Meinung 21. Januar 2012

Der österreichische Frühling – von YouTube bis Twitter

by Christian Jakubetz

Wie weit geht die Verknüpfung zwischen Politik und Medien? In Österreich hat diese Frage nach einer Personalentscheidung beim ORF für einiges Aufsehen gesorgt. Für Aufsehen sorgte auch, wie sich die Redaktion des Senders gegen die inzwischen obsolete Entscheidung zur Wehr setzte. Eine Übersicht von Dr. Gerhard Rettenegger, Chefredakteur des ORF Salzburg.

"Keine Produktion des ORF": Über YouTube haben die Redakteure des ORF ihren Protest gegen ein Personalpaket organisiert.

Die “Berliner Zeitung” nennt den Protest von mehr als 1300 ORF-Redakteurinnen und -Redakteuren gegen die Bestellung des ehemaligen Stiftungsrates Nikolaus Pelinka zum Büroleiter von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz “österreichischen Frühling”. In Anlehnung an den arabischen Frühling – das Synonym für den Sturz der Diktatoren in Tunesien, Algerien und Ägypten vor genau einem Jahr. Die Analogie ist fragwürdig, weil beim Protest der ORF Journalisten niemand verletzt oder getötet wurde. Andererseits ist sie auch wieder gerechtfertigt: Wie in den arabischen Ländern hat das Web 2.0 beim Widerstand der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im öffentlichen Rundfunk eine gewichtige Rolle gespielt.

Twitter & YouTube

“Dass die als parteipolitisch paktiert kritisierten Postenbesetzungen im ORF schließlich abgeblasen werden mussten, ist nicht zuletzt der Sprengkraft des Internets zu verdanken, ist ‘ZiB 2′-Moderator Armin Wolf überzeugt”, schreibt etwa “Der Standard“. Begonnen hat der Protest im Web 2.0 unmittelbar nachdem der Generaldirektor einen Tag vor Weihnachten aussenden ließ, dass Nikolaus Pelinka sein neuer Büroleiter sei mit einem Tweet:

Daraufhin begann eine wochenlange Flut von Tweets, die sich Tag für Tag mit den Ereignissen im ORF beschäftigten – sachlich, emotional, zynisch, kritisch, verlinkend. Gesammelt sind die Kurznachrichten nachzulesen vor allem unter #Pelinka, #ORF und #Wrabetz. Und auch nach dem Rückzieher von Pelinka wird zum Thema weiter getwittert.

Höhepunkt des Protests war ein Video von 55 ORF-Journalistinnen und -Journalisten, in dem sie einen von parteipolitischen Einflüssen unabhängigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk fordern. Das Protestvideo wurde nicht im Fernsehprogramm ausgestrahlt, sondern auf YouTube veröffentlicht, wo es sofort zum Publimumshit wurde: Zum Zeitpunkt, als ich diesen Eintrag schrieb war 515.093 auf das Video zugegriffen worden.

YouTube Preview Image

Natürlich beschränkten die ORF-Journalistinnen und -Journalisten ihren Protest nicht auf die social media. Auch in den Redaktionen des ORF machten die Mitarbeiterinnen und Mitarbetier mobil: mehr als 1300 unterschrieben die Resolution ”für einen unabhängigen ORF und gegen parteipolitische Postenbesetzungen“. Auch im Fernsehen berichteten sie couragiert über die geplanten Postenbesetzungen, die sie als Bedrohung der Unabhängigkeit des öffentlichen Rundfunks sahen. Am nachhaltigsten in Erinnerung ist ein Bericht in der “Zeit im Bild 2″ vom 11. Jänner. Zum Vergleich: Diese Sendung hatte im Durchschnitt 533.000 Zuseher. Gerade einmal 11.000 waren jünger als 30 Jahre.

ZiB-2-Moderator Armin Wolf schätzt die Rolle der social media beim Protest hoch ein. Sie seien ein ganz wesentlicher Faktor im Aufbau des öffentlichen Drucks gewesen, “vor allem, um den Protest und die Diskussion fast vier Wochen aufrechtzuerhalten”, wird Wolf von der APA zitiert.

Chefsache social media

Nach vier Wochen haben Protest und Diskussion Erfolg: Nikolaus Pelinka zieht seine Bewerbung zrück. Wenige Stunden später wendet sich Generaldirektor Alexander Wrabetz mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. In einem Nebensatz sind auch die sozialen Netzwerke Thema:

“[…] Ich werde daher die Redakteursvertreter, Belegschaftsvertreter und Führungskräfte des Hauses zu Gesprächen darüber einladen, durch welche Maßnahmen der ORF seine Position verbessern kann. Dazu gehören aber nicht nur interne Regulative, sondern auch Maßnahmen der langfristigen Absicherung der Rahmenbedingungen, wie z. B. die Möglichkeit der Interaktion des ORF mit sozialen Netzwerken. […]“

Das ist bemerkenswert, denn soziale Netzwerke sind seit der Novelle zuzm ORF-Gesetz 2010 für den ORF weitgehend Verbotszone (§4f(2)Punkt 25). Die Mitbewerber wachen mit Argusaugen über die Einhaltung. Es wäre daher wünschenswert, wenn die ORF-Journalistinnen und Journalisten sich nicht nur für ihren Protest der sozialen Netzwerke bedienen, sondern sie als zeitgemäße Werkzeuge für ihre Arbeit einsetzen dürften.

Comments 1
Leave a comment

*

*