Aktuell 30. Dezember 2017

„Lokaljournalismus ist erstmal nichts Hocherotisches“

by Christian Jakubetz

Wie geht es weiter mit Tageszeitungen, mit Lokaljournalismus? Ein Interview mit dem designierten Chefredakteur des „Mindener Tageblatts“, Benjamin Piel.

 

Lokaljournalismus (Foto: Iwona Golczyk_pixelio.de)
Große Zukunft oder Altpapier? (Foto: Iwona Golczyk_pixelio.de)

Kannst du mir erklären, woher diese Diskrepanz kommt, dass auf der einen Seite wahrscheinlich jeder sagt, wie wichtig Lokaljournalismus ist – und dann sind sowohl die personelle als auch die technische Ausstattung von Lokalredaktionen häufig eher bescheiden?

Keine Ahnung. Es muss ja eigentlich genau andersherum sein, könnte man annehmen. Aber vielleicht hat man auch nicht so ganz verstanden, was Lokaljournalismus eigentlich sein könnte, wenn man ihn wirklich leben würde. Es wird ja immer viel darüber geredet, wie wichtig Lokaljournalismus ist, warum er wichtig ist, wie er funktionieren könnte. Aber in der Umsetzung, da lässt man vieles vermissen. Ich glaube, dass wir vieles nochmal ganz neu denken müssen, wie wir unseren Beruf als Lokaljournalisten verstehen wollen. Und da gibt es ein paar Punkte, die man erst mal klären müsste, dann würden die Dinge vielleicht auch anders laufen.

Wir müssen nicht mehr nur sagen, was ist. Sondern wir müssen immer öfter auch sagen, was ist – und was vorher noch keiner gewusst hat.

Welche Punkte wären das denn?

Also zum Beispiel: Wie definieren wir unser Dasein an sich? Ich vermisse da manchmal das Zusammenspiel mit den Lesern. Da gibt es doch immer noch sehr häufig die Sichtweise, dass es von oben nach unten geht. Dass die Leser das zu schlucken haben, was von oben kommt. Mir wäre es lieber, dass wir einen Austausch haben zwischen Journalisten und Lesern.

Ohne die Information unserer Leser sind wir eigentlich nichts. Viele unserer Geschichten haben ihren Ausgangspunkt in irgendeiner Information von einem Nutzer, Leser, Rezipienten, wie auch immer man das nennen will. Das hat ein Alleinstellungsmerkmal in dem Sinne, dass es nicht etwas ist, was im Grunde genommen auch jeder Kindergarten, jede Schule für sich selbst machen und veröffentlichen könnte. Ich meine, jeder Journalist müsste eigentlich 40 Informanten haben.

Ich habe früher auch als Lokaljournalist gearbeitet und hatte immer den Eindruck: Natürlich möchten die Leute spannende, kritische und manchmal sogar investigative Geschichten – aber bitte nur, solange sie nicht sie selbst betreffen. Ansonsten wirst du schnell mal zu Nestbeschmutzer.

Das passiert ständig. Ich glaube, dass das ein unheimlich anstrengender Beruf ist. Und natürlich muss jeder für sich entscheiden, ob er das auf sich nehmen will. Das hat immer auch familiäre Konsequenzen. Man steht eben auch im Fokus der Öffentlichkeit. Man wird fortwährend angegriffen. Wir müssen nicht mehr nur sagen, was ist. Sondern wir müssen immer öfter auch sagen, was ist – und was vorher noch keiner gewusst hat. Ein Beispiel: Wir haben hier ein Krankenhaus, das plötzlich beschlossen hat, keine Abtreibungen mehr zu machen. Wir haben durch einen Hinweis einer Leserin davon erfahren, haben nachgehakt und aufgedeckt, dass es so ist. Und haben nachgefragt, warum es so ist und die Hintergründe recherchiert. Und das hat zu einer Welle der Diskussionen geführt. Am Ende ist es ein nationales Thema geworden. Und man konnte in ganz Deutschland davon lesen und hören, was an diesem Krankenhaus hier los war.

Tolle Geschichte, aber bleibt das nicht die Ausnahme, wenn du ansonsten den ganzen Routinekram einer Lokalredaktion um die Ohren hast?

