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Wenn man über die Zukunft von Journalismus und Medien nachdenkt, dann stellt sich irgendwann eine Frage zwangsläufig: Wie digital lebt denn das Publikum, das man mit digitalem Journalismus versorgen will? Eine neue Studie zeigt vor allem eines auf: Die Mehrheit in Deutschland ist im Umgang mit dem Netz immer noch nicht das, was Wissenschaftler “souverän” nennen…

Das Netz ist inzwischen Alltag in Deutschland. Der Umgang damit ist aber immer noch erstaunlich unsouverän. (Foto: Gerd Altmann/pixelio.de)

Das Netz ist inzwischen Alltag in Deutschland. Der Umgang damit ist aber immer noch erstaunlich unsouverän. (Foto: Gerd Altmann/pixelio.de)

Die digitale Gesellschaft in Deutschland ist vor allem eines: heterogen. Zu dieser Erkenntnis kommt der D21-Digital-Index 2014. Damit misst die Initiative D21 seit 2013 die Entwicklung des Digitalisierungsgrads der deutschen Bevölkerung – ihren Zugang, ihre Kompetenz, ihre Offenheit sowie ihre Nutzungsvielfalt bezogen auf digitale Medien und das Internet. Der D21-Digital-Index ist eine Weiterentwicklung des (N)ONLINER Atlas (2001-2014) und mit rund 33 000 Befragten die umfangreichste und aussagekräftigste Studie zum Internetnutzungsverhalten der Deutschen.

Heterogen, das bedeutet in Zahlen gemessen: Erst 37 Prozent der Bevölkerung agieren bei der Internetnutzung “digital souverän”. Zwar haben sich der Zugang zum Internet, die Offenheit gegenüber neuen Technologien und die Vielfalt der Internetnutzung im vergangenen Jahr  “leicht verbessert”, wie die Verfasser der Studie schreiben. Dennoch bestünden innerhalb der Gesellschaft immer noch erhebliche Unterschiede in Kenntnissen und Nutzung des digitalen Neulands.

Müsste man das Ergebnis der  Studie zusammenfassen, man müsste sagen: Der Durchschnitts-Deutsche bewegt sich im Netz so durchschnittlich wie schon im Jahr zuvor; signifikante Änderungen gibt es nicht. Dieser Durchschnitts-Deutsche, müsste man ihn denn beschreiben,  steht dem Netz nicht abweisend gegenüber, es ist aber auch nicht gerade sein Lebensinhalt. Insgesamt nähert er sich dem Neuland einigermaßen pragmatisch. Er will es gerne für sich und seinen Alltag nutzen, ansonsten aber gerne von einer intensiveren Nutzung verschont bleiben. In Zahlen gesagt: Auf einer Skala zwischen 0 (totale Ablehnung) und 100 (völlige Euphorie) landet er bei 51 Punkten. Genau der selbe Wert wie im Jahr 2013 übrigens.

 

Die sechs Nutzertypen
Die Typologie der typischen deutschen Internet-Nutzer. (Foto: Initiative D21)

Die Typologie der typischen deutschen Internet-Nutzer. (Foto: Initiative D21)

Dabei teilt die Studie die deutschen Onliner in insgesamt sechs verschiedene Nutzerkategorien ein. Sie reichern vom “außenstehenden Skeptiker” bis hin zum “smarten Mobilisten”. Der Korrektheit halber müsste man noch einen siebten Typus hinzufügen: den Nonliner. Mit insgesamt rund 23 Prozent ist die Kategorie derer, die in Deutschland überhaupt nichts mit dem Netz zu tun haben, immer noch erstaunlich groß. Rechner man dann noch die 26 Prozent der so genannten “außenstehenden Skeptiker” hinzu, dann kommt man immerhin auf einen Anteil von einem guten Drittel an Menschen, die dem Netz ablehnend oder zumindest sehr skeptisch gegenüber stehen. Für die immer noch vorhandene Internet-Skepis der Deutschen spricht auch die Aufteilung der Studie in die ganz großen Kategorien. Mit 63 Prozent gelten fast zwei Drittel der deutschen Internet-Nutzer als “digital wenig erreicht”.

Aus diesen Zahlen lassen sich aber auch für den Journalismus relevante Dinge ablesen. Beispielsweise die Tatsache, dass die aktuellen Debatten über die Medienzukunft auch solche sind, die sich sehr stark an einer digitalen Elite orientieren. Es gilt beispielsweise inzwischen fast als common sense, dass künftige Medienangebote u.a. mobil und responsiv sein müssten. Was inhaltlich bestimmt nicht verkehrt ist, allerdings momentan eben auch nur für einen Bruchteil der deutschen Onliner von wirklicher Relevanz. Wenn gerade mal 6 Prozent der deutschen Onliner momentan als “smarte Mobilsten” gelten, dann kann man sich vorstellen, wir groß aktuell der Anteil der Mediennutzer in Deutschland ist, für die mobile journalism ein wichtiges Thema ist.

