Aktuell 17. September 2018

Das Radio der Zukunft – groß trotz Spotify

by Christian Jakubetz

 Hat Radio Zukunft? Geht es nach der Radio-Legende Werner Reinke und seiner Kollegin Marion Kuchenny, gibt es zu diesem Thema keine zwei Meinungen. Warum das so ist: Im Podcast verraten die beiden neben den Antworten auf diese Frage noch eine ganze Menge anderer interessanter Ansichten.

Radio Reinke Kuchenny
Werner Reinke und Marion Kuchenny als Podcast-Gäste. (Foto: Kristian Laban)

Werner Reinke ist inzwischen 72. Trotzdem ist er immer noch ständig unverschämt gut gelaunt und wirkt wie ein Jungspund, der sich gerade diebisch freut, endlich Radiomoderator zu sein. Und er hat immer noch diese sonore, unverwechselbare Stimme, die man einmal hört und dann immer wieder sofort erkennt. Reinke war in den späten 70er und in den 80er Jahren vermutlich die populärste Stimme von HR 3, machte dann eine lange Radiopause und ist seit 2002 wieder zurück. Seine Leidenschaft ist Musik. Kein Wunder also, dass sich seine wöchentliche Sendung „Reinke am Samstag“ ausschließlich um dieses Thema dreht.

Marion Kuchenny ist die vermutlich bekannteste weibliche Stimme von HR 1.Dass sie sich viel von Reinke abgeschaut hat, bestreitet sie erst gar nicht. Dass sie und Reinke sich nicht nur schätzen, sondern wirklich mögen, merkt man nach gefühlt sieben Sekunden: herzliche Umarmung zur Begrüßung im Studio. Und nach den ersten drei Minuten im Podcast stellt sich unweigerlich das Gefühl ein,  dass man die beiden auch drei Stunden alleine lassen könnte, sie würden auch ein solches Format mit interessanten Geschichten füllen…

Werner Reinke, was macht das Besondere von Radio für Sie aus? Warum soll ich Radio noch hören, wenn ich doch bei Spotify Musik ganz genau nach meinem Geschmack hören kann?

Werner Reinke: Kann Spotify moderieren?

Nee…

Werner Reinke: Dann haben wir schon den ersten wesentlichen Unterschied. Wenn es dem Hörer nur darum geht, Musik-Abfolgen zu hören, dann ist er bei Spotify gut aufgehoben. Er kann sich sogar seine eigene Musik zusammenstellen, seinen eigenen Geschmack filtern und kriegt dann die Musik geliefert. Das wäre mir aber persönlich zu wenig. Ich möchte von dem Lieferanten auch mal Vorschläge haben von Sachen, die ich gar nicht erwarte. Mein gesamter musikalischer Horizont ist nur dadurch gewachsen, dass ich neben der Beatmusik, mit der ich aufgewachsen bin, auch mal Dinge geliefert bekommen habe, auch mal Rock, auch mal deutsche Schlager, auch mal Musik aus den 20er Jahren.

Das Problem bei Spotify ist: Ich kann eben immer nur eingeben, was ich gerne möchte. Sage ich beispielsweise Bob Seeger, dann schlägt er mir andere Sachen vor, die ähnlich wie Bob Seeger sind oder die damit zusammenpassen. Nach dem Algorithmus von Spotify. Da wächst aber mein Horizont nicht so, als würde ich gut gemachtes Radio hören.

Wenn ich jetzt böse wäre, würde ich sagen: Das war ein sehr leidenschaftliches Plädoyer gegen das Formatradio.

Werner Reinke: Das ist es auch. Ich halte auch das Formatradio für einen ziemlichen Irrtum der Geschichte, der kaum noch revidiert werden kann. Aber es war 1989, als die private Konkurrenz begann, als wir das duale Rundfunksystem bekamen. Da war das zwingend für diejenigen, die uns der Konkurrenz machen wollten, unsere Schwächen zu finden und zu nutzen. Die Schwächen der ARD lagen damals darin, wenig Popmusik zu spielen und das nur in ein paar ausgesuchten Sendungen. Also hat man da man damals im Privatradio gesagt: Na gut, dann spielen wir nur Popmusik, dann kommen die Leute schon. Und dann sind die Leute auch gekommen.

