Digitales Leben 11. August 2014

Wenn Kommentare zur „Vox Rindvieh“ werden…

by Christian Jakubetz

Nicht einmal die Hälfte der Journalisten in sechs Ländern beteiligt sich aktiv an Online-Debatten in den eigenen Medien. Mal wieder ein Beleg für die Digitalskepsis von Journalisten – oder vielleicht doch auch Ausdruck eines tiefergehenden Problems? Zumindest sind in der letzten Zeit einige Beiträge renommierter Journalisten aufgetaucht, nach deren Lektüre man die digitale Debattenkultur ein bisschen in Frage stellen kann…

kommentare
So könnte (und sollte) es sein: eine Debatte aus der FAZ. Leider ist es aber nicht immer so…

Über Leserkommentare und Nutzerbeteiligung kann man sehr geteilter Meinung sein. Formal muss man sie zwingend für ein notweniges Instrument, für einen Ausdruck der Begegnung auf Augenhöhe halten. Und selbstverständlich ist der digitale Journalist der Gegenwart auch verpflichtet dazu, diese Begegnung auf Augenhöhe anzunehmen und sich auf einen intensiven Dialog mit den Nutzern einzulassen.

Soweit die Theorie.

Die Praxis sieht ein bisschen anders aus. In der Praxis gibt es nicht nur zunehmend öfter und deutlich geäußerte Kritik an der Debattenkultur gerade im Netz. Sondern auch die Erkenntnis, dass Journalisten sich immer noch gerne raushalten aus solchen digitalen Diskussionen. Im eigenen Medium weniger, an anderen Stellen dafür umso mehr. Eine Studie hat jetzt ergeben, dass sich gerade mal etwas mehr als 40 Prozent der Journalisten an Diskussionen im eigenen Medium beteiligen. Bezeichnend: selbst „im eigenen Medium“ oder „in anderen Medien“ gibt jeweils ein knappes Drittel der Befragte an, sich „nie“ an Debatten zu beteiligen. Nebenbei: Niederschmetternd muss das Umfrage-Ergebnis vor allem für Google sein. In dessen Netzwerk „Google +“ beteiligen sich rund drei Viertel der Befragten „nie“ an Debatten.

So sehen die befragten Journalisten aus sechs Ländern die Bedeutung von Leserkommentaren. (Foto: Ecco PR)

Nun mag man darauf verweisen, dass die Umfrage nach empirischen Maßstäben nicht wirklich repräsentativ ist und zudem die Ergebnisse aus sechs europäischen Ländern zusammengefasst wurden. Trotzdem: Die Themen Userkommentare und Debattenkultur im Netz sind in letzter Zeit zunehmend mehr in die Diskussion geraten.  Andrea Diener beispielsweise beschrieb unlängst in der FAZ, mit welcher Art von Kommentaren sie immer wieder konfrontiert wird. Auch Stefan Plächinger, Chefredakteur von süddeutsche.de, fordert, dass man den Leserdialog neu denken müsse. Plöchinger verweist vor allem auf einen Teil des Themas Debattenkultur, der ursprünglich, ganz zu Beginn des digitalen Zeitalters wie ein Versprechen daherkam: mehr (Rede-)Freiheit für alle. Mehr Demokratie. Das Internet, das jedem eine Stimme gibt. Inzwischen verweist  nicht nur nur der süddeutsche.de-Chefredakteur darauf, dass sich vor allem diejenigen, die es ernst meinen mit einer anständigen Debatte, auf den Schlips getreten fühlen, wenn die Kommentarspalten und Foren das Niveau von schlechten Stammtischen erreichen. Dass eine Diskussionsrunde ganz schnell in der Stimmung kippen kann, ist für Plöchinger unausweichlich: „Und weil sich die Laune einer Gruppe von Menschen immer nach dem Schlechtestgelaunten richtet, kippt die Stimmung durch sie schnell unter die Gürtellinie.“

Oder, noch böser ausgedrückt: Der Satz „Vox populi, vox Rindvieh“ geistert schon seit angeblich rund hundert Jahren durch die Politik. Ist das ein Thema, das jetzt auch zunehmend Medien betrifft?

Eine ähnliche Erfahrung macht auch Dieter Schnass von der „Wirtschaftswoche“ – und er geht in seinen Beobachtungen noch weiter. So weit, dass er die Sinnhaftigkeit von Online-Debatten bei Zeitungen oder Magazinen generell in Frage stellt. Zumindest in der Form, in der sie jetzt geführt werden. „Die Internet-Foren der Magazine und Zeitungen dienen vielen Lesern nicht mehr als Plattform des Meinungsaustauschs mit dem Redakteur, sondern zur wechselseitigen Bestätigung ihrer angespitzten Gesinnungen – über den Redakteur (und den allgemeinen Diskurs) hinweg. Es geht diesen Lesern (Lesern?) nicht um das Einbringen von Argumenten, sondern um die identitätsstiftende Stabilisierung von Vorurteilen“, schreibt er. Dabei birgt sein Beitrag noch eine zusätzliche Komponente. Im Netz können schließlich nicht nur User untereinander mehr oder weniger unfreundlich miteinander umgehen. Zudem können sie auch Journalisten unmittelbar und teils sehr heftig angehen. Ein Phänomen, das es früher, in analogen Zeiten, auch schon gab. Nur nicht in dieser heftigen Ausprägung. Schnass schildert in seinem Beitrag auch, wie munter Verschwörungstheorien von „Meinungskartellen“ aufgestellt werden und wie Journalisten demnach nicht nur ihr Bestandteil sind, sondern zudem gesteuert durch „innere Zensoren“ der Wahrheit nur sehr selten die Ehre geben.

Aber was tun? Die Debatten drehen sich momentan hauptsächlich noch um die Frage, ob bei Kommentaren nicht eine Klarnamen-Pflicht sinnvoll wäre. Das Magazin „Cicero“ handhabt das bereits so. Auf den ersten Blick scheint das eine probate Möglichkeit zu sein. Kritiker weisen allerdings auf einige Nachteile hin. Vor allem auf den, dass in Zeiten von NSA und potentieller digitaler Totalüberwachung eine Pflicht zum Klarnamen kontraproduktiv wäre. Davon abgesehen, dass dies zumindest kurzfristig auch nur schwer umsetzbar wäre: Selbst wenn man Klarnamen verlangt, wer kann schon kurzfristig wirklich sicherstellen, dass es sich bei Hans Meier auch wirklich um Hans Meier handelt?

Stefan Plöchinger jedenfalls kündigt für „süddeutsche.de“ für die nächste Zeit ein paar Veränderungen bei den Kommentarregeln an. Welche, lässt er offen. Die für ihn – und vermutlich nicht nur ihn – alles entscheidende Frage: „Wie schaffen wir es, klug ein Kommunikationsproblem zu lösen, das nicht alle Leser als gleich oder gleich schlimm wahrnehmen? Wie viel Rücksicht müssen wir bei Reformen nehmen, und wie viel dürfen wir nehmen?“

 

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