Digitales Leben 7. Februar 2013

„Flies“: Eine neue Währung für Geschichten im Netz

by Christian Jakubetz

Der Wunsch ist beinahe so alt wie das Netz selbst: in eine Flut von Seiten und Informationen wenigstens ein bisschen Struktur und Ordnung zu bringen. Mit „10000 Flies“ ist jetzt ein Projekt an den Start gegangen, das eine Art Tagesranking der beliebtesten Artikel im deutschen Netz sein soll.

flies

Was ist relevant und wichtig an einem Tag? Natürlich kann man das nicht ausschließlich an der Zahl der Klicks, Likes und Shares bemessen, die ein Beitrag über einen Tag hinweg einsammelt. Aber eine gewisse Aussagekraft haben Zahlen dann eben doch. Und wenn sie nur aussagen, wie oft etwas gelesen oder empfohlen worden ist. „10000 Flies“ versucht, genau dies abzubilden – in dem ein Beitrag nach „Flies“, eine Art Punktesystem bewertet wird. Simple Regel: Je mehr Flies, desto populärer und damit mehr oder weniger auch relevant.

Genau da liegt allerdings auch der Haken an diesem Projekt: Dadurch, dass das System die Größe und die Häufigkeit von Erwähnungen in den Mittelpunkt stellt, haben große Webseiten per se einen Vorsprung. Das fällt besonders auf, wenn man den Marktführer „Spiegel Online“ betrachtet. So sind beispielsweise in den Charts vom 5. Februar alleine unter den Top10-Artikeln drei Geschichten von SPON dabei. Auch die anderen Top-Geschichten kommen fast ausnahmslos von großen Unternehmen, beispielsweise finden sich noch die „Welt“, „Bild.de“, „Sportbild“ und die WAZ unter den Top-Geschichten. Dennoch ist interessant, dass das Ranking der User eben nicht deckungsgleich mit einer klassischen Nachrichten-Agenda ist. Am besagten 5. Februar nämlich sammelte beispielsweise eine Geschichte von „Der Westen“ über die Grünen in NRW die meisten „Flies“ ein. Dabei ging es um die Suche nach einem Praktikanten, der für die Umweltministerin Bärbel Höhn arbeiten soll – für einen Stundenlohn von 4 Euro. Eine Geschichte, die sich im Netz rasend schnell verbreitete, allerdings für klassische Nachrichten keine relevante Meldung ist. Auch der 6. Platz für eine DWDL-Geschichte über die mäßigen Quoten der Alkoholbeichten von Jenny Elvers-Elbertzhagen bei RTL ist eine erstaunliche Abweichung von dem, was sonst in den Nachrichten des Tages vermeldet wurde.  Und wie eine Geschichte über eine Heavy-Metal-Kreuzfahrt auf Platz 3 kommen konnte, muss man jetzt auch nicht unbedingt auf Anhieb verstehen. Auf der anderen Seite: „10000 Flies“ hat ja genau diesen Anspruch – abbilden, was im Netz läuft.

Ebenfalls ein wenig bedauerlich: Die Seite ist nicht dazu geeignet, mehrere Themen zu bündeln. Die Topthemen eines Tages tauchen in mehrfachen Ausführungen auf. Der mögliche Wechsel von BvB-Stürmer Lewandowski zum FC Bayern beispielsweise fand sich am 5.2.  ganze acht Mal unter den ersten 36 Plätzen.  Besser wäre es womöglich, die Geschichten in Ressorts oder nach Themen zu bündeln, wie dies beispielsweise bei rivva.de gemacht wird. Nachdem nämlich beispielsweise auch die Schavan-Geschichte an diesem Tag mehrfach auftaucht,reduziert sich die Zahl der tatsächlichen Topthemen an diesem Tag dann doch beträchtlich. Für den Nutzer ist es halbwegs mühsam, sich erstmal durch 40 Geschichten zu scrollen, um dann festzustellen, dass sich an den ganz großen Themen so rasend viel gar nicht mehr ändert.

Trotzdem hat die Seite natürlich ihren Nutzen und ihre Berechtigung. Sie ist ein guter Gradmesser für das, was im Netz diskutiert wird, weil sie tatsächlich die ganze deutsche Netzwelt erfasst und  zudem auch sichtbar wird, welche Geschichten wirklich gelesen werden. Ob die Ergebnisse dessen für Journalisten immer erfreulich sind, steht ja wieder auf einem ganz anderen Blatt. In die Bookmarks sollte man sich die Seite auf jeden Fall legen.

 

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