Medienwandel 7. September 2014

Onlinestudie 2014: Was Journalisten daraus lernen können

by Christian Jakubetz

Das Netz stößt bei seiner Nutzung in Deutschland allmählich an seine Wachstumsgrenzen – und verändert sich dennoch rasant weiter. Legt man die Ergebnisse der neuesten ARD/ZDF-Onlinestudie zugrunde, dann bedeutet das für Journalisten vor allem eines: Präsenz im Netz ist längst Standard, mobile Anwendungen sind das nächste große Ding.

Der Trend der Onlinestudie 2014: das mobile Internet. (Foto: Jakubetz)
Der Trend der Onlinestudie 2014: das mobile Internet. (Foto: Jakubetz)

Jedes Jahr hat seine Trends. In den letzten Jahren hat die Onlinestudie immer wieder belegt, dass das Netz generell und multimediale Anwendungen wie Videos stark wachsen. Irgendwann aber endet jedes Wachstum. Inzwischen lässt sich für das Netz feststellen: Die Zahl der Nutzer wird langsamer wachsen – und die Nutzung von Multimedia ist vor allem bei einem jüngeren Publikum Standard. So sehr, dass es sich kaum lohnt, darüber ernsthaft zu diskutieren. Unter den 14-29-Jährigen beispielsweise geben inzwischen 94 Prozent der Befragten an, zumindest gelegentlich Videos im Netz zu nutzen. Unter Auslassung statistischer Präzision könnte man also sagen: Es gibt bei der Generation der 30-Jährigen beinahe niemand mehr, der nicht im Netz in irgendeiner Form Bewegtbild nutzt. Daraus den Schluss zu ziehen, dass Bewegtbild als journalistisches Angebot nahezu unerlässlich ist, ist nicht weniger als zwangsläufig.

Tatsächlich sind das momentane Wachstum im Netz und damit auch die neuen Herausforderungen an Medien eindeutig beim Thema „Mobile“ zu finden. Smartphones und Tablets dominieren inzwischen die Gerätewelt. Das hat zwangsweise auch Auswirkungen auf den Konsum von Inhalten. Genau die Hälfte aller deutschen Onliner nutzen das mobile Netz wenigstens gelegentlich. Wenig überraschend hat sich diese Nutzung bei der Generation der unter 30-Jährigen viel drastischer entwickelt: Hier sind es drei von vier Usern, die wenigstens gelegentlich mobiles Internet nutzen. Noch eindeutiger fallen die Proportionen beim Thema „App-Nutzung“ aus: Deutlich über 80 Prozent geben in dieser Altersgruppe an, Apps zu nutzen. Auch wenn die Bereitschaft, sich neue Apps zu laden, inzwischen spürbar zurückgegangen ist, so ist eines jedenfalls klar: Am Thema Apps führt bis auf weiteres erst einmal kein Weg vorbei.

Klar ist aber auch: Bei aller Beliebtheit des mobilen Internets, das Nutzen von Medien-Inhalten steht dabei nicht im Vordergrund. Smartphones und Tablets sind immer noch in erster Linie Kommunikations- und Servicegeräte, die den Nutzer vor allem durch seinen Alltag begleiten. Auch soziale Netzwerke sind ausgesprochen populär. Der Konsum klassischer journalistischer Geschichten wird nur von 26 Prozent unter die aus ihrer Sicht fünf wichtigsten mobilen Anwendungen gewählt. Woraus man umgekehrt den Schluss ziehen könnte, wie wichtig es ist, auf sozialen Netzwerken gut vertreten zu sein.

