaupt.“
3. Wie sehr haben Sie crossmediales Denken in Ihrer Ausbildung verankert?
Zwar gibt es keine Journalistenschule, die Crossmedialität in ihrer Ausbildung für überflüssig hält. Doch die diversen Antworten lassen auf eine unterschiedliche Gewichtung schließen. Während die einen extreme Begeisterung erkennen lassen – etwa die Axel Springer Akademie („ Es ist unsere wichtigste Säule, in der Theorie wie in der Praxis, und das tagtäglich“), die JONA („ … sicher einer der Vorreiter für crossmediales Arbeiten“) oder die ems („Von Beginn an (also seit Schulgründung 2001) legt die ems Wert auf multimediales und crossmediales Denken und Arbeiten“) -, äußern sich andere verhaltener, so z.B. die Holtzbrinck-Schule („Es ist Basis – nicht weniger, aber nicht mehr. Wobei wir aber nicht darauf abzielen, dass unsere Absolventen Alleskönner werden“) oder das ifp („Crossmedia ist nicht das Heilmittel gegen mediokren Journalismus“).
4. Auf einer Zeitleiste betrachtet: In welchen Schritten hat Ihre Schule die Ausbildung in den letzten 10 bis 15 Jahren verändert/erweitert? Wann kam welches Modul hinzu?
Die erste aller befragten Journalistenschulen, die einen Lehrgang zu Online-Journalismus einführte, war das MAZ in Luzern, nämlich schon 1994. Es folgten dann bis zur Jahrtausendwende die Österreichische Medienakademie, das ifp, die Kölner Journalistenschule und Holtzbrinck. Die Jahre 2002 und 2003 brachten dann den nächsten entscheidenden Schritt: die Verankerung von Multimediakursen in der Ausbildung, explizit genannt von Burda, Holtzbrinck, JONA und MAZ. Videojournalismus wurde ab 2008 für mehrere Schulen (Burda, ems, ifp, Kölner Journalistenschule, KfJ) zu einem festen Bestandteil. Und als jüngste Neuerungen werden genannt: Recherche in Sozialen Netzwerken (RTL, Burda) und Mobiler Journalismus via Smartphone (ems)
5. Achten Sie darauf, dass Ihre Schüler auch die Praxisstationen nach multimedialen Gesichtpunkten auswählen?
Die Auswertung der Antwortbögen zeigt, dass an nur vier Schulen – nämlich an der ems (drei multimediale Praxisstationen), der Axel Springer Akademie (bild.de als zweimonatige Pflichtstation), der Kölner und der Evangelischen Journalistenschule – ein Multimedia- bzw. Online-Praktikum absolut verpflichtend ist. Alle anderen raten zwar zu multimedialem Arbeiten, sehen es aber nicht als hartes Auswahlkriterium bei den Praktika an.
6. Haben Sie Informationen darüber, ob und, wenn ja, wie sehr Ihre Absolventen dann im Berufsleben wirklich multimedial arbeiten?
Vielleicht setzen viele Schulleiter auch deshalb nicht zwingend auf ein Online- bzw. Multimedia-Praktikum (s. Auswertung Frage 9), weil sie im Arbeitsmarkt eine interessante Beobachtung gemacht haben: „Da in Deutschland die klassischen Redaktionen mit den Online-Redaktionen meist nicht wirklich verschmolzen sind, ist konsequentes crossmediales Arbeiten eher noch selten“, schreibt Ulrich Brenner von der DJS. Diese Einschätzung teilt auch Klaus Methfessel von der Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten: „ Mein Eindruck ist, dass das Berufsleben nach wie vor von Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichnet ist. Der Journalist, der alles kann, ist genauso eine Chimäre wie das Medium, das alles anbietet, und der User, der alles gleichzeitig nachfragt.“ Und Annette Moll von der ems stellt fest, „dass sehr viele Redaktionen großer Sender nach wie vor die klassischen Formate bedienen, entsprechend monomediale Ausspielwege nutzen und mit Multimedialität bestenfalls experimentieren.“
Uneinig sind sich die Drei in der Frage, wie lange dieser Zustand noch anhält. Während Brenner hofft, dass der Beruf „Crossmedia-Redakteur“ noch zunimmt und Moll schon in den kommenden Jahren eine Entwicklung vieler neuer Arbeitsmöglichkeiten sieht, glaubt Methfessel, dass die Arbeitsteilung „zumindest noch für das nächste Jahrzehnt“ anhält.
7. Gibt es schon Überlegungen, welche neuen Inhalte Sie als nächste in Ihre Ausbildung integrieren wollen?
Am häufigsten genannt als zukünftige Ausbildungsmodule werden der Datenjournalismus (ems, HNS, ifp, RTL) und Social Media (DJS, Ev. Journalistenschule, Holtzbrinck, JONA, Kölner Journalistenschule, MAZ). Auch „Mobiler Journalismus“ scheint in der Ausbildung (DJS, ems, RTL, Springer) an Bedeutung zu gewinnen, ebenso die Nutzung von Applikationen auf Tablets (ems, HNS, Holtzbrinck, MAZ). Weil der Journalist immer mehr zum Unternehmer wird, wollen in der Ausbildung nicht nur Springer und das MAZ verstärkt den Bereich „Entrepreneurship“ beleuchten. Dabei sollte eine Kernkompetenz nicht außer Acht gelassen werden, an die die Journalistenschule Ruhr erinnert: „Wir brauchen journalistische Exzellenz im Sinne von investigativem Journalismus.“
(Hinweis: Zum Zeitpunkt der Umfrage war an der DJS noch Uli Brenner als Schulleiter tätig; seit dem 1.7.2011 ist Jörg Sadrozinski neuer Schulleiter – siehe dazu auch das Video-Interview mit Sadrozinski).
Jochen Markett/Christian Jakubetz