Richtig wäre gewesen, dass die ARD sich damals auf ihre Stärken besonnen und gesagt hätte:  Ja, wir spielen auch Popmusik, aber unsere Stärke liegt ganz besonders in unseren Korrespondenten. Unsere Stärke liegt in unserer Informations-Kraft und daraus machen wir die Tugend der Sender und begeben uns in den Wettbewerb. Sie haben das Gegenteil gemacht. Sie haben gesagt: Oh, die private Konkurrenz macht ja tolle Sachen. Das wollen wir auch. Wir holen die Leute von der privaten Konkurrenz und lassen sie bei uns Chef werden. Rausgekommen ist dann eine Variante der Privatsender im Wesentlichen. Ich übertreibe zum Zwecke der Verdeutlichung.

So langsam, aber sicher beginnt ein Umdenken. Aber ja, ich halte das Formatradio nicht insgesamt für einen Fehler. Ich halte es durchaus für richtig, dass man es schafft, mit dem Computer zunächst einmal ein Tagesprogramm auszulösen, dass man auf den Knopf drückt und es erscheint ein schon einmal ehrliches Programm. Das ist völlig in Ordnung, aber danach muss man eingreifen ins Programm. Das wird heutzutage für meine Begriffe zu wenig gemacht.

Marion, du moderiert bei einem Formatradio. Du müsstest doch jetzt eigentlich dem Kollegen Reinke heftig widersprechen.

Marion Kuchenny: Nein, das kann ich nicht. Ich glaube, dass eine gewisse Struktur wichtig ist, da es ja auch notwendig ist, auch eine Wiedererkennbarkeit herzustellen. Aber ich glaube auch, dass man sich auch immer wieder nach außerhalb stellen muss, dass man Formate auch gezielt brechen muss, um Aufmerksamkeit zu generieren. Ich sage immer: Der Plan kann ja gut sein und er kann auch vorgegeben sein. Die Struktur kann vorgegeben sein, aber die Struktur weiß nicht, wie sich das konkrete Radioprogramm in genau diesem Moment anfühlt – nicht nur für denjenigen, der es macht, sondern auch für diejenigen, die zuhören. Dafür sind die Menschen zuständig und dafür sind die Menschen gut.

Und wenn ich das mal so sagen darf: Für mich ist die Einzigartigkeit des Radios auch darin begründet, dass Radio es schafft, ein Gemeinschaftsgefühl herzustellen. Ich glaube, das ist auch die große Chance. Radio kann im Vergleich mit allen Streaming-Portalen und mit allen digitalen Diensten dieses Lagerfeuer-Gefühl vermitteln. Darauf sollten wir bauen und darauf sollten wir uns auch in unserer Art Musik anzubieten stärker konzentrieren. Wie Werner schon sagte: Keine Streaming-Plattform schafft es, mir irgendwas vorzustellen, was ich vermeintlich nicht möchte. Da funktionieren Algorithmen und da funktioniert das, was ich vorgegeben habe und das wird bedient. Da bewege ich mich in meiner eigener Musik-Blase. Das Schöne ist doch, mit jemandem zusammen zu sitzen und zu sagen: Du, ich habe was gehört. Das ist nicht unbedingt dein Musikgeschmack, aber ich find das ganz toll. Das ist etwas, was Radio kann. Und ich finde, auf diese Stärken müssen wir uns besinnen.

Aber das Erstaunliche ist doch: Man kriegt gerne als Totschlagargument pro Formatradio gesagt, der Hörer wolle das so. Aber dann hält man den Hörer doch eigentlich für ein bisschen dumm, wenn man sagt, dass man ihn nicht überfordern darf…

Marion Kuchenny: Für mich wäre es gerade diese Individualität, mit der man den Hörer wieder glücklich macht. Ich glaube, dass du grundsätzlich Recht hast: Man darf sich nicht den Hörer vorstellen und sagen, Du bist überfordert, wenn du mehr als die zehn getesteten Titel am Tag hörst. Gleichwohl muss man es aber schaffen, eine Basis zu finden. Wir müssen versuchen, den Geschmack möglichst vieler Menschen einzufangen. Und wenn wir diese Basis haben, dann können wir auch mal sagen: So, jetzt passiert etwas ganz Außergewöhnliches.

Würden wir uns nur auf unseren individuellen Geschmack verlassen, werden wir wahrscheinlich viele Menschen abschrecken Das ist eine gewisse Gratwanderung. Aber ich glaube, man kann sich bewegen innerhalb eines gewissen Korridors, ohne dass man zu sehr auf die eigene oder auf die andere Seite schwenken muss.