Multimedia: Kaum mehr Wachstum- weil schon Standard

Die Debatte wird auch im Jahr 2014 immer noch geführt: Wie viel Multimedia muss ein Journalist heute können? Diese Grundsatzdebatte wird auch nach der neuen Onlinestudie nicht zu Ende sein. Aber zumindest lässt sich eines aus den neuen Zahlen eindeutig herauslesen: Die Nutzung von Multimedia ist im Jahr 2014 auch für den Mainstream im Netz zu einer glatten Selbstverständlichkeit geworden. So paradox es sich anhört, aber vor allem aus der Stagnation der Zahlen lässt sich das heraus lesen. Bei der Nutzung von Audios gibt es derzeit gar keine Bewegung, sie liegt bei 55 Prozent der Befragten, die angeben, Audios im Netz zum indes gelegentlich abzurufen. Dabei spielt eine Darstellungsform, die man vor einigen Jahren noch für einen Hoffnungsträger der Audio-Renaissance gehalten hat, nur eine sehr untergeordnete Rolle: Audio-Podcasts sind eine reine Nische. Sie werden nur von 7 Prozent gelegentlich genutzt. Täglich nutzt sogar nur ein Prozent einen Audio-Podcast.  Natürlich, auch Nischen können eine lukrative Angelegenheit sein. Klar aber scheint zu sein: Zu einem Massenphänomen wird der Audio-Podcast auf absehbare Zeit nicht werden; zumindest in Deutschland nicht. Dafür kann man eine ganze Reihe von Gründen verantwortlich machen; bei „Spiegel Online“ sind unlängst einige sehr plausible aufgezählt worden. Dass dennoch eine vergleichsweise hohe Zahl von Nutzern Audios im Netz abruft, hat also andere Ursachen. Eine davon ist, dass bei der Onlinestudie alles mögliche in die Kategorie „Ausios“ gepackt wird; u.a. auch der Livestream von Radiosendern oder klassisches Musikhören.  Was aber einen Trend klar macht: Streaming ist mittlerweile die bevorzugte Technologie. Mit wachsenden Bandbreiten wird es für User zunehmend uninteressant, sich Dateien auf eine Festplatte zu ziehen.

videonutzung

Diese Entwicklungen lassen sich auch beim Thema Video feststellen. Bei der Nutzung hat es einen leichten Zuwachs gegeben. Im Vergleich zu 2013 ist die „gelegentliche“ Nutzung von Video um einen Prozentpunkt von 74 auf 75 Prozent angestiegen. Allerdings gilt auch hier: In die Kategorie Video ist bei der Studie alles hineingepackt worden, was mit Bewegtbild zu tun hat. Im Gegensatz zum Thema Audio ist hier jedoch nicht das Live-Streaming von Sendern der Wachstumstreiber Nummer eins. Sondern Videoportale, allen voran natürlich Marktführer YouTube. Livestreams von Sendungen nutzen mittlerweile aber inzwischen auch schon 35 Prozent wenigstens gelegentlich. Das ist zwar im Vorjahresvergleich ein Rückgang um einen Prozentpunkt, aber das ist ein Wert, den man im Zufallsbereich ansiedeln kann. Für TV-Sender spielen hingegen ihre Mediatheken inzwischen eine zunehmend wichtige Rolle. 32 Prozent der Nutzer greifen mittlerweile gelegentlich auf sie zu.

Das Themas „Podcats“ ist in der Kategorie Video ebenfalls eher eine Nische. Immerhin aber werden sie von 10 Prozent gelegentlich genutzt. Das ist ein leichter Anstieg gegenüber 2013 – und auch ein etwas höherer Wert als beim Audio-Adäquat.

Generell aber lässt sich festhalten: Das bewegte Bild hat das Audio als beliebtestes multimediales Tool in der Onlinewelt endgültig verdrängt. Einfacher gesagt: Audio kann man machen, Video muss man machen. Zumal auch die momentan sehr angesagte Spielart der Multimedia-Reportagen de facto ohne Bewegtbild nicht auskommt respektive keinen Sinn macht. Was ein Journalist davon inzwischen selber können muss und wie gut er das beherrschen sollte, darüber kann man weiterhin streiten. Klar aber ist: Ohne diese beiden Standards kommt digitaler Journalismus nicht mehr aus. Es wäre also eine gute Idee für Journalisten, sich mit dem Thema zumindest intensiv zu beschäftigen.