Ich kann dieses Argument nicht mehr hören: Man kann das hier nicht finden, das gibt es hier nicht und das sind Ausnahmesituationen. Ich glaube daran nicht. Ich glaube daran, dass es unheimlich viele Dinge unter der Oberfläche gibt, die im lokalen Bereich schlummern und die sehr viele Leute dann auch interessieren. Nur wir können uns um diese Themen ja überhaupt kümmern. Wenn wir es nicht tun, wer soll es dann tun?. Du hast natürlich Recht: Es gibt auch die Routine der Dinge, die immer wieder gleich sind und sich jedes Jahr wiederholen. Aber das ist eben zu wenig. Daraus müssen wir ausbrechen. Und ich glaube, dass das auch klappt. Wir müssen uns so die Themen suchen und dann immer wieder auch kritisch hinterfragen.

Das kann ich mit den kleinsten Themen machen und sie spannend machen. Ganz aktuelles Beispiel: Bei uns war eine Impfgegner-Konferenz. Die wurde ausgerechnet im Gymnasium abgehalten. Jetzt könnte man sagen: Da gehen wir hin und berichten darüber. Oder man kann die ganz einfache Frage stellen, die auf der Hand auf der Hand liegen sollte, wenn man halbwegs kritischen Journalismus macht: Warum stellt denn eine Behörde ausgerechnet das Gymnasium als Bühne für solche Leute hin? Und das kann man jeden Tag mit allen möglichen Themen tun. Ich glaube nicht daran, dass man sagen kann: Es funktioniert alles, hier gibt es ja nichts. Ich weiß, wenn es irgendwo nicht funktionieren kann, dann  wäre das hier. Weil hier sind wir in einem Gebiet mit 50000 Leuten auf einer riesigen Fläche. Es ist der ultimative Gegenbeweis, zu dieser These, dass das alles nicht funktionieren kann.

Und wie viele Leute haben schon gesagt: Ach, der Piel, der alte Quertreiber…?

Benjamin Piel. (Foto: Stephan Röhl, Lizenz CC BY-SA 4.0)

Das ist  ununterbrochene Realität. Alleine beim Impfthema gab es gleich wieder eine Welle. Aber das sind Menschen, die auch bereit sind, sehr weit zu gehen mit ihrer Kritik, obwohl man selbst versucht hat, das halbwegs nüchtern aufzuarbeiten. Man wird dann als Person und im Kern des eigenen Wesens angegriffen. Aber das liegt in der Natur der Dinge. Da muss man als Lokaljournalist ein dickes Fell haben. Ich weiß, das haben viele eben nicht. Aber wenn man das nicht hat, dann hat man den Beruf verfehlt. Ganz einfach. Das ist eine steile These und auch ein bisschen hart. Aber am Ende des Tages ist es so.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass du recht hast. Man muss als Journalist tatsächlich erst mal ein breites Kreuz mitbringen. Und wenn jemand auf der Welt geliebt werden will, dann sollte er vielleicht nicht unbedingt Journalist werden. Aber könnte es sein, dass es unter Umständen auch gerade beim journalistischen Nachwuchs nicht gerade als sexy gilt, Lokaljournalist zu werden? Ich habe mich mit Leuten bei Regionalzeitungen unterhalten und die sagen, es werde immer schwieriger, gute junge Leute für die Zeitung zu gewinnen.

Das hat zwei Komponenten. Das erste ist: Lokaljournalismus ist auf den ersten Blick wirklich nichts Hocherotisches. Das ist richtig, aber auch nur auf den ersten Blick. Lass mal so jemanden zu mir kommen. Dem kann ich dann auch in der Praxis zeigen, dass es eben doch sehr spannend ist. Wir haben hier ja auch einen Volontär. Der ist wirklich ziemlich digitalaffin. Der ist nicht das, was man sich unter klassischem Lokaljournalisten-Nachwuchs vorstellen würde. Und ich habe das Gefühl, dass man den für die Idee begeistern kann, hier Journalismus zu machen. Wenn die dann erst mal merken, dass es hier sehr viel mehr gibt als Schützenverein…

Man muss ihnen erst mal zeigen, was das eigentlich alles sein kann und wie spannend das ist. Aber du siehst, ich bin vollkommen begeistert von dem, was ich mache. Das ist der Punkt. Diese Begeisterung ist ein ganz großer Faktor . Da habe ich auch in vielen Lokalredaktionen hin und wieder mal den Eindruck, dass es da mit der Leidenschaft und Begeisterung und Hingabe nicht so weit her ist.

