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Multimedia-Reportagen – sie sind momentan der ganz große Trend im Online-Journalismus. Zumal es inzwischen auch Tools gibt, mit denen sie sich vergleichsweise einfach erstellen lassen. Eine Übersicht darüber, wofür sie sich eignen. Und wofür im Zweifelsfall auch nicht…

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Was können so genannte Scroll-Reportagen, was nicht? Wo macht es Sinn, sie einzusetzen? Und vor allem: Wird aus der Wahl nicht schnell auch eine Qual, wenn man über nahezu unbegrenzte stilistische Mittel verfügt?

Tatsächlich kann das ein echtes Problem sein: Man könnte mit nahezu allem arbeiten, mit Videos, Fotos, Audios, Daten, Grafiken, Animationen. Aber wann ist das sinnvoll und wann nur eine Leistungsschau, mit der man den Nutzer mit Inhalten zuschüttet und am Ende einfach nur überfordert? Reichen nicht manchmal einfach nur ein guter Text, ein gutes Video völlig aus?

Zunächst einmal: Tatsächlich muss man sich bei solchen Scroll-Reportagen schon vorher über ein paar Dinge im Klaren sein. Zum einen: Was will man überhaupt erzählen? Anders als bei einer “normalen” Webseite ist es schwer machbar, Inhalte mal eben noch zu ergänzen oder zu verändern. Das liegt alleine schon in der Natur der Sache. Multimedia-Reportagen sollten gut überlegt und “komponiert” sein. Ähnlich wie bei einem TV-Beitrag sollte man sich eine Art Treatment, ein Storyboard zurechtlegen. Die Erfahrung zeigt nämlich, dass viel Material noch lange keine gute Geschichte ergibt. Zumal man nur mit sorgfältiger Planung die eingangs erwähnte Falle umgehen kann: Wer sich schon vorher darüber im Klaren ist, welchen Inhalt man wie darstellen kann, sitzt später nicht verwirrt vor dem Rechner und überlegt, wo und wie er jetzt die ganzen Audios und Videos verpacken kann.

So wichtig ist Planung

Natürlich: So ganz ohne Plan geht Journalismus nie. Aber wenn man ernsthaft ein Thema mit einer multimedialen Reportage angehen will, dann muss man tatsächlich sehr detailliert planen. Aus mehreren Gründen:

  • Videos brauchen mehr Vorbereitung als jede andere Darstellungsform. Mal eben mit einer Kamera losziehen und schauen was passiert, das funktioniert in den seltensten Fällen. Sowohl aus technischen als auch inhaltlichen Gründen muss man bei einem Video schon vorher sehr genau wissen, was man überhaupt machen und drehen will.
  • Eine bloße Aneinanderreihung von Inhalten macht schon im “normalen” Web wenig Sinn. Wenn man sich auf das Abenteuer einer multimedialen Reportage einlässt, gilt das umso mehr. Denn die wichtigste Frage ist: Welche Funktion solch welcher Teil haben? Wie ergänzen beispielsweise ein Video und ein Audio einen Text (oder umgekehrt?). Wie ergänzen sich Inhalte, wie vermeidet man,  dass zusätzliche Inhalte einfach nur redundant sind?
  • Die meisten solcher Webreportagen leben von einer klaren Struktur (beispielsweise mit Kapiteln). Um solche Kapitel erstellen zu können, muss man schon im Vorfeld wissen, wie sie aussehen sollen. Dementsprechend macht es auch Sinn, schon bei der Planung und der Produktion spätere Kapitel im Kopf zu haben und gezielt in solchen Kapitelstrukturen zu produzieren. Was wiederum eine Art “Drehbuch” fast zwingend macht.
Wofür sich Multimedia-Reportagen eignen

Es ist wie eigentlich immer im Journalismus: Nicht jede Darstellungsform eignet sich für jeden Anlass. Nicht jedes Thema ist geeignet für eine Reportage. Für Multimedia-Reportagen schon gleich gar nicht. Ein paar Vorraussetzungen sollte das Thema also schon erfüllen, dass man sich für eine solche Darstellungsform auswählt:

