Medienwandel 10. Mai 2015

Die digitalen Alleskönner

by Christian Jakubetz

Journalismus wird (bewegt)bildlastiger und immer weniger nach klassischen Gattungen unterscheidbar. Im Gegenteil: Zunehmend mehr machen alle alles. Und vor allem: immer mobiler und immer öfter in sozialen Netzwerken. Eine re:publica-beeiflusste Bestandsaufnahme des Journalismus im Frühjahr 2015.

Immer und überall: Der Journalismus hat sich endgültig von klassischen Büros und Schreibtischen gelöst. (Foto: Jakubetz)
Immer und überall: Der Journalismus hat sich endgültig von klassischen Büros und Schreibtischen gelöst. (Foto: Jakubetz)

Wenn man sich die Videos mit dem Suchbegriff „rp15“ auf YouTube ansieht, stellt man eine verblüffende Diskrepanz fest. Da gibt es zum einen die hochprofessionell aufgezeichneten Videos, die mit schwerem Gerät und in TV-Optik Vorträge und offizielle Events aufzeichneten. Und dann gibt es die mittlerweile zahllosen anderen. Die, die kleinen, mobilen Geräten inzwischen von überall Videos machen, die zumindest für einen Zweck den großen Kameras weit voraus sind: Man kann inzwischen in Minutenschnelle vergleichsweise hochwertiges Bewegtbild erstellen und auch sofort publizieren. Eine Art „social Video“, das naturgemäß ganz anderen Ansprüchen und Ideen folgt als das, das sich immer noch in Anmutung und Produktion am Fernsehen orientiert.

Schnell mal ein Interview hier, ein kurzer Überblick mit Schnittbildern: Mobile Reporting mit Smartphone-Kameras dürfte in de nächsten Jahren zunehmend mehr Bestandteil des journalistischen Alltags werden.  Die Kollegen von „WeltN24“ haben das im Übrigen auf der rp15 mit einem eigenen Beitrag aufgearbeitet.

Eine andere Zahl belegt ebenfalls, mit welchem Phänomen wir es zu tun haben: Während der drei Tage in Berlin hatten die rund 7000 Besucher knapp 10.000 Geräte in das WLAN der re:public eingeloggt. Man darf zweifelsohne davon ausgehen, dass die allermeisten davon über eine Kamera und zumindest einfache Apps zur Foto- und Bildbearbeitung sowie die Möglichkeiten zur Aufzeichnung und Bearbeitung von Audios verfügten. Kurz gesagt: 10.000 mobile Reportergeräte, zumindest potentiell. Wenn man sich dann noch umschaut auf einer solchen Veranstaltung, dann steht man schnell fest: Fast alle machen in irgendeiner Form auch Gebrauch davon.

 

Zeitungen und Bewegtbild

Die Debatte gibt es ja schon länger: Wer macht als Medium jetzt eigentlich was? Die Antwort, grob zugespitzt, lautet: Schon jetzt machen irgendwie alle alles. Auch auf der re:publica wurde das mal wieder deutlich, wenn auch in einer Form, die es bisher noch nicht so zu bestaunen gab: Verlage machen große Bewegtbild-Projekte. Das reicht vom ganzen Sender, den man sich ins Portfolio holt (Welt/N24) bis hin zu dem überall zu beobachtenden Gedanken, die Darstellungsform Bewegtbild zu einem festen Bestandteil des journalistischen Alltags zu machen. Kurz gesagt: Ohne Videos kommt eigentlich fast niemand mehr aus.

Das bedeutet aber auch: Vermeintliche Print-Jouralisten müssen sich mit diesem Medium auseinandersetzen. Sie müssen begreifen, wie es technisch und inhaltlich funktioniert. Sie müssen sich aber genau so überlegen, in welchen Situationen und in welchem Kontext es wie einzusetzen ist.

Der Weg geht allerdings genauso umgekehrt: Natürlich müssen auch TV und Radio einen Weg in die digitale Welt finden, in der in erster Linie der Inhalt zählt. Wenn sich irgendwann in vermutlich absehbarer Zeit alle Anbieter auf dem Smartphone wieder sehen und dort um User buhlen, dann müssen sie auch alles anbieten, was auf einem solche Gerät von Interesse ist. Dass der digitale Native noch die strikte Unterscheidung zwischen Presse, Radio und TV macht, darf man getrost ausschließen.

Strategien für eine „soziale“ Welt

Noch so eine beispielhafte Erkenntnis auf der re:publica: Wenn ma mit Inhalten jemanden erreichen will, dann muss das auf mobilen sozialen Kanälen zuerst geschehen. Es spricht natürlich nichts dagegen, auch weiterhin seine eigene Marke konsequent zu pflegen und auf so etwas vermeintlich Antiquiertes wie eine Webseite zu setzen. Trotzdem: Den Kampf um die Position als wichtigster, schnellster und allgemein akzeptierter Nachrichtenkanal haben die klassischen Medien gegen die sozialen Netzwerke bis auf weiteres verloren.

Nicht nur die Beobachtungen auf der extrem digital-affinen re:publica zeigen das, auch alle Zahlen und Entwicklungen der letzten zwei Jahre zeigen überdeutlich auf, wohin die Reise gehen wird: 54 Prozent aller Deutschen waren im vergangenen Jahr mobil im Netz unterwegs. Fast 80 Prozent aller Jugendlichen zwischen 12 und 18 besitzen inzwischen ein Smartphone – das Telefon dürfte dabei aber die am wenigsten genutzte Funktion sein.

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