Und dann diese Wichtigkeit aus sich selbst heraus. Die haben wir eben nicht mehr, sondern wir sind nur dann wichtig, wenn die Rezipienten das, was wir machen, wichtig finden. Wir sind nicht aus uns selbst heraus wichtig. Das ist ein Punkt, den man verstehen muss, das ist in manchen Redaktionen noch ein bisschen unterentwickelt. Gerade bei älteren Kollegen – das muss ich leider so sagen. Mir wird immer gesagt, wir haben das Gefühl, du hast etwas gegen ältere Kollegen. Habe ich aber nicht. Es gibt auch tolle ältere Kollegen. Aber im Durchschnitt sind die älteren Kollegen die, die da ein bisschen behäbiger sind und bei denen ich die Leidenschaft durchaus manchmal vermisse. Ohne diese Leidenschaft geht es einfach nicht. Und diese besagten Kollegen haben oft den Eindruck: Wir sind ja wichtig, wir sind ja hier die Zeitung.

Du gehst 2018 zum “Mindener Tageblatt” und wirst dort als Chefredakteur Nachfolger von Christoph Pepper. Und du sollst diese Zeitung zukunftsfähig machen. Du hast vorhin viel von Relevanz gesprochen. Aber kann eine Zeitung nur durch Relevanz überleben im Zeitalter der Digitalisierung?

Für mich spielt das Thema Digitalisierung keine so gewaltige Rolle. Für mich geht es mehr um die journalistischen Inhalte als um die Form. Manchmal geht für mich die Diskussion zu sehr in die Richtung: Machen wir jetzt eine App oder wie sind die Bezahlmodelle? Für mich geht es nicht um solche Schlagworte wie Digitalisierung, digitale Transformation und wie man das sonst noch nennen mag. Sondern darum, Journalismus da zu machen, wo die Leute ihn wahrnehmen können und wo sie ihn rezipieren können. Wir müssen ganz einfach da sein, wo die Leute sind und das machen, was alle Leute  machen. Ich fände es ziemlich merkwürdig, wenn bei jeder Kindergarten-Feier die Eltern Videos machen und wir tun das nicht.

Die Frage nach dem Warum beantwortet sich vielleicht ein Stück weit auch dadurch, dass es in vielen Lokalredaktionen die Ressourcen für ein solches Arbeiten gar nicht gibt…

Warum sollen die Ressourcen nicht da sein? Ich meine, man muss die Redaktion durch bestimmte Strukturen natürlich befähigen das zu tun. Aber dann sind die Ressourcen auch da.

Was ich momentan sehr oft höre: Wir sind personell hart am Rand und haben kaum geeignetes Equipment – wie und womit sollen wir das denn noch machen?

Also, ich habe mir die Redaktion, in die ich wechsle, gut ausgesucht. Ich denke, dass die Redaktion sehr gut aufgestellt ist und dass der Verlag dort eben nicht diesen Kurs fährt, dass man die personelle Besetzung immer weiter runterfährt und von den Leuten immer mehr erwartet. Das kann nicht funktionieren, das ist überhaupt keine Frage. Und natürlich gibt es auch die Redaktion, in der drei Leute sitzen und die sollen acht Seiten machen und all das, was wir gerade genannt haben. Das geht natürlich nicht. Bei so einer Zeitung würde ich auch nicht arbeiten wollen. Immer dann, wenn ich solche Strukturen irgendwo entdeckt habe, habe ich gesagt: So geht es nicht, dann gehe ich im Zweifel lieber weg.

Für mich ist das keine gute Alternative zu sagen: Wir wissen es nicht, wo die Reise hingeht, also gehen wir auf den Friedhof und sterben.

 

Was mich immer wieder wundert: Warum muss man das immer noch und immer wieder sagen, dass man mit Personalabbau, schlechter Infrastruktur und schlecht ausgebildeten Leuten keine Zukunft hat?

Darfst du mich nicht fragen. Ich finde, das ist eine ziemlich absurde Geschichte und da bin ich wirklich der Letzte, der die Frage beantworten kann. Das konnte ich mir noch nie erklären und das ist eine Bankrotterklärung jedes Verlegers, wenn er meint, so agieren zu können. Punkt.

