Webvideos 27. Januar 2012

Webvideo-Blattkritik: Die Rhein-Zeitung übt noch ein bisschen

by Christian Jakubetz

Wenn es um den Einsatz von neuen Medien geht, wird der Name der „Rhein-Zeitung“ gerne als ein positives Beispiel genannt. Grund genug, sich mal die Webvideos des Blatts etwas genauer anzusehen…

Kurzes Urteil: Einer der meist gehörten Sätze, wenn es um Webvideos geht, ist ja der, dass es im Netz „mit der Qualität“ nicht so genau gehe. Das ist eines der spektakulärsten Fehlurteile, die es in der Branche gibt. Die Tatsache, dass Webvideos natürlich keine TV-Beiträge sind, bedeutet noch lange nicht, dass es da wackeln und ruckeln und zischen darf. Die Rhein-Zeitung bewegt sich mit vielen ihrer Videos da auf dünnem Eis. Auf der einen Seite probiert sie viel aus und macht sicher nicht den Fehler, plötzlich Fernsehen machen zu wollen.  Manchmal sitzt man aber als Betrachter dann etwas ratlos da, wenn die Kollegen der RZ sich ihrer Experimentierfreude hingeben. Beispielsweise, wenn ein Video als ein „Ortstermin in der Papageien-Voliere“ angekündigt wird — und dann flattern ca. 45 Sekunden ein paar wechselnd belichtete Papageien durch einen Käfig und eine Tafel informiert kurz vor Schluss darüber, dass der Papageien-Halter X seine Papageien auch künftig artgerecht halten will. Umgekehrt blickt einer der Kollegen dann auch schon mal etwas längliche 8 Minuten auf sein Videojahr 2011 zurück, was eine nette Idee wäre, wenn der Ton etwas sauberer wäre und das Bild etwas weniger wackeln würde und die Moderation vielleicht nicht gerade genau choreographiert wäre, aber doch etwas weniger einem Zufallsprinzip folgen würde. Nette Idee, aber handwerklich noch ausbaufähig: das letzte Rhein-Hochwasser in einem Zeitraffer-Video. Netter Gedanke, aber ein bisschen akustische Untermalung, ein paar Zusatzinfos würden das Video noch erheblich aufhübschen. So sieht man in erster Linie viel Wasser am Tag und viel Wasser bei  Nacht.

Was halten Sie/Ihr von den Videos? Meinungen bitte in die Kommentare unten.

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Und nein, das hat nichts mit Web zu tun oder der vermeintlichen Tatsache, dass es dort nicht so genau geht. Man mag sich schon gut unterhalten oder informiert fühlen, auch wenn man auf übliche TV-Zeugs wie Schnitt- oder Antextbilder gerne mal verzichten darf. Die Webvideos im Lokalen sind bei der Rhein-Zeitung somit eine ziemliche Wundertüte, in der vieles drin ist. Von gut/witzig über solide bis hin zu (manchmal) leider grotesk. Sie üben noch bei der RZ, was an sich ja löblich ist. Nur sollte man sich im Jahr 2012 dann nicht mehr so rasend lange Zeit mit dem Üben lassen — YouTube gibt es schon seit sieben Jahren.

Haben auch Sie/Ihr ein Videoformat auf Lager, dass wir uns anschauen sollen? Dann her damit! Schicken Sie uns eine E-Mail an: videokritik@ universal-code. de

 

Die „Webvideo-Blattkritik“ entsteht in Zusammenarbeit mit der European Web Video Academy, die u.a. den Deutschen Webvideopreis veranstaltet.