Die Welt wird mobil

Zwei nackte Zahlen, ein klarer Trend: 57 Prozent der Onliner gehen via Smartphone ins Netz, 28 Prozent über ein Tablet (Hinweis zur Sicherheit: Das ist natürlich nur eine Option und schließt andere Zugänge ins Netz nicht aus). Es ist also alles andere als gewagt, wenn man prognostiziert, dass sich das digitale Leben zunehmend mehr mobil abspielt. Und dass Journalismus sich dieser Entwicklung anpassen muss. Auch wenn speziell Handys immer noch bevorzugt zur Kommunikation genutzt werden, sie begleiten Menschen eben inzwischen doch durch den ganzen Tag. Tablets hingegen könnten vermehrt die Rolle des endgültig konvergenten Endgeräts einnehmen. Tablets können schließlich alles sein: Browser, Radio, Fernseher, E-Book-Reader, MP3-Player. Anders gesagt: Wer ein Tablet zuhause hat, bräuchte zumindest theoretisch kein anderes Gerät mehr, um seinen kompletten Medienkonsum bestreiten zu können. Der rasante Siegeszug dieser Geräte macht aber auch klar: Lediglich mit PDF-Ausgaben der gedruckten Zeitung oder der einen oder anderen hübschen App wird man das Tablet mit seinen Angeboten kaum erobern können. Nutzer können mittlerweile auch schon sehr eindeutig formulieren, wie sie sich guten Journalismus auf dem Tablet wünschen.

Was sich – wenig überraschend – ebenfalls zeigt: Mobile Nutzer gehören in die Kategorie der Hardcore-Onliner und liegen bei der Nutzungsdauer deutlich über dem Mainstream. Absehbar, dass sich diese Werte in den nächsten Jahren anpassen werden. Absehbar ist aber auch: Wie man auch den Journalismus mobil machen wird, dürfte zu den spannendsten Fragen der nächsten Jahre gehören.

Klar scheint mittelfristig zu sein: Am Thema Apps führt immer noch kein Weg vorbei, sie haben sich, wie eingangs bereits beschrieben, zu einem Standard in der Nutzung mobiler Endgeräte entwickelt. Der Markt für neue Apps mag vorerst gesättigt sein. Trotzdem: Speziell etablierte Medien brauchen gute Apps. Umso erstaunlicher, dass es immer noch welche gibt, die keine haben.

Das Alt-Jung-Gefälle

Vermutlich kennt das jeder, der schon einmal an einer Debatte über Medienwandel teilgenommen hat: Beim Verweis auf die vermeintlich unaufhaltsame Digitalisierung kommen irgendwann mal Zahlen ins Spiel, die dem Trend anscheinend diametral gegenüber stehen.  Was nicht so sehr verwunderlich ist, wie auch die Zahlen der Onlinestudie zeigen. Immer noch existiert ein großer Graben zwischen jüngeren und älteren Nutzern. Zwar ist auch die Generation 50 plus mehrheitlich im Netz vertreten. In ihrer Mediennutzung ist sie aber in allen Bereichen spürbar konservativer als die nachfolgenden Generationen. Oder anders zusammengefasst: Die Älteren lehnen das Netz keineswegs ab und wissen seine Vorzüge auch durchaus zu schätzen. Ihre Mediennutzung ist aber tendenziell immer noch eher linear, analog und immobil – das genaue Gegenteil also von den Trends, die sich insbesondere bei der Altersgruppe der 14-29-Jährigen ausmachen lässt. Vermutlich also wird man es noch länger mit einer zweigeteilten Nutzerschaft zu tun haben. Die neuen Zahlen der Onlinestudie belegen aber eines ganz eindeutig: Aufhalten lassen wird sich der Medienwandel auf keinen Fall.

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