Medienwandel 17. April 2015

Auf der Suche nach dem neuen Journalismus

by Christian Jakubetz

Wenn man über digitalen Journalismus der Gegenwart spricht, dann wird eines schell klar: die Unklarheit, wenn es um neue, digitale Erzählformen geht. Zumindest so viel scheint ja festzustehen: Auch wenn die klassischen Disziplinen des Journalismus in der digitalen Neuzeit Bestand haben, die eigentlich spannende Aufgabe dürfte es sein, neue Erzählformen zu finden. Solche, die dem „neuen“ Medium gerecht werden, die seine Stärken konsequent nutzen und die auch den neuen Gewohnheiten und Rezeptionsformen der Nutzer gerecht werden. Kurz gesagt: Es geht nicht einfach um eine Transaktion von Inhalten. Gesucht wird nicht weniger als ein neues digitales Narrativ.

Vom Smartphone für Smartphones: Journalismus nimmt gerade völlig neue Formen an.
Vom Smartphone für Smartphones: Journalismus nimmt gerade völlig neue Formen an.

 

Von dem weiß man bisher nicht sehr viel. Man ahnt, dass es mehr und anders sei muss als eine Umwandlung bestehender analoger Formate. Man ahnt, dass es nicht mehr einfach nur Artikel und Beiträge sein werden, mit denen wir als Journalisten unsere Geschichten erzählen. Storytelling im Zeitalter des Netzes, das sind eben auch Tweets, Vines, Messenger und direkte Interaktion.

Aber ist das schon alles? Und ergibt die Summe der vielen Teile auch tatsächlich ein stimmiges, digitales Ganzes?

Video: Die neuen Formen des Bewegtbilds

Noch bis vor kurzem schien die Sache beim Thema Videos klar: Bewegtbilder kann man jetzt auch im Netz machen, sie sollten anders aussehen als klassisches TV und selbst mit dem Handy kann man jetzt eine sehr ordentliche Qualität erzielen.

Doch inzwischen haben sich andere Formen des Bewegtbilds durchgesetzt. Solche, deren wichtigtes Wesensmerkmal es ist, dass dort nichts mehr geschnitten wird. Aus zwei Gründen: Zum einen sind 6- oder 15-Sekünder zu kurz, um dort etwas zu schneiden. Und zum anderen, weil es bei diesen Formen des Bewegtbilds ausdrücklich nicht um das geht, was Fernsehen und gebaute Beiträge häufig sind: inszenierte Realitäten. Nicht gefaked, aber eben doch: inszeniert. Jeder, der schon mal einen Beitrag gebaut hat, weiß dass das, was auf den Außenstehenden möglichst lässig und natürlich wirken soll, tatsächlich natürlich das Ergebnis von Inszenierung ist. Jedes “Schnittbild” ist streng genommen eine Inszenierung (den meisten sieht man das übrigens auch sofort an).

Dagegen das: 6 Sekunden bei Vine. 15 Sekunden bei Instagram, 30 bei Twitter. Oder gleich Livestreams via Periscope und Meerkat. Aufnahmen, die entweder aus dem Moment heraus entstehen oder wenigstens einen Moment abbilden und dann, zumindest im Fall des Livestreamings, auch gleich wieder weg sind. Verschwunden, irgendwo in der digitalen Unendlichkeit.

Man kann vermutlich lange darüber debattieren, ob das nun richtiger Journalismus ist. Unbestritten ist, dass es sich dabei speziell für ein jüngeres und digitales Publikum um Inhaltsformen handelt, die es schon lange als selbstverständlich wahrnimmt und entsprechend nutzt.

Bewegte Bilder bekommen also gerade einen neuen Kontext. Als ein etwas besseres Foto beispielsweise. Als Beleg für einen Moment – als eine “Momentaufnahme” im wahrsten Sinne des Wortes also. Oder als eingebettetes Zitat, als ein visueller Verstärker in einem Textstück oder einer Multimedia-Reportage.

Und noch etwas spielt dabei speziell für Journalisten eine Rolle: Video, das ehemals so aufwändige und schwer zu erstellende Medium, ist zu einem Allerweltsding geworden. Zu etwas, was jeder erstellen kann, der auch nur über vergleichsweise minimales Equipment und rudimentäre handwerkliche Fähigkeiten verfügt.

Die Prognose ist vermutlich nicht gewagt: Videos werden zum digitaljournalistischem Alltag. Und damit zu etwas, was jeder einsetzen kann – und was, zumindest in den beschriebenen Grundzügen, auch jeder Journalist beherrschen sollte. Die spannende Aufgabe wird deshalb nicht sein, dieses Minimal-Handwerk zu erlernen. Sondern Szenarien und Möglichkeiten zu entwickeln, wie diese neue Form des Videos Bestandteil eines digitalen Narrativs werden kann.

