Interview 4. November 2012

Dirk von Gehlen: Einer schreibt, viele denken

by Christian Jakubetz

Eine neue Version ist verfügbar: Dirk von Gehlens kommendes Buch wird einen Titel tragen, der zugleich auch Programm ist. Es wird  von einer Lesercommunity mitfinanziert und es werden auch Ideen der Leser mit eingebracht. Im Interview erzählt er, wie er auf die Idee kam, wie weit die Transparenz beim Schreiben geht – und was Journalisten von dieser Art des Publizierens möglicherweise lernen können.

Gruppenarbeit: Das neue Buch von Dirk von Gehlen.

Dein neues Buch wird von Unterstützen finanziert. Wofür brauchst du dann noch einen Verlag?

Die Leser sind mein Verlag. Sie kaufen vorab ein noch nicht geschriebenes Buch und machen es so erst möglich. So wird der Entstehungsprozess des Buchs finanziert, an dem die Leser auch selber teilhaben können. „Eine neue Version ist verfügbar“ beschreibt die These, dass Inhalte sich verflüssigen, dass wir sie wie Software in Versionen und nicht nur in Endprodukten denken müssen. Und das will das Projekt, das ein Experiment ist, auch selber zeigen.

Dirk von Gehlen
Dirk von Gehlen

Inwieiweit fließen auch Meinungen und Anregungen deiner Unterstützer inhaltlich in das Buch ein?

Genau darin liegt das Experiment: Ich will das Schreiben offenlegen, ich will transparent Versionen des Buchs dokumentieren und diskutieren. Die Leser sind eingeladen, daran teilzunehmen, Meinungen und Anregungen hinzufügen. Ich bin sehr gespannt, ob das klappen wird. Erstaunlich ist in jedem Fall, dass ich schon jetzt – also vor Beginn des Schreibens – jede Menge spannende neue Ideen von Lesern erhalten habe.

Das Projekt läuft unter http://www.startnext.de/neueversion, hat eine eigene Website http://www.enviv.de und einen Twitteraccount @neueversion

Dein erstes Buch „Mashup“ erschien noch auf konventionelle Weise. Was hat dich dazu bewogen, es diesmal anders zu versuchen?

Mashup handelt von der Ungeheuerlichkeit der digitalen Kopie, wurde aber fast ausschließlich als Urheberrechtsbuch gelesen. Die digitale Kopie hat aber noch weitere Folgen, sie verändert – so denke ich – die Grundlage unserer Arbeit, sie verflüssigt sie. Das will ich nicht nur beschreiben, sondern selber ausprobieren. Deshalb erschien es mir konsequent, das wirklich ganz auf eigenen Faust zu unternehmen – ohne Verlag, ohne Agenten, im direkten Austausch mit den Lesern. Dieses Experiment wird erstaunlich gut angenommen, was mich sehr freut.

 Was sagt eigentlich dein Verlag dazu?

Alle Verlage, mit denen ich in Verbindung stehe (Buch- wie mein arbeitgebender Zeitungsverlag) beobachten das Experiment in engem Austausch mit mir. Es geht ja eben darum, neue Wege für diejenigen auszuprobieren, die Inhalte erstellen. Und dafür sind Verlage – das kann man schon jetzt sagen – enorm wichtig. Sie müssen sich aber stärker auf das besinnen, was ihre Qualitäten ausmacht: die Auswahl, die Aufmerksamkeitssteuerung, das Lektorat.

Gibt es etwas, was du aus dem bisherigen Projektverlauf auch für deine Arbeit als Journalist gelernt hast?

Ich fühle mich auf sehr erfreuliche Art in dem Ansatz bestätigt, dass Ausprobieren in der Phase der Digitalisierung, in der wir uns befinden, eine gute Methode ist, um rauszufinden, was funktionieren könnte.

Wie geht es mit dem Projekt jetzt weiter, wann erscheint das Buch?

Bis kurz vor Weihnachten kann man das Projekt auf startnext unterstützen. Dann beginnt die Phase des Schreibens, die ich transparent gestalten will. Mein Ziel ist es, im Mai das Buch im Selfpublishing zu veröffentlichen. Dafür bin ich in Gesprächen mit Lektoren und mit einer kleinen Münchner Druckerei, die Druck und Vertrieb übernehmen wird. Aber vor allem will ich mich überraschen lassen und lernen, was funktioniert und was nicht. Deshalb freue ich mich, wenn möglichst viele Leute an diesem Experiment teilnehmen!

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