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Zumindest statistisch muss sich die Tätigkeit von Redakteuren an Deutschlands Tageszeitungen in den letzen Monaten ganz erheblich verändert haben. Vor allem soziale Netzwerke sind nach einer aktuellen Studie der Bundeszentrale für politische Bildung im Rekordtempo enorm wichtig geworden. Der Studie zufolge sind Deutschlands Zeitungsredaktionen also jetzt massiv bei Facebook und bei Twitter vertreten. Erstaunlich allerdings: Der prozentuale Anteil, den die neuen Medien an der täglichen Arbeitszeit von Journalisten haben, ist immer noch erstaunlich gering.

Immer alles können und machen - in der Praxis ist das bei vielen Zeitungen noch nicht angekommen. (Foto: Ralf Biegel/pixelio.de)

Die BpB hat eine ebenso einfache wie auch wichtige Frage gestellt: Wie halten es Deutschlands Zeitungen eigentlich mit all jenen Trends, die man inzwischen allgemeingültig als wichtig bezeichnet? Wie ist das also mit Facebook, Twitter und Google +, was ist mit dem iPad, mit mobilen Angeboten und natürlich auch mit dem Internet ganz allgemein? Zumindest eines ist demnach in den letzten Jahren wirklich neu geworden: Facebook und Twitter gelten inzwischen als Recherchetools, deren Besuch anscheinend ebenso wichtig ist wie der Konsum beispielsweise anderer Zeitungen oder von Radio und Fernsehen. Glaubt man der Studie, dann werden soziale Netzwerke und (lokale) Webseiten mittlerweile auch mehrfach täglich besucht. Twitter bringt es demnach noch auf mehrere Nutzungen wöchentlich. Blogs, Videocommunitys und auch der so genannte “User generated content” spielen für Zeitungsjournalisten dann schon nur noch eine untergeordnete Rolle. Sie bringen es nur auf mehrere Recherchebesuche im Monat.

Redaktionsarbeit in Zahlen

99 Prozent der befragten Redaktionen befüllen eine eigene Webseite.

90 Prozent nutzen Facebook sowohl für eigene Publikationen als auch zur Recherche.

64 Prozent twittern über einen eigenen Redaktionsaccount.

66 Prozent bieten eine mobile Version ihrer Webseite an.

 

Ähnlich verhält sich das inzwischen auch bei den eigenen Publikationen: Zumindest bei Facebook sind die meisten Redaktionen beinahe schon standardmäßig vertreten, im Regelfall mehrmals täglich. Twitter wird ebenfalls noch mehrfach in der Woche genutzt. Die Produktion eigener Videos und Audios spielt dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Im Durchschnitt, so das Ergebnis der Studie, entstehen audiovisuelle Beiträge nur einmal im Monat.

Wie sich die Arbeitszeit verteilt

80 Prozent ihrer Zeit stecken Zeitungsredaktionen in das Printprodukt

15 Prozent werden in die Webseite investiert.

1-2 Prozent bleiben für die Tablet- bzw. die mobile Ausgabe.

Trotzdem stellen die Autorinnen der Studie, Prof. Sonja Kretzschmar und Prof. Susanne Kinnebrock, zumindest eines fest: “Soziale Netzwerke haben innerhalb kurzer Zeit erheblich an Bedeutung gewonnen, sowohl als Recherchemittel als auch als Publikationskanal.”

Überaus spannend ist die Frage danach, wie konsequent und häufig crossmediales Arbeiten in den Zeitungsredaktionen eingesetzt wird. Denn hier gibt es einen sehr offensichtliche Unterschied zwischen der Selbstwahrnehmung der Journalisten — und dem, was im Alltag dann tatsächlich an zählbaren Ergebnissen herauskommt. Eine klare Mehrheit ist demnach der Auffassung, ihre Redaktion produziere “konsequent” crossmedial”. Ebenso groß ist die Zahl derer, die angeben, crossmediale Produktion sei in der täglichen Lokalberichterstattung ein mehr oder minder fester Bestandteil. Allerdings — und das merken auch die Autorinnen der Studie an — deckt sich diese Einschätzung nicht mit dem, was an messbaren Ergebnissen herauskommt. So werden beispielsweise auch nach den Angaben der Befragten Videos keineswegs regelmäßig erstellt. Audios und interaktive Grafiken kommen demnach sogar so gut wie gar nicht vor. Was letztendlich auch wieder die Frage danach aufwirft, was von Journalisten als “Crossmedia” verstanden wird. Wenn darunter lediglich das Publizieren auch im Internet fällt, dann ist die Einschätzung der Befragten sicher richtig. Dennoch, so heißt es auch in der Studie, werden “Crossmedia-Elemente ab und an, aber nicht konsequent eingesetzt.”

Crossmediales Erzählen – eher zufällig?

Crossmedia verlangt auch neue Erzählformen. Denn zum einen kann eine Geschichte, die online läuft, mithilfe verschiedener multimedialer Elemente erzählt werden. Beispielsweise können Text, Bilderstrecke und interaktive Graphik ineinander greifen und – zusammen genommen – einen Spannungsbogen bilden. Dann wäre jedes multimediale Element ein unverzichtbarer Baustein der Geschichte. Den Prinzipien des Multimedia-Storytelling folgt demnach eine integrierte Geschichte, die sich aus unterschiedlichen Multimedia-Elementen zusammensetzt. Allerdings werden die verschiedenen multimedialen Tools noch nicht konsequent miteinander verknüpft, um so multimedial aufbereitete, aber dennoch integrierte Geschichten zu konzipieren. Und auch das sog. Crossmedia-Storytelling oder „Transmedia-Storytelling“, also das Erzählen und Halten des Nutzers über den Medienbruch hinweg (z. B. Anerzählen im Printprodukt und Weitererzählen oder Zuendeerzählen im Online-Kanal, bei dem sich beide Kanäle komplementär ergänzen würden), wird noch kaum verfolgt. (Auszug aus der Studie)