Kann es denn sein, dass es auch Verleger mit der Auffassung gibt, sie seien schlichtweg Zeitungsverleger und haben von diesem ganzen digitalen Kram nicht allzu viel Ahnung. Deshalb betreibt er sein Geschäft, solange es geht. Und wenn es vorbei ist, ist es eben vorbei…

Kann schon sein. Aber mit der Haltung kommen im Moment auch nicht weiter. Ich meine, es ist ja nicht ganz falsch. Natürlich wissen wir noch nicht so richtig, welche Erlösmodelle es geben wird und wie die Monetarisierungs-Prozesse am Ende genau aussehen können. Aber das hilft ja am Ende alles nichts. Für mich ist das keine Alternative zu sagen: Wir wissen es nicht, wo die Reise hingeht, also gehen wir auf den Friedhof und sterben.

Nein, ganz bestimmt nicht. Aber es ist ja es ist ja doch zumindest auch verständlich, wenn eine gedruckte Zeitung zur Mediennutzung junger User einfach nicht mehr dazu gehört…

 

Wenn ich die Zeitungen sehe, die anfangen mit irgendwelchen Zeug von irgendwo auf der Welt, dann schnalle ich schon ab.

Ja, natürlich. Aber ich habe ein aktuelles Beispiel, das war für mich beeindruckend. Wir hatten hier eine Abi-Party, die ist total aus dem Ruder gelaufen. Das waren wirklich wilde Verhältnisse: sexuelle Belästigung, Drogenkonsum, alles war möglich. War in einer Diskothek, Türsteher gab es nicht, Security auch nicht. Also, eine heftige Party in allen schönen und auch unschönen Schattierungen. Das haben wir natürlich zügig mitbekommen. Wir haben nämlich sehr wohl auch einen Austausch mit den jüngeren Leuten. Wir haben dann angefangen zu recherchieren, wie diese Party gelaufen und was da schief gelaufen ist. Das Thema ist natürlich durch die Decke gegangen. Diesen Beitrag haben noch an dem Abend, als er veröffentlicht wurde, also viele Stunden, bevor er in der Zeitung erschienen ist, online 30 Leute gekauft. Das ist für uns ein unheimlich hoher Wert. Insofern glaube ich eben auch an eine journalistische Zukunft, wenn man die Leute da abholt, wo sie stehen und in ihre Wirklichkeit hinein spricht.

Es gibt also reichlich interessante lokale Inhalte und du gehst sogar weit zu sagen, dass die Leute sogar dafür bezahlen. Müsste man da nicht im nächsten Schritt auch die Struktur der gedruckten Zeitung massiv verändern? Meine Wahrnehmung ist immer noch bei 90 Prozent der Tageszeitungen, dass erst mal ein mehr oder weniger bemühter Mantel kommt und dann irgendwann mal ein wenig inspirierter Lokalteil…

Schon falsch, genau. Aber es machen tatsächlich immer noch 90 Prozent so, das ist für mich unerklärlich. Wir haben so eine Tradition, dass das Lokale schon sehr lange vorne steht und in Minden habe ich mir jetzt einen Verlag gesucht, bei dem das auch so ist. Wenn ich die Zeitungen sehe, die anfangen mit irgendwelchen Zeug von irgendwo auf der Welt, dann schnalle ich schon ab. Das ist für mich absolut zum Scheitern verurteilt. Das ist eine Idee, die aus meiner Sicht überhaupt nicht funktionieren kann. Das fängt schon auf der Titelseite an. Für mich ist ganz klar die Titelseite lokal. Die ersten Seiten auch und dann vielleicht noch ein Mantel dran. Aber ich glaube sogar, dass der auch irgendwann in ein paar Jahren mal wegfallen wird.

Aber könnte es sein – nur mal theoretisch angenommen – dass man auf ein jüngeres Publikum generell mit einer gedruckten Zeitung nicht mehr erreichen kann? Einfach deswegen, weil sie gedruckt ist und weil die kein Papier mehr in die Hand nehmen wollen? Wäre es nicht einfach pragmatisch und auch vernünftig zu sagen: Ich werde an der gedruckten Zeitung nicht mehr wahnsinnig viel ändern, weil sie nicht mehr meine Zukunft ist? Stattdessen investiere ich meine Energie ins Digitale…

Ja und nein. Ich sehe es nicht ganz so. Das liegt vielleicht auch an meiner eigenen Mediennutzung. Ich trenne da nicht so stark zwischen den Kanälen. Ich lese auch gerne eine gut gemachte, aufgeräumte und optisch vielleicht auch halbwegs ansprechende Zeitung. Insofern finde ich nicht, dass man so stark trennen kann. Wir müssen es irgendwie schaffen, beide Dinge liebevoll im Blick zu behalten. Wir haben beispielsweise vor einem halben Jahr unsere Zeitung nochmal ganz neu aufgestellt. Das war ein großer Aufwand, von dem ich aber trotzdem glaube, dass es sich gelohnt hat. Ich war überrascht, dass die negative Resonanz auf diese Veränderungen ausgeblieben ist. Deshalb weiß ich nicht so genau, ob es wirklich stimmt, dass man Zeitungslesern gar nichts zumuten kann. Da waren meine Erfahrungen zuletzt jedenfalls ganz andere.

