Digitales Leben 23. Februar 2015

Mitten im Echtzeit-Leben

by Christian Jakubetz

Kaum passiert – schon online: Die Digitalisierung bietet Journalisten inzwischen die Möglichkeit, nahezu in Echtzeit zu berichten. Das kann im Idealfall richtig gut sein, im schlechteren Fall einfach nur nerven. Erfahrungsberichte hat die dpa in einem Whitepaper zusammengetragen.

kassel live
„Kassel live“: Ein tägliches Echtzeit-Projekt der HNA zeigt, was online im Lokaljournalismus inzwischen alles möglich ist.

 

Wenn man auch noch nicht wirklich viel weiß über die Zukunft des Journalismus – so viel ist dann doch schon sicher: Die ganze Sache ist sehr viel schneller geworden. So schnell, dass man mittlerweile mit gutem Gewissen Begriffe wie „Echtzeitjournalismus“ in den Mund nehmen kann. Dementsprechend gehören Formate wie Live-Blogs oder Live-Ticker zum Repertoire nahezu jeder Online-Redaktion.

Aber: Wann lohnt sich der Einsatz solcher Instrumente überhaupt? Welche Tools gibt es und was goutieren die User überhaupt? Die dpa hat zu diesem Thema ein Whitepaper herausgebracht, das interessante Einblicke gibt. Und das vor allem eines zeigt: Egal, ob bei den großen überregionalen Medien oder bei Regionalzeitungen, an dem Thema kommt niemand mehr so richtig vorbei.

Interessant auch: Das Thema „Echtzeit“ bedarf in manchen Formaten nicht mal mehr eines besonderen Anlass, sondern ist sich selbst genug. Soll heißen:  Einen Tag mit Echtzeit-Tools zu begleiten kann ebenfalls eine Option sein, selbst dann, wenn eigentlich nur Alltag angesagt ist. Die HNA in Kassel arbeitet nunmehr schon seit über eineinhalb Jahren mit einem Projekt namens „Kassel live“. Dabei ist der Name Programm: Auf „kassel-live.de“ findet sich mehr oder weniger alles, was gerade in der Stadt passiert.  Das kann manchmal auch ganz unspekakulär sein, von Staumeldungen bis hin zu kuriosen Fotos aus der Stadt findet sich in diesem Echtzeit-Magazin ungefähr alles, was in einer Stadt wie Kassel eben so passiert.

liveblogs_fertigMt beachtlichem Erfolg, wie HNA-Chefredakteur Horst Seidenfaden in dem dpa-Whitepaper beschreibt. „15.000 Zugriffe täglich, Tendenz steigend“, vermeldet der HNA-Chef. An Spitzentagen werden schon auch mal 30.000 Zugriffe verzeichnet.

Dabei geht es bei einem Projekt wie „Kassel live“ aber gar nicht so sehr um die Zugriffszahlen alleine. Mindestens genauso wichtig: „Kassel live“ zeigt der Redaktion auch, wie man möglicherweise den Lokaljournalismus im Netz weiter entwickeln kann. Und: Mit einem solchen Format erreicht man möglicherweise auch die jungen Zielgruppen wieder eher – speziell die waren den Zeitungen in den letzten 15 Jahren ja zunehmend mehr verloren gegangen.

Erfahrungen mit Ticker und Blog

Aber natürlich überwiegt bei den Echtzeit-Tools immer noch die Berichterstattung, die sich an einem besonderen Ereignis orientiert. Dabei stellt sich aber auch zunehmend eines heraus: besinnungslos und unreflektiert in die Welt gepustete Belanglosigkeiten machen noch keinen guten Ticker oder Blog aus. Im Gegenteil: Auch ein Liveticker erfordert einen guten Vorlauf, eine gute Organisation. Und ein Liveblog lebt eben auch von seinen (guten) Autoren. Joachim Dreykluft, Online-Chefredakteur des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags, bringt bei diesem Thema noch einen anderen, spannenden Aspekt ins Spiel: Eine gute Live-Berichterstattung zeichnet sich demnach nicht nur durch Schnelligkeit aus. Mindestens genauso wichtig ist demnach ein Aspekt, den man bei Live-Sachen eher nicht erwarten würde: Einordnung und Analyse.

Wer was tun muss

Basierend auf den im Whitepaper vorgestellten Projekten hat die dpa fünf Faktoren zusammengefasst, die für eine gute und erfolgreiche Echtzeit-Berichterstattung essentiell sind.  Dazu gehören demnach eine gute Redaktionskultur und ein sinnvolles Auswählen der Anlässe ebenso wie eine funktionierende Technik und ein gezieltes Hinführen der Leser. Denn so viel ist ja nun leider auch sicher: Neben den erwähnten guten Beispielen gibt es auch eine ganze Reihe von Fällen, die dann doch eher abschreckend sind…

 

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