Radio und Moderation haben viel mit Persönlichkeit zu tun. Und mein Eindruck ist immer: Die Moderatoren waren früher Persönlichkeiten, heute gibt so eine große geheime unterirdische Moderatoren-Fabrik und da kommen lauter geklonte Moderatoren raus. Frage A:  Woran liegt es? Frage B: Müsste man nicht viel mehr auf diesen Persönlichkeits-Faktor setzen, anstatt vorgefertigte Massenware zu produzieren?

Werner Reinke: Frage B: Ja. Frage A ist ein bisschen komplizierter zu beantworten.

Dass dieser Eindruck entsteht, dass geklonte Moderatoren rauskommen, hat damit zu tun, dass die Moderatoren von heute möglicherweise alle dieselbe Schule durchlaufen haben. Das hat begonnen in Holland und das wird fortgesetzt bei allen möglichen Firmen, die Moderatoren suggerieren:  Sag nie „Das Wetter heute“, sondern sag: „Sie brauchen heute keinen Regenschirm!“ Diese ganzen standardisierten Dinge werden dort beigebracht. Es gibt Stylebooks, die rausgegeben werden von den einzelnen Hörfunk-Wellen. Darin steht: Unsere Welle ist sympathisch, wir sind nett, wir sind dieses und wir sind jenes. Das soll er alles im Kopf haben, der arme Moderator. Es gibt Listen von Formulierungen, die vorgegeben sind. Wenn der geneigte Moderations-Aspirant das alles durchgelesen hat, dann wird er entweder schreiend nach Hause laufen oder er wird sagen: Ja, dann will ich mein Geld damit verdienen. Ich lerne das alles auswendig und dann klingen die Moderatoren alle so, wie Sie das gerade beklagt haben. Selbstverständlich nimmt kein Sender einem Moderator seine individuellen Qualitäten, aber er fordert sie auch nicht mehr ab. Und darin liegt das Problem.

Allerdings muss ich sagen: Wollten Sie das jetzt ändern oder wollte die ARD das jetzt ändern, dann gäbe es ein Mords-Ausbildungsprogramm. Man müsste die Leute eben auch noch umbilden, die bereits ausgebildet sind und ihnen sagen: Vergiss alles, was ich gestern gesagt habe und was in meinem Stylebook steht!  Entwickle deine individuellen Qualitäten, sei so verrückt wie du kannst oder was auch immer deine Qualität ist!

Es wäre von hohem Aufwand. Der Aufwand allerdings würde sich lohnen und ich wäre sehr gern bei einer solchen Schule dabei.

Marion Kuchenny: Natürlich braucht es ein gewisses gemeinsames Grundverständnis darüber, was Moderation zu leisten hat und wie Moderation grundsätzlich sein soll: dass da jemand Hochdeutsch sprechen sollte und dass da jemand eine klare Stimme in Mittellage haben sollte. Da gibt es überhaupt gar keine Diskussion. Es ist aber mit diesen Stylebooks und mit diesen Vorgaben eben sehr in eine Richtung gegangen, die die Gefahr birgt zu normieren.

Aber der Mensch bindet sich auch beim Radiohören an den Menschen. Und er bindet sich nur an einen Menschen, von dem er den Eindruck hat, dieser Mensch ist authentisch. Der kann auch mal schlechte Laune haben, der kann auch mal ein bisschen bissig sein. Der muss nicht immer absolut freundlich sein. Der kann auch mal sagen: Ich habe ganz schön schlecht geschlafen. Da draußen werden tausende Menschen sagen: Ich auch! Und dann gehen wir aber trotzdem gemeinsam an einen Morgen und wir nehmen uns alle an die Hand und jetzt gibt es ein bisschen gute Musik und schon ist eine Bindung und ist ein Gefühl da. Das trägt ja, auch wenn man nichts sagt. Diese Moderatoren-Bindung führt dazu, dass man sagt, da bleibe ich jetzt dran.

Wenn wir über die Bindung an Moderatoren reden: Das hat ja immer ein bisschen auch mit Zielgruppen zu tun. Jetzt erleben wir ja gerade durch die Digitalisierung von Medien immer mehr, dass die Märkte fragmentieren und dass es immer schwieriger wird, alle Menschen unter eine Welle zu bringen.  Und jetzt kommt ihr mit dem Anspruch: Ich will ein Programm, das ganz Hessen hört. Geht das überhaupt noch?