Comments 3
  • So, jetzt schreibe ich doch noch was, nachdem ich ein paar Tage drüber nachgedacht habe. Kurz zu mir für alle Mitleser: Ich habe für die Rhein-Zeitung 1,5 Jahre die von Christian Jakubetz besprochenen Videos gemacht, in der Zeit etwa 150 produziert (hoffentlich kein groteskes), u.a. den „etwas länglichen“ Jahresrückblick. Inzwischen arbeite ich aber nicht mehr für die RZ.
    Grundsätzlich finde ich die Kritik durchaus wohlwollend. Gemessen an dem, was andere Zeitungen im Netz machen, bin ich immer noch der Meinung, dass die RZ gut abschneidet und sich ganz passabel an den Sehgewohnheiten der User orientiert. Natürlich kann man immer etwas besser machen kann, streite ich gar nicht ab. Dennoch will ich auf ein paar Punkte noch mal eingehen.
    1. Mich stört der Begriff „üben“: Ich habe sicherlich viel geübt am Anfang, aber nach 150 Videos möchte ich eigentlich nicht, dass man mir noch nachsagt, ich würde „üben“. Die Videos, die ich gemacht habe, sind alle mit entsprechender Vorrecherche, mit professionellem, inhaltlichem Anspruch und einem ganz bestimmten Konzept entstanden. Ich bin auch geschult worden (u.a. von einem hier ebenfalls Videos kritisierenden Co-Autor der Seite). Ich habe mit diesen Videos irgendwann nicht mehr geübt, sondern wusste genau, was ich tat, und in den meisten Fällen ging das auch immer so auf, wie ich es mir vorgestellt habe. Ich würde insgesamt eher den Begriff „improvisieren“ vorziehen. Der trifft die Arbeitssituation imo besser als „üben“.
    2. Woran CJ sich stört, sind vor allem technische Aspekte. Hier bin ich gerne bereit, Verbesserungsmöglichkeiten zuzugestehen. Die sind teilweise auch einfach auf fehlende Erfahrung einer Printredaktion mit A/V-Produktion zurückzuführen. Tatsächlich war es auch häufig der Ton, der mir die meisten Probleme gemacht hat. Das richtige Pegeln einer Tonspur, die Beachtung von Umgebungsgeräuschen, der Einsatz des Mikros zur richtigen Zeit, das war nicht immer leicht. Mit der Zeit ging es dann meiner Meinung ganz gut. Man darf aber auch nicht vergessen: Die RZ-Videos wurden von einer Person alleine gemacht. Bild, Ton, Inhalt, Moderation, Schnitt und Nachbearbeitung lagen immer in einer Hand, mit allen Vor- und Nachteilen, die diese Arbeitsweise mit sich bringt. Und einer der Nachteile ist: Es ist verdammt schwierig, ganz alleine immer alles im Griff zu haben. Man muss Abstriche in Kauf nehmen.
    3. Die RZ-Videos entstehen zum größten Teil tagesaktuell. D. h., bis die Ausgaben ausgeliefert sind, muss das Video draußen sein, damit die Leser, die dem Videohinweis in der Zeitung folgen wollen, auch tatsächlich ein Video finden. Jeder, der Videos dreht, weiß, dass es viel Arbeit ist, in 8-10 Stunden, ein ca. 3-minütiges Video aus einer Hand zu prouzieren. Auch das erforder einfach Kompromisse.
    4. Nach wie vor bin ich der Meinung: Inhalt schlägt Form. Wenn das, was im Video zu sehen und zu hören ist, sind Qualitätsmängel akzeptabel. Die Grenze ist erreicht, wenn die Mängel verhindern, dass die relevanten Informationen beim Nutzer ankommen.

  • Hallo Moritz,

    danke für die Rückmeldung. Ich kann das allermeiste davon gut nachvollziehen. Ich glaube auch nicht, dass die RZ andere oder größere Probleme hat als andere. Im Gegenteil (deswegen bot es sich für die Videobesprechung an), ich denke, dass die RZ voll des ziemlich guten Willens ist, dass aber genau die Probleme, die du beschreibst, dort auftreten. Zum Punkt der Formulierung „üben“: zugegeben, klingt nicht so, wie es eigentlich gemeint ist. Gemeint war eher: probiert aus. Ausprobieren halte ich generell ja auch für eine gute Option. Das ist nicht im Sinne von „die können es nicht“ gemeint, sondern eher von „sie suchen noch nach dem richtigen Weg“. Vieles davon (auch von dem, was du beschreibst), ist gut oder wenigstens ok, den Papageienkäfig dagegen fand ich grenzwertig. Dein Jahresrückblick: war mir zu lang, zu viel Wasser, ein bisschen verwackelt an manchen Stellen.

    Aber klar, ich verstehe ja auch vollkommen, dass das für einen oder zwei Leute alleine kaum zu stemmen ist. Das ist aber dem User natürlich egal.

    Inhalt schlägt Form: Da bin ich bei dir, vollkommen.

  • Halloo!
    Ich bin ein Zeitungsleser!
    Ich möchte meine Zeitung einfach nur lesen, morgens, beim Frühstück! Auf Papier! Mit guten Bildern und grammatikalisch/orthographisch richtigen Texten, mit dem, was für meine Stadt wichtig ist!
    Bin ich das letzte Fossil?
    Ich will die Zeitung nicht am Computer oder auf dem Smartphone, sondern einfach auf Papier! Dafür nehme ich mir auch gerne Zeit!
    Macht das außer mir denn wirklich niemand mehr?
    Ich bin auch noch nicht 95 Jahre alt, sondern erst 47!
    Exotische Grüße
    die letzte Leserin

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