Ich hab mal irgendwo gelesen, ein guter Podcast ist nicht länger als ein Inlandsflug – und wir haben schon über eine halbe Stunde…

Ach, das sind aber auch solche Schlagworte, das glaube ich alles nicht. Ich glaube, wir müssen ausbrechen aus all diesen Schemata. Ich glaube die Realität sieht da manchmal ganz anders aus. Wir haben im Lokalen auch oft gesagt: Der Text darf aber höchstens 100 Zeilen lang sein, sonst liest das keiner. Aber das ist totaler Unsinn. Die Realität zeigt, ein Text kann auch 500 Zeilen lang sein. Wenn das ein gutes Thema ist, dann wird das überdurchschnittlich gut gelesen. Da müssen wir in ganz vielen Punkten auch als etablierte Medien herauskommen aus diesem immer gleichen Trott und müssen mal endlich anfangen, wieder die Leute auf verschiedene Ebenen zu überraschen.

Du sagst so viele Sachen, bei denen wahrscheinlich erst mal ganz viele Leute mit einem Kopfnicken da sitzen und sagen: Jawoll, Recht hat er! Aber besteht nicht die Gefahr, dass es bei so etwas immer bei der Theorie bleibt? Du kennst ja dieses “Man-müsste-eigentlich”-Paradox…

Der ernstgemeinte Anspruch muss erst mal da sein und natürlich müssen wir das dann jeden Tag neu mit Leben füllen. Und natürlich müssen wir uns immer wieder Gedanken Machen, wie wir das dann wirklich umsetzen können. Davon erfüllt sich ja ohnehin immer nur ein gewisser Prozentsatz. Ich bin immer unzufrieden mit meiner eigenen Arbeit. Am Ende scheitere ich immer an meinen Ansprüchen. Aber das darf keine Entmutigung sein.

Dann lass uns in realistischen Zeiträumen denken. Wenn wir uns am Ende des Jahres 2018 wieder unterhalten würden – wo stünde dann das “Mindener Tageblatt”?

Ach, das weiß ich nicht, wo wir da stehen. Da will ich auch keine Prognosen abgeben. Aber viele Dinge sind nach einem halben Jahr bestimmt noch gar nicht passiert und dann habe ich mir erst mal einen Überblick verschafft über die Dinge, die dann im Jahr 2019 passieren müssen. Es ist eine enttäuschende Antwort für dich, aber es tut mir leid, die muss ich geben.

Ich lese momentan wieder mit großer Belustigung die ganzen Jahresprognosen für die kommenden Trends. Das ist ziemlich austauschbar und jedes Jahr kommt irgendjemand und sagt: Wenn ihr das und das nicht macht, werdet ihr nicht überleben können…

Ich versuche immer zweigeteilt zu leben. Meine Kinder haben mir beigebracht, ganz im Moment zu sein. Das halte ich auch im Journalismus für eine unheimlich wichtige Fähigkeit nicht immer weiter zu denken. Ich habe keine Ahnung, was wir in zwei Jahren machen. Wir können ja erst mal nachdenken, was wir heute machen. Also ganz im Moment zu sein und hier unsere Arbeit zu machen und die gut zu finden oder nicht gut zu finden aber leidenschaftlich bei der Arbeit zu sein und Spaß zu haben. Das finde ich manchmal besser, als wenn man immer schon versucht vorzupreschen in eine Zukunft, die sich nach zwei Jahren schon wieder selbst überholt hat und sich zu versuchen in Zukunftsprognosen, die dann am Ende dann eh nicht eintreffen. Auf der anderen Seite ist natürlich auch wichtig, in Strukturen zu denken und auch nach vorne zu denken. Wenn ich als Chefredakteur sagen würde, ich lebe immer nur im Moment, dann wäre das wahrscheinlich auch ein bisschen beängstigend.

(Hinweis: Dieses Interview wurde aus Gründen der Lesbarkeit redigiert und gekürzt. Das gesamte Gespräch ist a Anfang des Textes als Audiodatei verfügbar.)

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