Ihr leises Erstaunen lassen die Autorinnen auch durchklingen, wenn es um die Einbindung des Lesers in tagesaktuelle Themen geht. Die meisten Redaktionen geben zwar an, beispielsweise Votings, Online-Diskussionen und Foren angeboten, aber das war es dann auch schon.  Leserbilder werden schon sehr viel weniger als Standard begriffen. Und, auch das ist sehr erstaunlich: Die Formulierung “Bürgerbeteiligung als Ziel des Lokalteils” erreicht auf einer Zustimmungsskala von 1-5 nicht einmal einen Wert von 3.  Zusätzliche Service-Inhalte über mobile Plattformen und Augmented Reality werden nur noch im Ausnahmefall angeboten. Resümee der Autorinnen zu diesen beiden Aspekten: “Die Chance, partizipative Elemente, wie z. B. die Moderation von Foren, konsequent für die Optimierung politischer Berichterstattung im Lokalen zu nutzen, wird also nicht nur kaum wahrgenommen, sondern zählt auch nicht zur strategischen Ausrichtung der Berichterstattung im Lokalen. Obwohl die „Bürgerzeitung“ durch die Beteiligung von Bürgern zu den qualitativen Zielen lokaler Berichterstattung im Printbereich gehört, ist das „Bürgernetz“, also eine Online-Berichterstattung, die Bürger konsequent einbezieht, noch nicht zum Ziel einer qualitativ hochwertigen Berichterstattung geworden.”

Auch die praktische und organisatorische Einbindung von crossemedialen Strukturen in den redaktionellen Alltag ist noch ausbaufähig — in der Studie wird das als “zaghaft” bezeichnet. Eine echte Anpassung von Produktionsabläufen vermissen die Autorinnen ebenso wie eine koordinierte Ausspielung über die diversen Plattformen hinweg. Die Bilanz der Studie zu den crossmedialen Arbeitsbedingungen klingt deswegen keinesfalls erfreulich: “Crossmedia-Verantwortliche oder Koordinatoren sind keineswegs überall klar benannt, redaktionelle Strategien, wann welches Thema über welchen Kanal zu spielen ist, sind oft nicht formuliert, Konferenzen zur Kanal- und Themen-Koordination sind auch noch nicht fester Bestandteil des Arbeitsalltages. Kurzum, crossmedial produziert wird derzeit anscheinend eher noch auf Zuruf, ein integriertes Konzept und damit verbunden klare Aufgabenverteilungen, die sich auch in einer entsprechenden Organisationsstruktur widerspiegeln, sind die Ausnahme. Ebenso fehlt es an Richtlinien, wie sich die Zeitung auf Facebook oder Twitter verhalten soll. Strukturell ist die Anpassung an Vielkanalbedingungen noch nicht erfolgt.”

Allerdings dämmert auch den Redaktionen selbst, dass in der crossmedialen Produktion noch jede Menge Luft nach oben gibt, sowohl inhaltlich als auch organisatorisch-konzeptionell. Als eigene redaktionelle Stärken werden eher allgemeine Beschreibungen wie “Bedienung aller Kanäle” oder “Umgang mit neuen Medien” benannt. Je konkreter abgefragt wird, desto schlechter werden die Beurteilungen des eigenen Tuns. Ganz am Ende kommen übrigens die mobilen Angebote bzw. die iPad-Ausgaben (sofern vorhanden). Sie werden in den eigenen Redaktionen überwiegend negativ beurteilt — oder andersrum gesagt: Fast niemand würde die eigenen Angebote in diesen Bereichen als Stärke bezeichnen. Das macht sich umgekehrt auch in der Nachfrage nach den redaktionellen Prioritäten bemerkbar: Hohe Zustimmung wird der Aussage gewährt, dass ein “gutes Printprodukt Priorität” habe. Zwar wird der Aussage, Online sei ein Nebenprodukt zunehmend weniger zugestimmt. Sehr wohl aber gelten Tablet- und Mobile-Editionen als solche Nebenprodukte. Ausgerechnet damit übrigens sind genau jene zwei Kanäle betroffen, die übereinstimmend von vielen Wissenschaftlern als die beiden wichtigste der Zukunft gesehen werden.

Und dass letztendlich viele Zeitungsredaktionen in der Praxis eben immer noch Zeitung machen und den digitalen Kanälen eher wenig Bedeutung zumessen, zeigen auch noch andere Zahlen aus der Studie: 80 Prozent ihrer Arbeitszeit setzen sie für das Printprodukt ein, lediglich 15 Prozent für die Webseite. iPad und mobile Ausgaben finden in der täglichen Arbeit mit einem Zeitaufwand von 1 bis 2 Prozent de facto kaum statt und können demnach gar nicht sehr viel mehr sein als reines Recycling bereits bestehender Ausgaben.

(Die Studie lässt sich auf der Webseite der BpB vollständig downloaden).

Eine Reaktion auf “Crossmedia: Ein bisschen Facebook und viel Zufall”

  1. roboker

    Interessante Studie und schöne, kurze Zusammenfassung. Doch irgendwas stimmt bei den Grafiken nicht, zumindest in der zweiten. Die verwirrt mich, denn dort heißt es in der Textbeschreibung 0=trifft voll und ganz zu; 5=trifft überhaupt nicht zu. Unter den Balken steht dann aber in rot “nicht zutreffend” beim Wert 0 und “zutreffend” bei den hohen Werten.

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