Social Storytelling

Ebenso wenig wie man beim Thema Kurz-Videos sofort an Journalismus denkt, macht man das auch beim Thema “Social Media”.  In der Praxis ist das für viel immer noch der Kanal, auf dem man Hinweise auf die eigenen Geschichten postet oder sich auf launige Unterhaltungen mit seinen Usern einlässt. Nicht ganz umsonst spricht man immer noch von “Social Media Managern” – den Begriff “Social Media Journalist” verwendet bisher noch niemand.
Dabei sind soziale Netze auf dem besten Weg dazu, die wichtigsten Kanäle für Journalismus zu werden. Weil soziale Netzwerke auch virtuelle Abbilder des täglichen Lebens sind, gehört der Journalismus als fester Bestandteil dazu. Und natürlich auch aus einer ganzen Reihe anderer, sehr praktischer Gründe. Wie beispielsweise dem, dass zunehmend mehr Nutzer morgens auf dem Smartphone als allererstes soziale Netzwerke ansteuern. Und das keineswegs nur, um zu sehen, welcher ihrer Freunde gerade Party oder Urlaub macht. Sondern auch, um zu wissen, was auf der Welt los ist.

Smartphone-Journalismus

Zoé Barnes war eine ungewöhnliche Jounalistin. Nicht nur, dass sie buchstäblich mit vollem Körpereinsatz versucht hat, an Informationen und den Abgeordneten Frank Underwood heranzukommen. Sondern auch, weil sie ihren Journalismus zu einem beträchtlichen Teil vom Smartphone aus gemacht hat. Zoé Barnes war ständig on und hat sich immer den Kanal gesucht, der gerade der richtige war. Sie definierte sich über die Geschichten, die sie erzählte und nicht über den Kanal oder das Medium.

Zoé Barnes war leider nur eine fiktive Figur in der Serie “House of Cards”.  Und eigentlich ging es bei ihrer Person in erster Linie auch um andere Dinge. Trotzdem: Die Jung-Journalistin aus der US-Serie ist auch der Prototyp dafür, wie Journalismus in den nächsten Jahren zunehmend funktionieren könnte. Ein Journalismus, der sich durch mehrere Eigenschaften auszeichnet. Er ist schnell. Mobil. Beinahe in Echtzeit, transmedial und vielkanalig. Und: Er wird zunehmend mehr auf dem Gerät produziert, auf dem er auch konsumiert wird.  Wer in dem Smartphone das Gerät sieht, um das sich sowohl beim Konsum als auch bei der Produktion von Medien vieles drehen wird, der liegt mit dieser Einschätzung sicher nicht ganz falsch.

Das bedeutet auch, dass man sich womöglich verabschieden muss von ein paar liebgewonnenen Gewohnheiten. Dass man Nutzer in möglichst vielen und exakt aufgedröselten Rubriken exakt gewichtete und ausgewählte Neuigkeiten präsentieren muss, könnte dazu gehören. Wenn soziale Netzwerke eines bewirkt haben, dann auch das: Nachrichten und Inhalte sind mehr und mehr zu einem Stream geworden, der sich 24 Stunden am Tag bewegt. In den man eintaucht und sich das heraus sucht, was man gerade wissen will (oder was offenbar so interessant ist, dass es gerade von vielen diskutiert wird). Was wiederum nicht bedeutet, dass damit abgeschlossene Medien wie beispielsweise Zeitungen automatisch dem Untergang geweiht sind. Es heißt nur, dass es neben diesen “abgeschlossenen” Formaten zu einer steigenden Bedeutung und einem immer selbstverständlicher werdenden Umgang mit Nachrichten innerhalb eines Streams kommen dürfte.

Comments 3
  • Ich hab das auch fasziniert betrachtet. Wobei auch Underwood und seine Frau virtuos mit ihren Geräten umgehen. (Deren Gebrauch exessiv gesponsert wurde btw.) Ich stimme auch der Tendenz des Beitrags zu. Die Frage ist nur, wie schnell deutsche Journalisten diesen Wandel mit- bzw. nachmachen. Von der Konsumentenseite her hörte ich auf der Facebook-Konferenz für Unternehmer in Hamburg, dass Kurzvideos im Marketing enorme Reichweiten erzielen.

  • Im heutigen Journalismus geht es nur um den Verkauf von Stories, der Journalist ist nichts weiter als ein gewöhnlicher Verkäufer der seine Geschichten in der kapitalistischen Gesellschaft verkauft. Alles wird zu einer Ware, auch kurzes Video. Und dabei bleibt die Wahrheit auf der Strecke. Ich will keine Ware sondern die Realität, und ich lehne den derzeitigen Warenjournalismus ab. Echter Journalismus hat für mich eher etwas mit der politischer Ideen und neuen Enthusiasmus zu tun.

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