  • Das Thema sollte eines sein, das viele Facetten und Aspekte aufweist. Ob es sich dabei nun um Hintergründe oder um verschiedene Sichtweisen handelt, spielt keine entscheidende Rolle. Es kann sich auch einfach nur um eine lange, komplexe Geschichte handeln.
  • Im Gegensatz zu einer Reportage in einer Zeitung kommt noch ein anderer Aspekt hinzu: Das Thema muss bildstark sein. Ohne gute Fotomotive und ohne gute Videos macht eine Multimedia-Reportage keinen Sinn. Und nicht nur das: Man muss zudem in der Lage sein, das auch optisch umzusetzen. Die meisten Multimedia-Reportagen leben auch von der Optik. Die guten Motive müssen also auch so fotografiert werden, dass man sie sehr großformatig umsetzen kann. Dazu kommt eine Problematik, die man bei der Produktion von Videos immer hat: Gibt es neben den bildstarken Motiven auch geeignete Protagonisten? Im Gegensatz zu geschriebenen Reportagen müssen diese Protagonisten nämlich auch noch kameratauglich sein. Und willens, vor einer solchen aufzutreten. Das klingt zunächst nach einem banalen Problem. Aber jeder, der schon mal ein Video produziert hat, weiß, wie viele Tücken gerade hinter dieser Thematik stecken können.
  • Ebenfalls ein öfter auftretendes Problem: Video oder Audio oder beides? Bei manchen dieser Reportagen drängt sich das Gefühl auf, dass beide Elemente genommen werden, damit man wie auf einer Art Checkliste abhaken kann, alles untergebracht zu haben. Tatsächlich haben Audio ihre sehr eigenen Stärken und Schwächen. Und wie bei Videos gilt: Sie müssen geplant sein und sie müssen an der Stelle, an der man sie einsetzen will, auch Sinn machen.

Immerhin kann man aus dieser planerisch-inhaltlichen Not auch eine Tugend machen: Kommt man tatsächlich zu der Erkenntnis, dass es nur wenige Optionen für Videos und Audios gibt, kann man das Thema “Multimediale Reportage” auch gleich wieder streichen.

Eine gute Übersicht, was Videos leisten können und wie sie Texte ergänzen und vertiefen, findet sich hier.

Finger weg! Wann man es bleiben lassen sollte…

Es soll schnell gehen? Es handelt sich um ein tagesaktuelles Thema, das einigermaßen zeitnah aufbereitet werden soll? Dann kann man es auch genauso so gut bleiben lassen. Multimedia-Reportagen sind ausgeruhte, umfangreiche Formate, die davon leben, dass man sie nicht in aller Eile wegarbeiten muss. Davon abgesehen sind (wie oben beschrieben) der organisatorische und technische Aufwand viel zu groß, als dass man solche Stücke mal eben im Tagesgeschäft produzieren könnte.

Das Fazit: Eine wunderbare neue Option

Wenn man sich aktuell umsieht, man könnte meinen, nahezu überall im Netz würden jetzt solche Multimedia-Stücke produziert. Der Trend dazu ist tatsächlich unübersehbar. Vielleicht auch deshalb, weil der Online-Journalismus in solchen Formaten endlich seine sehr eigene Prägung entwickeln kann. Seinen sehr eigenen Stil. Multimedia-Reportagen, die gehen eben nur im Netz. Während alles andere ja auch in analogen Medien geht. Bisher also sind im Netz nur Darstellungsformen aufgetaucht, die von einem Medium ins andere übernommen wurden.

Multimedia-Reportagen sind also eine wunderbare neue Option, guten und originären Journalismus im Netz zu machen. Sie sind eine großartige Ergänzung zu den bisherigen Stilmitteln – die aber die bekannten Formen des Journalismus deswegen keineswegs verdrängen werden. Zumal es mit Tools wie beispielsweise Pageflow inzwischen sehr einfache und kostengünstige Software gibt, mit der man solche Reportagen erstellen kann.

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