Social Media 6. September 2015

Der Scheinriese Twitter

by Christian Jakubetz

Wie groß ist eigentlich dieses Twitter? Im täglichen journalistischen Geschäft stellt man sich diese Frage nur noch selten, weil man ja eh bei Twitter ist – und weil man wie selbstverständlich davon ausgeht, dass viele andere das auch sind. Dabei könnte es durchaus sein, dass Medienschaffende dort weitgehend unter sich sind…

twitterSchaut man sich die Social-Media-Buttons beispielsweise auf deutschen Nachrichtenseiten an, dann sind Facebook und Twitter Standard, alles andere eine nette Zugabe. Dass es um Facebook keine Debatten gibt, ist nachvollziehbar angesichts von über einer Milliarde Nutzern weltweit. Twitter wird zwar, zumindest unter Medienmenschen, gerne in einem Atemzug genannt. Mt der tatsächlichen Bedeutung des Netzwerks hat das aber nach neuen Zahlen nicht sehr viel zu tun.

Diese Zahlen, erhoben von „Scoopio“,  gehen nämlich von ernüchternden Werten für Deutschland aus. Demnach ist Twitter so etwas wie ein „Scheinriese“, jene Fantasiefigur, die von weitem aussieht wie ein Riese und immer kleiner wird, je näher man ihm kommt. Demnach gibt es in Deutschland lediglich drei Millionen Twitter-Accounts. Das ist – gemessen an den Zahlen von Facebook – verschwindend wenig und weit entfernt von der Bedeutung, die dem Dienst in der medialen Öffentlichkeit immer wieder zugeschrieben wird.

Besteht Twitter nur aus ein paar Hunderttausend Medienmachern?

Noch frappierender ist eine zweite Zahl. Demnach nämlich sind nur knapp 30 Prozent dieser Accounts auch wirklich  aktiv, insgesamt rund 900.000. Wobei der Begriff „aktiv“ sehr großzügig ausgelegt ist. Um als „aktiv“ zu gelten, muss ein Account lediglich einen Tweet innerhalb von 90 Tagen absetzen. Würde man Aktivität strenger defineren, käme Twitter in Deutschland gerade mal auf ein paar hunderttausend Nutzer. Nicht sehr viel für einen Dienst, der in der digitalen Journalistenwelt gerne mal als mehr oder weniger unverzichtbar dargestellt wird…

Und weiter geht es mit solchen Zahlen: Die überwiegende Mehrheit der deutschen Accounts weist eine Followerzahl von weniger als 50 auf. Accounts mit mehr als 10.000 Followern sind eine klare Minderheit. Durchschnittlich bringt es ein deutscher Twitter-Account auf 590 Follower.

Woher kommt aber dann diese vergleichsweise hohe Bedeutung, die ausgerechnet die Medienbranche Twitter zuschreibt? Vermutlich daher, dass sich die Branche dort trifft: Über die Hälfte der deutschen Twitter-Nutzer haben sich im weitesten Sinne Medienthemen zu ihrer Devise gemacht. Ein ziemlich klarer Fall von Filter Bubble – der es ziemlich egal ist, dass die Bedeutung von Twitter bei den digitalen Nomalos mit der gefühlten Bedeutung in der Medienbubble nicht sehr viel zu tun hat. In diesem kleinen Kreis allerdings ist Twitter wohl wirklich so was wie unverzichtbar…

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