Und wenn man denjenigen, die bei der Digitalisierung des Journalismus auf Langsamkeit plädieren, noch ein bisschen argumentative Schützenhilfe leisten will, dann kann man auch das noch ins Feld führen: Die Entwicklung der digitalen Gesellschaft stagniert nahezu. In keinem der wesentlichen Bereiche – also beispielsweise Nutzung, Kompetenz oder Offenheit für digitale Medien – sind im vergangenen Jahr nennenswerte Zuwächse erzielt worden. Im Gegenteil: Ausgerechnet im Bereich der Digital-Kompetenz weist die Studie sogar einen leicht geringeren Wert als 2013 aus. Etwas böse und zugespitzt formuliert: Die Menschen nutzen das Netz zwar inzwischen öfter und mehr, verstehen aber deswegen keineswegs mehr davon. Eher sogar: etwas weniger.

 

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Die digitale Gesellschaft in Deutschland stagniert. Bei den Kompetenzwerten gibt es gegenüber 2013 sogar einen leichten Rückgang zu verzeichnen. (Foto: Initiative D21)

 

 

Der digitale Graben

Unverkennbar ist auch, dass sich die digitale Gesellschaft in Deutschland auch durch einen anderen Begriff treffend beschreiben lässt: Sie ist gespalten. Der digitale Graben ist auch 2014 Realität – und dass er in absehbarer Zeit schmäler werden könnte, ist absolut nicht absehbar. Dabei lassen sich genau genommen sogar zwei Gräben ausmachen. Die sind zwar ebenfalls keine Überraschung mehr, aber auch in diesem Fall tun Medienmacher vermutlich gut daran, sich diese Trends einfach nochmal vor Augen zu führen.

Da ist zum einen der Faktor “Alter”. Man kann über Ursachen philosophieren wie man will, unstrittig ist: Zwischen jüngeren und älteren Nutzer herrscht immer noch ein unübersehbares Gefälle. Die 14–29- Jährigen nutzen das Internet sehr intensiv, insbesondere als Informationsquelle (98 Prozent), als Lieferant für Un- terhaltungsmedien (online Videos ansehen: 92 Prozent) oder für soziale Netzwerke (82 Prozent). 94 Prozent der 30–49 – Jährigen nutzen das Internet ebenfalls als Informationsquelle, gefolgt von online – Einkäufen (72 Prozent) und der reinen Nutzung für Büroarbeiten (68 Prozent). Die Altersgruppe ab 50 nutzt Computer und Internet deutlich weniger häufig, obwohl ein Großteil dieser Gruppe mitten im (Berufs-)Leben steht. Acht von zehn Onlinern ab 50 nutzen das Internet als Informationsquelle, rund die Hälfte kauft im Internet ein und 46 Prozent erledigen klassische Büroarbeiten am Computer.

Soll heißen: Die Routinen aus der analogen Zeit herrschen bei den älteren Onlinern immer noch vor. Selbst dann, wenn man also beispielsweise Journalismus schon lange auf anderen Wegen konsumieren könnte, sind es immer noch alte und offensichtlich lieb gewonnene Gewohnheiten, die diese Altersgruppe davon abhält, auch den Journalismus in digitaleren Aggregatzuständen zu konsumieren.

Bei einem jüngeren Publikum sind ebenfalls schon Routinen entstanden. Nur mit dem Unterschied, dass es sich dabei um digitale Routinen handelt.

Wer also Konzepte und Inhalte für Medien macht, sollte sich über eines im Klaren sein: Auf absehbare Zeit hin wird man eben auch noch analog denen müssen. Weil nicht zu erwarten ist, dass das ältere Publikum seine Gewohnheiten in den kommenden Jahren noch signifikant verändern wird.

Daneben – auch das keine Überraschung – gibt es noch einen zweiten digitalen Graben. Einen, der mit Bildung zu tun hat und sich auf einen Nenner bringen lässt: Je gebildeter die User, desto souveräner sind sie im Umgang mit digitalen Anwendungen.

Speziell die Diskrepanz beim Alter allerdings sollte Medienmacher vor dem (Trug-)Schluss abhalten, man könne sich mit der digitalen Transformation noch ruhig Zeit lassen. Gerade weil dieser Graben so tief ist, lässt sich daraus auch schlussfolgern, dass sich der digitale Wandel von Medien nicht langsam und linear vollziehen wird. Im Gegenteil: Gerade weil jüngere Generationen sehr viel selbstverständlicher mit digitalen Medien umgehen, wird der Bruch sehr viel schneller und radikaler ausfallen, als wie man sich das Stand heute vielleicht vorstellen kann. Schon in wenigen Jahren sind die digital natives die wichtigste und auch zahlenmäßig größte Zielgruppe für Medien, Spätestens bis dahin muss man dann auch Angebote entwickelt haben, die dem gerecht werden.

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