Medienwandel 23. August 2015

Die Welt, ein Messenger…

by Christian Jakubetz

Der Messenger ist das neue Netzwerk. Mit dem Unterschied, dass User dort für journalistische Inhalte noch schwerer zu erreichen sind. Und zudem bei hohem Aufwand vergleichsweise geringe Reichweiten erzielt werden. Stellt sich also mal wieder die Grundsatzfrage: Was machen im Zeitalter von WhatsApp und Snapchat?

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Die Karawane zieht weiter. Kaum hat man sich an den Gedanken einigermaßen gewöhnt, dass Journalismus selbstverständlich auch in den sozialen Netzwerken stattfinden muss, stellt sich jetzt schon wieder eine andere Frage: Erreichen Nachrichten künftig am ehesten ihre Empfänger, wenn man sie direkt in ihre unmittelbaren Kommunikationskanäle sendet? Zumindest für ein jüngeres Publikum ist das ein realistisches Szenario. Nicht nur, dass Messenger wie „WhatsApp“ inzwischen zum selbstverständlichen Standard auf Abermillionen Smartphones gehört. Vor allem jüngere Nutzer konsumieren dort auch Nachrichten. Auf eine andere Art, wie wir das bisher vielleicht gewohnt waren, aber dennoch: Information hat auch in solchen ursprünglich als private Kommunikation gedachten Kanälen ihren Platz. Warum auch nicht? Als noch die gute alte SMS das wichtigste Kommunikations-Tool war, versuchten ja auch damals schon nicht ganz wenige Redaktionen, dort ihren Platz zu finden. Im übrigen nicht mal unerfolgreich…

pope-visit-700x1245Ein Blick (mal wieder) in die USA zeigt, dass sich dieser Trend weiter verstärkt. Erst einmal die nackten Zahlen: 36 Prozent aller dortigen User nutzen dort inzwischen diverse Messenger-Apps. 17 Prozent nutzen sogar solche, die ihre Mitteilungen irgendwann selbständig wieder löschen (in erster Linie: Snapchat).

Bei den Usern im Alter zwischen 18 und 29 Jahren sind die Anteile noch größer: Dort nutzen inzwischen 49 Prozent Messenger-Apps, 41 Prozent solche Apps wie „Snapchat“. Auch bei den Usern jenseits der 50 haben zumindest in den USA Messenger inzwischen eine ausgesprochen hohe Akzeptanz; immerhin hat rund ein Viertel der Menschen in diesem Alter dort einen Messenger am Handy installiert.

Kein Wunder also, dass mittlerweile allerorten getestet wird. Von der „New York Times“ bis zur deutschen Regionalzeitung, von der BBC über das Schweizer Fernsehen bis hin zum Bayerischen Rundfunk: Man will wissen, ob und wie man Menschen am besten mit Nachrichten für das Handy erreicht. Und wie könnte das anders und besser gehen als mit Ausprobieren?

Was dafür spricht

Und natürlich gibt es eine ganze Reihe von Gründen, die dafür sprechen, dass daraus etwas werden könnte. In erster Linie einer, den man schon vor einigen Jahren ins Feld führte, als sich die Frage stellte, ob man tatsächlich Journalismus auch in sozialen Netzwerken betreiben könne: Man müsse dorthin, wo die Menschen seien, hieß es damals. Das Argument hat nichts an Bedeutung verloren. Wenn weltweit hunderte Millionen Menschen Messenger nutzen, wie könnte man dieses Tool dann ernsthaft ignorieren?

Davon abgesehen: Das Netz wird tatsächlich zunehmend individueller, aber auch ichbezogener, linearer und selbstreferentieller, wie der „Tagesspiegel“ in Berlin unlängst schrieb. Ist es da nicht naheliegend, dass auch Nachrichten individualisierterer, on demand und in eher privaten Bereichen konsumiert werden? Oder andersrum und durchaus provokant gefragt: Ist die Zukunft der Medien nicht viel eher in vergleichsweise kleinen Peergroups als in Angeboten zu suchen, die für jeden so ein bisschen was bieten? Ist nicht nur die Zeitung überholt, sondern auch die Idee einer Homepage? Bezieht jeder künftig einfach das was er will in individualisierten Tools, zu denen eben auch Messenger gehören?

Was dagegen spricht

Auf der anderen Seite: Der Mensch dreht sich ja nicht nur um sich selbst und Journalismus in kleinen Häppchen ohne jeglichen Kontext macht auch nur eingeschränkt Spaß. Um zu verstehen, wie sich die Welt gerade dreht, braucht es als schon etwas mehr als nur ein paar Nachrichten im Messenger. Ganz davon abgesehen, dass Journalismus nach wie vor von seiner Glaubwürdigkeit lebt und von den Marken und Namen, durch die eine solche Glabwürdigkeit erst entsteht.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen: der Wunsch nach Privatheit. Auf wenige Dinge reagiert der Mensch so sensibel wie auf ein Eindringen in seine Privatsphäre. Das erklärt auch die Behutsamkeit, mit der viele Redaktionen ihre Messenger-Dienste anbieten. Weil man weiß: Die Gefahr, den Nutzer zu nerven, ist nirgendwo so groß wie in einem privaten Kommunikationskanal auf dem Smartphone. Möglicherweise war das schon zu SMS-Zeiten ein Grund dafür, dass sich dieser Kanal als Plattform für Journalismus ne wirklich durchgesetzt hat. Davon abgesehen, dass ein paar Textfragmente ja auch nicht sonderlich attraktiv sind und nur eingeschränkte Darstellungsmöglichkeiten bieten. Auch das übrigens eine Gemeinsamkeit von SMS und Messengern der digitalen Neuzeit.

Die Welt zersplittert weiter

Es spricht angesichts dieser Faktenlage einiges dafür, dass es bei dieser Frage keine eindeutige Antwort geben kann. Vielmehr deutet einiges darauf hin, dass ein Grunddilemma von Medien auch bei diesem Thema zu entdecken ist: Man muss immer mehr Angebote für immer kleinere Zielgruppen erstellen. Messenger komplett auszusperren ist angesichts der rasanten Entwicklung bei diesem Thema vermutlich Mittlers kaum machbar. Auf der anderen Seite besteht die reale Gefahr, dass man mit vergleichsweise hohem Aufwand gerade mal ein paar hundert Leute mit Inhalten versorgt. Zahlen, die angesichts dessen, was Massenmedien sonst erreichen, ein wenig albern wirken.

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