Ja, sicher geht das! Ich erinnere mich an einen großartigen Mann, der hieß Wolfman Jack. Der Mann war in Amerika so originell, so einzigartig und so erfolgreich, dass er über die ganze Welt seine Programme verkauft hat. Den Mann hat das gar nicht interessiert, ob er in Hessen gehört wird. Der wurde in der ganzen Welt gehört, weil er so originell und weil er so einzigartig ist. Selbstverständlich geht es nicht mit dem vorhin von uns zitierten Einheits-Programm und den Einheits-Moderatoren. Insofern kann man selbstverständlich ganz Hessen erreichen mit einem originären Programm und ohne jedes Problem und man braucht dazu keine 22 Wellenreiter.

Marion Kuchenny: Ich denke, wir haben jahrelang ein bisschen – vor allen Dingen hier in den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten – mit der Furcht gelebt vor der Digitalisierung und all dessen, was die Digitalisierung mit sich bringt. Ich empfinde das als großen Gewinn. Natürlich ist das lineare Programm nach wie vor die Basis, aber alles, was wir drumherum bauen können, sollten wir auch bespielen. Das ist eher eine Chance als eine Bedrohung.

Werner Reinke: Und egal, ob du das magst oder nicht: Das geht es lang. Das wird nicht zu vermeiden sein.

Aber immer, wenn ich mit Journalisten-Schülern oder Studenten rede, dann sagen die erst einmal alles, was Sie auch gesagt haben. Und wenn ich dann heute den durchschnittlichen Journalisten -Schüler frage, wo er hinmöchte, dann sagt er: zur „Zeit“ oder zum „Spiegel“ und dort will ich Print machen und nichts anderes. Wenn ich mit TV-Kollegen rede, dann habe ich immer den Eindruck, deren größtes Ziel ist es immer noch, vor der Fernsehkamera zu stehen. Ist das nicht ein eklatanter Widerspruch?

Werner Reinke: Nee, gar nicht. Das ist ja ein konditioniertes Publikum. Wenn Sie irgendeinem Durchschnittsbürger auf der Straße dieselben Fragen stellen würden, dann würde sich das ganz anders anhören. Ich glaube, dass es inzwischen genauso erstrebenswert ist, einen eigenen YouTube-Kanal zu haben wie zur „Zeit“ zu gehen oder wie zu einer Rundfunkstation zu gehen. Das können wir ohnehin nicht ändern. Also werden wir, wie Marion eben gesagt hat, damit leben müssen sollen und hoffentlich gerne damit arbeiten.

Marion Kuchenny: Aber das Lustige ist doch, wie stark dieses Image ist und wie stark diese Marken sind. Das merke ich bei jeder Besuchergruppe, die hier reinkommt. Das können auch ganz junge Leute sein, die den Kopf nicht von ihrem Smartphone hochkriegen. Aber auf einmal stehen sie im Radio-Studio und sind voller Ehrfurcht.Das hat also immer noch eine ganz starke Anziehungskraft auch über die Generationen hinweg.

Werner Reinke: Dieses Faszinosum, dass das, was jetzt hier getan wird, simultan und sofort abgehört werden kann und sofort von einer großen Anzahl von Menschen begleitet wird, das kannst du nicht loswerden. Und das wirst du auch nicht los, wenn du dich vor dein Handy stellst und YouTube-Aufnahmen machst, die du dann noch hundertmal ändern kannst.

Marion Kuchenny: Ich denke auch, dass es die Einzigartigkeit des Radios ist, live zu sein. Wenn erkennt, wie man sich ändern muss um mitzuschwimmen in diesem digitalen Strom und in diesem neuen Zeitalter, dann mache ich mir gar keine Sorgen.

Wenn man von großen Medienmarken spricht, dann geht es auch um die Professionalität, selbst wenn ich das gar nicht bewusst wahrnehme.Ich glaube, das ist auch ein Punkt, auf dem man als Journalist oder als Radiomacher noch viel stärker setzen muss: dass man sich absetzt gegenüber all denen, die halt irgendwas in die Welt pusten.

Werner Reinke: Ja, stell dich breit auf. Lerne nicht nur Journalismus, lerne sprechen, lerne lesen, lerne identifizieren, lerne interpretieren. Versuche das alles so breit wie möglich drauf zu schaffen. Und dann wirst du ein origineller, ein erstklassiger Moderator. Oder Mitarbeiter einer Rundfunkstation.

Wenn ich mit jungen Nachwuchsjournalisten zu tun habe oder auch Nachwuchs-Moderatoren, dann habe ich manchmal das Gefühl, die haben teilweise Probleme mit der Rechtschreibung oder auch mit Allgemeinwissen. Realität oder Kulturpessimismus?

 Werner Reinke: Stelle ihm die simple Frage „Wohin gehört das Komma beim Satz „Du nimmst mich nicht ernst“. Dann wirst du gleich die Spreu vom Weizen trennen.

Marion Kuchenny: Also, ich sage immer: Man muss, was die Auswahl angeht, nach wie vor hart sein. Um zu zeigen, dass man Standards hat und diese Standards auch erfüllt werden müssen. Diese Standards sind gerissen, teilweise auch in der Bildung und der Ausbildung dieser Leute. Es ist ja nicht so, dass die nicht rechtschreiben wollen oder dieses Allgemeinwissen nicht besitzen, weil sie es nicht wollen. In den allermeisten Fällen ist das so, weil ihnen das nicht auf vernünftige Art und Weise beigebracht worden ist. Aber dann zu sagen, eben auch als öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalt, das ist unser Niveau, das ist unser Anspruch, da gehen wir nicht runter, das setzt ja auch gewisse Standards. Da kann man ruhig Selbstbewusstsein zeigen. Mit dem Auftrag, den wir haben und den wir auch jetzt wieder öffentlich diskutieren, müssen wir sagen: Ja, wir sind hier der Ort, an dem man nicht mit einer schlechten Ausbildung kommen kann.

Werner Reinke: Und der Verrohung des Tons in Facebook und Twitter und all überall musst du entgegenwirken und wir sind die Instanz, die dagegenwirken kann. Wenn nicht wir, wer dann? Was man alles bei den ganzen Postings in den sozialen Medien erlebt, das ist ja teilweise allerhöchst gruselig. Wir sind diejenigen, die die Kultur hochhalten müssen. Das können wir am besten, indem wir als Vorbilder so formulieren, dass es druckreif ist.

Wenn ihr jetzt mal beide fantasieren dürftet: Ihr habt die Chance, fünf Jahre lang den Hessischen Rundfunk oder eine Sendeanstalt eurer Wahl zu einem Radio der Zukunft umzubauen, wie sähe das aus?

Werner Reinke: Ich meine, da kann man im Grunde nur das zusammenfassen, was wir die ganze Zeit schon als erstrebenswert betrachtet haben. Das wäre eine Rundfunkanstalt, die in jeder Stunde ein anderes Individuum, einen anderen authentischen Menschen präsentiert mit eigenen Qualitäten. Nur die müsste ich, wie gesagt, irgendwo herkriegen, dann würde ich einen Sender machen, der von morgens bis abends nur Spezialisten beschäftigen, die höchst toll auf irgendeine Art und Weise sind und das von sexy bis hochintelligent von witzig bis informativ. Und was man sich sonst noch alles an Qualitäten einfallen lassen könnte. Das wäre ein 24-Stunden-Programm, das ich dann machen würde.

Marion Kuchenny: Also 24 Stunden finde ich schon mal gut. Mein ideales Radioprogramm wäre ein Programm, das eine fundierte seriöse Informations-Basis hat. Mit Inhalten, die selbst recherchiert sind. Mit Inhalten, die politisch diskutiert werden. Also ein Radio, das auch versucht, Gesellschaft und Politik nicht nur abzubilden, sondern auch meinungsbildend sein kann.

Musikalisch wäre es das Radio, das immer wieder neue Impulse setzt. Und ein Radio, in dem echte Menschen spürbar sind. Menschen, die sich auch mit ihrer Hörerschaft nicht nur identifizieren, sondern auch austauschen und beständig austauschen. Im besten Fall ist das ein korrespondierendes System zwischen den Machern und denjenigen, die dieses Radioprogramm hören. Mit einem lebendigen Austausch, der hoffentlich auf beiden Seiten dazu beiträgt, dass man immer besser und immer origineller und immer netter wird. Und ich würde mir eigentlich wünschen, dass es ein Radioprogramm ist, von dem Leute sagen, das gehört zu mir und das gehört zu meinem Leben.

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